Den vierten Sommer in Folge kann von einer Flaute auf den Energiemärkten keine Rede sein. Hielten in den Vorjahren leere Gasspeicher, einbrechende russische Gaslieferungen und Streikdrohungen an australischen LNG-Terminals Energiehändler in Atem, sind es nun Unsicherheiten im Nahen Osten. Und nicht nur dort.
Am Montag kletterten die Gaspreise auf dem Handelsplatz TTF auf ein neues Jahreshoch. 41 Euro pro Megawattstunde (MWh) kostete der Frontmonat (Sep-24) am frühen Nachmittag. Zwischendurch war der Preis sogar auf 43 Euro pro MWh gesprungen, ehe er am Nachmittag wieder auf unter 40 Euro purzelte.
Frontjahr knackt 100-Euro-Marke
Prompt zog der Strommarkt nach. Das Frontjahr (Cal-25) knackte zum ersten Mal seit Mai die 100-Euro-Marke und notierte am Mittag bei 100,20 Euro pro MWh. Wer für den Liefermonat Dezember (Dec-24) einkaufen wollte, musste sogar zeitweise mehr als 107 Euro pro MWh hinlegen. Im Laufe des Nachmittags fielen die Preise wieder leicht.
Bei Redaktionsschluss war noch unklar, wie Iran auf die Tötung zweier hochrangiger Köpfe der Verbündeten Hamas und Hisbollah durch Israel reagiert. "Wer uns auf eine Weise schadet, die es in der Vergangenheit nicht gegeben hat, wird wahrscheinlich auf eine Weise getroffen werden, die es in der Vergangenheit nicht gegeben hat", warnte Israels Verteidigungsminister Joav Galant schon einmal vorsorglich.
Opec-Staaten senken Nachfrageprognose
Das US-Militär verstärkte derweil seine Präsenz im Nahen Osten weiter. Verteidigungsminister Lloyd Austin habe die Verlegung des mit einem Atomantrieb ausgestatteten U-Boots "USS Georgia" befohlen, zudem sollen der Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln" und seine Begleitschiffe ihren Transit in die Region beschleunigen, hieß es vom Pentagon.
Wenig Entlastung brachte derweil die Ankündigung der Organisation erdölexportierender Länder (Opec), die Prognosen für die weltweite Erdölnachfrage in diesem und dem nächsten Jahr zu senken. Zuvor hatten auch die Erdölpreise zugelegt. Der Erdölpreis gilt als ein Indikator für die Entwicklung der Gaspreise.
Unklare Situation in russischer Region Kursk
Bei Außentemperaturen von um die 30 Grad Celsius dürften deutsche Energiehändler aber auch wegen anderer Nachrichten zum Schwitzen gekommen sein. Unklar ist weiterhin die Situation in der russischen Region Kursk.
Ukrainische Soldaten hatten dort in der vergangenen Woche überraschend angegriffen. Angeblich nahmen sie auch die Gasmessstation Sudscha ein. Die Gasflüsse gingen zwar am Donnerstag und Freitag leicht zurück, zogen danach aber wieder an, wie Daten des Netzbetreiberverbands Entso-G zeigen. Dennoch reagierten Händler nervös.
Hitzewelle treibt Preise
Die anhaltende Hitzewelle führte zuletzt auch dazu, dass wieder mehr Gas auf den Strommärkten Europas und Asiens nachgefragt wurden. Zudem musste der französische Kernkraftwerkriese EDF an mehreren Standorten insgesamt 2,4 Gigawatt (GW) Leistung kappen, wie der Nachrichtendienst Montel berichtete.
Viele französischen Kernkraftwerke nutzen Flusswasser, um ihre Reaktoren zu kühlen. Ist das Wasser zu warm oder der Wasserstand zu niedrig, muss die Stromerzeugung entsprechend heruntergefahren werden.
"Es ist ein psychologisches Ding"
Ob der Bullenlauf auf den Gas- und Strommärkten überhaupt mit Daten zu rechtfertigen ist, wurde zuletzt unter Gasexperten leidenschaftlich diskutiert. Als der Gaspreis vor zwei Wochen noch bei 30 Euro pro MWh gelegen habe, habe niemand eingekauft, schrieb Energiehändler Gürkan Yilmaz auf Linkedin.
"Jetzt ist der Preis plötzlich auf 40 Euro gestiegen und jeder drängelt." Selbst wenn alle Wirtschaftsfakultäten zusammenkämen, könne man dieses Phänomen nicht erklären, folgerte er. "Es ist ein psychologisches Ereignis."
"Spekulative Wette"
Analyst Seb Kennedy sah es ähnlich. Der Bullenlauf auf dem Handelsplatz TTF sei eine "spekulative Wette", dass es angebotsseitig zu Störungen komme, schrieb er auf seinem Blog "Energyflux". Das sei aber keineswegs garantiert und werde bei anderen internationalen Gaspreisindexen auch nicht so eingepreist. Sein Schluss: "Eine drastische Korrektur ist überfällig." (aba/dpa)
Mehr zum Thema aus dem ZfK-Archiv:
Bis zu 990 Euro pro MWh: Strompreis-Kapriolen gibt es nicht nur in Deutschland
Trianel-Geschäftsführer zu Epex Spot: "Wir müssen das System hinterfragen"
Preisturbulenzen bei Epex Spot: "Das hat sicherlich viele Stadtwerke betroffen"
