Herr Wolffram, die Höchstlast im Netzgebiet von N-Ergie Netz liegt bei 1,2 GW. Die installierte Leistung bei erneuerbaren Energien-Anlagen bereits bei 3 GW. Ist der Strom bei Ihnen schon klimaneutral?
Wir sind im Netzgebiet bilanziell gut aufgestellt: Mehr als 50 Prozent der bei uns im Netz verbrauchten Energie stammt aus regenerativen Quellen. Weil wir stark von der Solarenergie geprägt sind, müssen wir mit hohen Einspeisemengen im Sommer und Flauten im Winter zurechtkommen. Das geht so weit, dass wir in unserem Versorgungsgebiet – inklusive Nürnberg – bereits Februar oder März an Tagen mit gutem Sonnen- und Winddargebot gegen zehn Uhr klimaneutral sind. Hier entspricht die eingespeiste Leistung aus erneuerbaren Energien genau der verbrauchten Leistung. Ab zehn Uhr fangen wir an, ins Übertragungsnetz rückzuspeisen. Das schaffen wir allerdings nicht das ganze Jahr über, schon gar nicht im Winter...
Wo stehen wir beim Stromnetzausbau aktuell?
In den letzten Jahren ist schon sehr viel passiert. Aktuell sind auch für die Menschen bei uns in der Region einzelne Großmaßnahmen gut sichtbar, wie etwa der Aus- und Neubau von Umspannwerken sowie 110-kV-Freileitungen. Trotzdem muss noch Einiges passieren. Nur um ein Beispiel zu geben: Die Erneuerbaren haben bei uns derzeit eine Leistung von drei Gigawatt: Wir gehen davon aus, dass wir im Jahr 2030 zwischen sieben bis neun Gigawatt erreichen. Die Menge verdreifacht sich also. Und dabei ist der Zeitraum für den Zubau viel kürzer als für die ersten drei GW. Deshalb muss im Verteilnetz noch viel passieren – auch in Richtung Flexibilität. Einige der Anlagen, etwa Dachanlagen oder Freiflächen-Anlagen benötigen nur ein, zwei Jahre, bevor sie ans Netz angeschlossen werden. Da sprechen wir schnell über 20, 30, 40 oder 100 MW, die neu hinzukommen. Wir müssen vor allem die 110 kV-Leitungen dringend ausbauen, um die regional zu den Spitzenzeiten meist nicht benötigte Energie abzutransportieren. Allerdings dauert der Ausbau hier sieben Jahre oder länger. Sie sehen, dass sich hier eine Schere auftut: Auf der einen Seite sind zahlreiche neue Anlagen anzuschließen, auf der anderen Seite können wir mit dem Netzausbau nicht Schritt halten.
Wie kann das sein?
Der bestehende Regulierungsrahmen ist auf Effizienz ausgerichtet und im Wesentlichen darauf aufgebaut, dass das Stromnetz den Anforderungen folgt. So sollte im Sinne der Verbraucher verhindert werden, dass eine überdimensionierte Infrastruktur aufgebaut wird. Das machte einen vorausschauenden, planvollen Ausbau des Netzes aber nahezu unmöglich – zumal Netzbetreiber nie mit ausreichendem Vorlauf wussten, wohin und in welchem Umfang eigentlich Erneuerbare gebaut werden. Unser Auftrag als Netzbetreiber ist es, eine sichere, saubere Versorgung sicherzustellen, die auch kostengünstig ist. In der Vergangenheit haben wir daher so ausgebaut, wie die Anlagen errichtet wurden. Doch das muss sich jetzt ändern. Wir brauchen die Möglichkeit, vorausschauender zu bauen. Dazu brauchen wir eine bessere Kenntnis darüber, welche Anlagen geplant sind. Die Koordination von Erneuerbaren-Anlagen ist dazu extrem wichtig. Genauso wie deren Bündelung. Bisher wurden Netzanschlüsse nach dem Windhund-Prinzip vergeben. Besser wäre es, wenn die Projekte sich koordinieren und sich darüber lokal stärker bündeln. Wir würden zum Beispiel entsprechende Netzknoten, wie eine Art Einspeisesteckdose, zur Verfügung stellen, an die sich dann die Anlagen anschließen können. Die aktuelle Planung von Windkraftstandorten in Bayern könnte hier helfen, da diese Einspeiseschwerpunkte mit einer längeren Vorlaufzeit vorgeben könnten.
Stimmt es, dass in Ihrem Netzgebiet momentan Anlagen im Volumen von 2,1 GW auf einen Anschluss warten?
Diesen Anlagen sind bereits Verknüpfungspunkte zugeordnet oder wir sind gerade dabei, dies zu tun. Wenn die Anlagen physisch da sind, werden sie auch entsprechend angeschlossen. Allerdings sind unsere Netze in vielen Bereichen gerade in der Zeit eines hohen Sonnendargebotes schon gut ausgelastet. Aufgrund der gleichzeitigen Leistungsspitzen bei geringer Leistungsentnahme in der Region, werden wir diese Anlagen dann teilweise auch abregeln müssen.
