Die Bundesnetzagentur hat sich zur erforderlichen Netzreserve für das kommende Winterhalbjahr 2019/2020 sowie für das Jahr 2022/2023 geäußert. Der Bedarf an Erzeugungskapazitäten aus Netzreservekraftwerken liegt im kommenden Winter demnach bei 5126 Megawatt. Verglichen mit dem für den vergangenen Winter festgestellten Bedarf in Höhe von 6600 Megawatt reduziert sich der Netzreservebedarf um 1474 Megawatt. Ein wichtiger Grund liegt darin, dass das vorhandene Netz effizienter genutzt werden kann, vor allem hinsichtlich des witterungsabhängigen Freileitungsmonitorings.
Ein Blackout kann jedoch nicht ohne Rückgriff auf die Reservekapazitäten vermieden werden: "Es gibt nach wie vor einen Bedarf an Netzreserve, um das deutsche Stromnetz in kritischen Situationen stabil zu halten. Dies macht die Bedeutung eines zügigen Netzausbaus deutlich", erläutert Jochen Homann, Präsident der Behörde. Für den kommenden Winter bestehe wiederum Bedarf, der aber aus inländischen Reservekraftwerken gedeckt werden könne. Homann erwartet nicht, dass Leistung aus ausländischen Kraftwerken beschafft werden muss.
Kernkraft-Aus sorgt für Unwägbarkeiten
Bereits für den Winter 2022/2023 wird der Netzreservebedarf jedoch 10.647 Megawatt betragen. Das ist ein Anstieg gegenüber der aktuellen Situation auf mehr als das Doppelte. Diese deutliche Erhöhung hat verschiedene Gründe. Zunächst muss nach der neuen europäischen Stromhandelsverordnung von 2019 der Umfang an Transportkapazitäten, der Stromhändlern für den grenzüberschreitenden Stromhandel zur Verfügung steht, schrittweise erhöht werden. Ende 2022 gehen dann die letzten Kernkraftwerke vom Netz.
Durch das Kernkraft-Aus wird sich das Gefälle an installierten Erzeugungskapazitäten zwischen Nord- und Süddeutschland vergrößern. Die dadurch bedingte Zunahme des Transportaufkommens zwischen dem erzeugungsreichen Norden und dem vergleichsweise erzeugungsarmen Süden Deutschlands erhöht den Redispatchbedarf. Trotzdem sieht die Bundesnetzagentur bislang von einem Interessenbekundungsverfahren zur Beschaffung von Netzreserveanlagen aus ausländischen Kraftwerken ab, weil "der Bedarf für Winter 2022/23 ... derzeit noch mit hohen Unsicherheiten behaftet" sei.
Benötigte Reserve verdoppelt sich
Die Fertigstellung der Leitungen Hamburg/Nord – Dollern, Elbekreuzung, St. Peter – Norf, Wehrendorf – St. Hülfe sowie Fellerhöfe – St. Tönies hat wie erwartet dazu beigetragen, den Netzreservebedarf zu senken. Dies unterstreicht die Bedeutung des Netzausbaus nach Ausschöpfung von Effizienzreserven einserseits, aber andererseits ist dadurch noch offen, in welchem Umfang tatsächlich auf vertraglich garantierte Netzreservekraftwerke zurückgegriffen werden muss.
Falls diese Kraftwerke wirklich benötigt würden, wäre es unumgänglich, zusätzliche Kapazitäten bereitzustellen. Die Bundesnetzagentur hält indessen an der bislang geübten Praxis fest, Netzreserve im Ausland erst zu kontrahieren, wenn die Bedarfsanalyse für den unmittelbar folgenden Winter einen entsprechenden Bedarf ergibt. Denn es gibt eine Alternative: den verstärkten Netzausbau. Nur ein solcher Ausbau werde den Netzreservebedarf signifikant senken, gibt der Präsident der Bundesnetzagentur, Homann, denn auch zu bedenken. (sig)



