Von Hans-Peter Hoeren
Der Run auf die Fernwärme in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover geht unvermindert weiter. Dies bestätigte die Enercity-Aufsichtsratsvorsitzende Anja Ritschel vergangene Woche auf Nachfrage bei der Bilanzpressekonferenz. Bei der öffentlichen Anhörung zur Kommunalen Wärmeplanung habe es rund 120 Einwendungen gegeben. "Über 70 Prozent davon betrafen Bürgerinnen und Bürger, die auch einen Fernwärmeanschluss wollten", so Ritschel, die hauptamtlich als Wirtschafts- und Umweltdezernentin der Stadt Hannover tätig ist.
Die Stadt hat vor mehr als einem Jahr über eine Fernwärmesatzung für bestimmte Stadtgebiete eine Nutzungspflicht von Fernwärme für das Heizen, für die Aufbereitung von Warmwasser sowie für die Prozesswärme von Betrieben eingeführt. Diese hat in benachbarten Stadtteilen offenbar so große Begehrlichkeiten geweckt, dass der Rat der Stadt Hannover erst Ende März dieses Jahres die Satzung auf zwei weitere Gebiete ausgedehnt hat. In den beschlossenen Fernwärme-Erweiterungsgebieten befinden sich rund 14.000 Haushalte.
Klare Kommunikation beim Thema Fernwärme
Die Satzung soll den Ersatz von Heizsystemen mit fossilen Brennstoffen durch den Ausbau der Fernwärme beschleunigen. Es besteht kein Anschlusszwang an die Fernwärme, auch klimafreundliche Alternativen, etwa der Einbau einer Wärmepumpe, sind in dem Satzungsgebiet möglich.
Hannover habe das komplexe Thema Fernwärme auch kommunikativ gut gelöst, versicherte Ritschel. Statt auf komplizierte, schwer verständliche Preisformeln Bezug zu nehmen, laute die einfache Botschaft: „Die Fernwärme soll nicht teurer sein als die Gasheizung. Diese klare Botschaft, dass man das Produkt bezahlbar halten wolle, werde vom Kunden verstanden.
Enercity weist seine Fernwärmepreise seit einiger Zeit auch auf der Transparenz-Plattform der Branche aus. "Wir sind bundesweit im untersten Preisdrittel", erklärte Enercity-Vorstand Marc Hansmann. Mit der Plattform wolle man eine weitergehende Regulierung verhindern. "Die Preisformel ist minutiös vorgegeben, es ist alles ausgeklagt. Die Missbrauchsgefahr halte ich für sehr gering", sagte Hansmann. Verbraucherschützer und Politiker verschiedenster Parteien sind da anderer Meinung und fordern mittlerweile eine eigene Preisaufsicht für die Fernwärme.
"AVB-Fernwärme und Wärmelieferverordnung dringend anpassen"
Statt viel neuen Aufwand durch neue Regulierungsvorgaben zu machen, solle die Politik beim Thema Fernwärme lieber ihre Hausaufgaben machen, hält dem Marc Hansmann entgegen. "Die AVB-Fernwärme und die Wärmelieferverordnung sind uralt und sollten dringend angepasst werden. Die Preisformel und die ganzen Vorgaben sollten entbürokratisiert und verständlicher gemacht werden", forderte der Enercity-Vorstand. Wenn etwa in der Preisformel die Personal- und Baukosten stärker gewichtet würden und der Fremdkostenanteil reduziert werde, sei die Preisentwicklung auch für Laien einfacher nachvollziehbar.
In Hannover hat die Fernwärme bei der Wärmeversorgung derzeit einen Anteil von über 23 Prozent, der Anteil an Wärme aus erneuerbaren Energien liegt bei rund 27 Prozent. Laut der Homepage des Regionalversorgers soll der grüne Wärmeanteil bis zum Jahr 2027 auf rund 75 Prozent erhöht und spätestens bis 2035 soll die gesamte Fernwärmeerzeugung zu 100 Prozent klimaneutral sein. Aktuell werden pro Jahr laut dem Unternehmen mehrere Hundert Neuanschlüsse realisiert, mittelfristig soll diese Kapazität deutlich erhöht werden.
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