Im Jahr 2022 wurden rund 2 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen abgeregelt. Ist das ein hoher Wert?
Da in der Regel die Spitzen geglättet werden, geht relativ wenig Energie verloren. Bei steigender Anzahl von Anlagen wird dieser Wert weiter ansteigen. Wenn wir diese Energie anders nutzen könnten, wäre es natürlich schön. Aber dafür müssten im heutigen Modell die Netze auf ein übermäßiges Niveau ausgebaut werden. Die Kapazität des Netzes würde dann vielleicht für wenige 100 Stunden im Jahr vollständig genutzt. Da stellt sich die Frage, ob das Investment volkswirtschaftlich sinnvoll ist.
Welchen Beitrag könnten Speicher leisten?
Speicher können dazu beitragen, diese gekappten Leistungsspitzen zu speichern und beispielsweise in den Abendstunden wieder abzugeben. Aber dafür fehlen die Anreize gerade bei großen Anlagen. Betreiber von Erneuerbaren-Anlagen erhalten derzeit ihre Vergütungen auch, wenn die Anlagen gedrosselt werden müssen. Warum sollten die Betreiber also in Speicher investieren? Wir brauchen einen Regulierungsrahmen, bei dem es sich lohnt, Speicher netzdienlich zu betreiben, um Engpässe zu dämpfen und Leistungsspitzen zu puffern. Dadurch könnten wir den regionalen Energieverbrauch nochmal deutlich erhöhen. Momentan erzeugen wir teilweise wahnsinnig viel Energie, die aber nicht regional verbraucht, sondern, im besten Fall, wegtransportiert wird. Ob die Energie dann dort zu diesem Zeitpunkt gebraucht werden kann, ist offen.
Speicher sind also nicht immer nützlich?
Es kommt darauf an: Am Netz angeschlossen, ist ein Speicher für den Netzbetreiber zunächst einerseits ein Einspeiser und andererseits ein Verbraucher. Wenn der Speicher selbstständig agiert, wird er in der Regel von den Strompreisen getrieben. Die deutschlandweiten Marktpreise haben aber wenig mit unseren Engpässen vor Ort zu tun. Wenn der Speicher marktlich agiert, kann es sein, dass er, aus welchem Impuls auch immer, zu einem Zeitpunkt ausspeichert, wo wir sowieso gerade Energie im Überfluss haben – oder andersherum.
Wenn wir als Netzbetreiber jedoch einen eingeschränkten Zugriff auf den Speicher hätten, könnte weiterer Netzausbau in den jeweils betroffenen Regionen vermieden oder reduziert werden. Nur warum sollte mir als Netzbetreiber heute ein Speicherbetreiber diesen Wunsch erfüllen? Wenn ich zum Beispiel im Netzanschlussvertrag regele, in welchem Zeitfenster ich als Netzbetreiber auf den Speicher zugreifen darf, sollte der Betreiber dafür auch eine Entschädigung erhalten, beispielsweise eine Reduzierung oder Erlass des Baukostenzuschusses. Auf bundesweiter Ebene fehlt eine solche Regelung aber.
Was erhoffen Sie sich von der PV-Strategie der Bundesregierung?
In dem Papier zeigt sich wieder, wie wenig Beachtung das Thema Verteilnetz bekommt. Anreize für neue PV-Anlagen gibt es dort viele. Zum Netzausbau findet sich kaum etwas. Diese Rechnung geht aber nicht auf, schließlich sind nicht nur mehr Anlagen anzuschließen, sondern auch die Energiemengen ins Netz einzuspeisen und zum Kunden zu transportieren. Bei manchen politischen Akteuren scheint weiterhin die Vorstellung zu herrschen, dass das Verteilnetz eine Kupferplatte ist, an die man sich beliebig anschließen kann. Die PV-Strategie kann nur zu einem Erfolg werden, wenn wir leistungsfähige Stromnetze haben. Schon in unserem Netzgebiet sprechen wir von einer Verdreifachung der installierten Leistung. Bei anderen regionalen Netzbetreibern geht es um zum Teil noch viel größere Dimensionen. Wir müssen jetzt die Rahmenbedingungen schaffen, damit diese Transformation gelingt. Wir brauchen eine klare Synchronisation von Netzausbau und Anlagen-Ausbau sowie einen Ordnungsrahmen, der sinnvolle Alternativen zum Netzausbau, wie zum Beispiel der Einsatz netzdienlicher Speicher, anreizt. Sonst schließen wir nur weitere Anlagen an, die dann abgeregelt werden müssen. Diese Rechnung geht dann nicht auf und dafür bezahlt am Ende der Netzkunde.
Die Fragen stellte Julian Korb



