Von Ariane Mohl
Wer bei der Energiewende auf Wasserstoff setzt, braucht aktuell gute Nerven. Der Energieträger, der weiten Teilen der Gasbranche als Hoffnungsträger gilt, produziert in diesen Tagen eine Negativschlagzeile nach der anderen. Im Oktober wurde bekannt, dass sich der Start der geplanten Wasserstoffpipeline von Dänemark nach Deutschland wohl um mindestens drei Jahre verschieben wird. Mitte November meldete der Wasserstoffpionier HH2E Insolvenz an. Im Dezember dann die nächste Hiobsbotschaft: Der Eon-Konzern geht bei seinen Wasserstoffaktivitäten kräftig auf die Bremse – und das nicht nur beim Import, sondern auch bei der Erzeugung. Um eine Momentaufnahme dürfte es sich dabei nicht handeln: Die 2022 gegründete Eon Hydrogen GmbH wird aufgelöst.
Warum kommt das Thema Wasserstoff in Deutschland nicht voran? Wie könnte die Politik den Hochlauf unterstützen? Die Initiative "Get H2" listet in einem Positionspapier eine ganze Reihe von Wünschen an die künftige Bundesregierung auf. Von der Erzeugung und dem Import über den Transport und die Speicherung bis hin zur Nachfrage – die Verfasser des Papiers sehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette erheblichen Handlungsbedarf. Für Ärger sorgen etwa die von der EU festgelegten Kriterien für erneuerbaren Wasserstoff. Hier fordert die Initiative "Get H2" eine auf 2026 vorgezogene Revision des delegierten Rechtsakts der RED III zu flüssigen und gasförmigen, erneuerbaren Kraftstoffen nicht biogenen Ursprungs, kurz »RFNBO«. Konkret, so das Plädoyer, sollte die EU die Kriterien zu Zusätzlichkeit, Gleichzeitigkeit und Lokalität des eingesetzten Ökostroms weniger streng anlegen.
Elektrolyse günstiger machen
Die Bundesregierung sollte wiederum Elektrolyseure über das Jahr 2029 hinaus von Netzentgelten befreien und die strukturellen Nachteile für deutsche Projekte bei der Europäischen Wasserstoffbank (EHB) aufheben. Zwingend nötig ist laut der Analyse ein Zertifizierungssystem für erneuerbaren Wasserstoff auf EU-Ebene. Generell müsse es darum gehen, die internationale Anschlussfähigkeit europäischer Systeme voranzutreiben. Auch beim Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur gibt es laut dem Papier Luft nach oben. Es fehle an regulatorischen Grundlagen für den Betrieb integrierter Wasserstoffverteilnetze und ein auskömmliches Finanzierungsmodell.
Wasserstoffderivate nicht vernachlässigen
In den Blick nehmen die Verfasser zudem den Import von Wasserstoffderivaten wie Ammoniak. Hier brauche es einen guten Investitionsrahmen für Importterminals.
Warten auf Speicherstrategie
Die Politik müsse nun so schnell wie möglich ihre lang angekündigte Speicherstrategie vorlegen. Die im EU-Gasmarktpaket ohnehin schon angelegte Regulierung der Wasserstoffspeicher sollte kurzfristig in nationales Recht umgesetzt werden. Mit Blick auf die Finanzierung spricht sich die Wasserstoffinitiative für Differenzverträge und eine intertemporale Umlagefinanzierung aus. Gedanken machen sich die Verfasser der "Wunschliste" auch, weil mit grünem Wasserstoff hergestellte Produkte noch nicht wettbewerbsfähig sind.
Klimaschutzverträge (KSV) seien zwar ein gutes Instrument, es sollte aber so angepasst werden, dass auch die Umstellung von fossil erzeugtem auf erneuerbaren Wasserstoff förderfähig ist. Die vorhandenen Förderinstrumente müssten kumuliert werden können, so eine weitere Forderung. Für Unmut sorgt zudem, dass die RED III zwar Quoten für den Einsatz von RFNBO im Transportsektor vorsieht, die Nachfrage aber ausbleibt. Bei der nationalen Umsetzung der RED III im Transportsektor sollte die Bundesregierung daher die Unterquoten auf einem höheren Niveau als vorgesehen gesetzlich verankern.
Mehr Farben zulassen
Laut "Get H2" sollte die Bundesregierung auch die Bundeslärmschutzverordnung (BlmSchV) reformieren, um Wasserstoff als Erfüllungsoption für die Treibhausgasminderungsquote attraktiv zu machen. Mit Blick auf die Definition von Low- Carbon-Wasserstoff, der etwa auf der Basis von Erdgas mit der Abscheidung von CO2 gewonnen werden kann, wünscht sich die Wasserstoffinitiative Flexibilität.
Wichtig sei auch der Aufbau eines europäischen Wasserstoffverbundnetzes onshore und offshore. Die Politik müsse hier unterstützen, um Importsicherheit zu gewährleisten. Der Mittelstand brauche Klimaschutzverträge, um nicht nur über das Bundesprogramm Industrie und Klimaschutz die Anfangsinvestitionen (Capex), sondern auch die laufenden Kosten (Opex) fördern zu können.


