Die Stromexporte aus Deutschland ins Ausland gingen 2023 im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel zurück.

Die Stromexporte aus Deutschland ins Ausland gingen 2023 im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel zurück.

Bild: © Christian Schwier/AdobeStock

Es hatte sich in den vergangenen Monaten abgezeichnet. Jetzt ist es Gewissheit. Im Jahr 2023 wurde mehr Strom nach Deutschland importiert, als von dort ins Ausland verkauft wurde. Der Anstieg der Nettoexporte im Vorjahr erwies sich also eher als Ausreißer denn als neuer Trendsetter.

Auf der Fraunhofer-Plattform Energy-Charts lässt sich die Stromaußenhandelsstatistik seit dem Jahr 2015 einsehen. Demnach betrugen die Netto-Stromexporte im Jahr 2017 noch 61 Terawattstunden (TWh). Seitdem schmolz die Exportmenge Jahr für Jahr.

2023 färbt sich Landkarte erstmals rot

Im ersten Coronajahr 2020 wurden noch 19 TWh Strom netto exportiert, im zweiten Coronajahr 2021 dann 18 TWh. Einen Anstieg gab es im Energiekrisenjahr 2022, als insbesondere der große Nachbar Frankreich deutschen Strom nachfragte, um ungeplante Ausfälle in seinem eigenen nuklearen Kraftwerkspark zu kompensieren.

2023 färbte sich die deutsche Landkarte bei den Energy-Charts erstmals nicht mehr grün, sondern rot. Nach Angaben der Plattform wurden im vergangenen Jahr 11,7 TWh Strom mehr aus dem Ausland importiert, als dorthin verkauft wurden. Betrachtet wurde der grenzüberschreitende Stromhandel, nicht die physikalischen Flüsse. Als Datenquelle wird der europäische Übertragungsnetzbetreiberverband Entso-E angegeben.

Exporte sinken um ein Viertel

Tatsächlich ist es im Stromhandelsalltag bei Ex- und Importen ein munteres Hin und Her. Nach Auswertung der Bundesnetzagentur importierte Deutschland im vergangenen Jahr insgesamt 54 TWh und exportierte 42 TWh.

Im Vergleich zum Vorjahr seien die Importe um 63 Prozent gestiegen, schreibt die Behörde. Die Exporte dagegen seien um ein Viertel gesunken.

Dänemark nur knapp Strom-Exporteur

"Der Mechanismus [der Marktkopplung] ist so angelegt, dass aus günstigeren Preiszonen in höherpreisige Preiszonen exportiert wird, soweit die Grenzkuppelstellenkapazitäten dies zulassen", erklärte der Energieverband BDEW, der die Stromaußenhandelsbilanz für die AG Energiebilanzen analysiert, vor Kurzem auf ZfK-Anfrage.

In der Praxis hieß dies im vergangenen Jahr, dass Deutschland insbesondere in den Sommermonaten aus Skandinavien, aus der Schweiz und teils sogar aus Österreich viel Strom importierte, weil das hohe erneuerbare Energieaufkommen die Strompreise dort drückte. Am meisten Strom bezog Deutschland nach Energy-Charts-Angaben aus Dänemark (10,7 TWh). Das Bemerkenswerte dabei: Deutschlands nördlicher Anrainer importierte im selben Jahr fast so viel Strom, wie er exportierte und landete am Ende bei einem Plus von gerade 0,7 TWh.

Fast ausgeglichene Bilanz mit Frankreich

Deutlich weiter im grünen Bereich lagen Norwegen und Schweden, die beide insbesondere auf Wasserkraft setzen. Norwegen war auch Deutschlands zweitgrößter Netto-Stromlieferant (4,6 TWh), gefolgt von Schweden (2,9 TWh) und den Niederlanden (2,1 TWh).

Die deutsche Stromaußenhandelsbilanz mit Frankreich, das vor allem auf Kernkraft baut, war dagegen beinahe ausgeglichen. Der große westliche Nachbar exportierte 2023 rund 0,4 TWh mehr nach Deutschland, als er von dort bezog. Vor allem im Januar und Februar war die Nachfrage in Frankreich nach deutschem Strom noch groß.

Nach-AKW-Aus: "Bild" macht Stimmung

Medial stand die deutsche Stromaußenhandelsbilanz im vergangenen Jahr ungewöhnlich oft im Rampenlicht. Ein wesentlicher Grund dafür war auch der endgültige Ausstieg Deutschlands aus der Kernkraft. Dieser fiel mit einem Anstieg der Netto-Importe in den Sommermonaten zusammen.

So titelte die "Bild": "Immer mehr Strom aus dem Ausland. Die Frust-Bilanz des AKW-Aus". Oder: "Deutschland wird zum Strombettler".

BDEW ordnet AKW-Aus ein

Im November und Dezember wurde die Bundesrepublik insgesamt wieder Netto-Stromexporteur. Prinzipiell kommt der noch immer große konventionelle Kraftwerkspark der Bundesrepublik eher in der kalten Jahreszeit zum Tragen, wenn die Sonne nicht mehr so häufig scheint und Solaranlagen kaum mehr laufen.

Und die Stilllegung der letzten drei Kernkraftwerke? Diese sei aufgrund der Verkürzung der deutschen Merit-Order unter anderem ein Grund für die stärkere Importneigung Deutschlands, aber keinesfalls alleinige Ursache, erklärte der BDEW im November auf ZfK-Nachfrage. "Auch mit der monatlichen Stromerzeugung der drei stillgelegten Blöcke wäre Deutschland in den Sommermonaten Netto-Importeur gewesen."

"Europäischer Strombinnenmarkt funktioniert"

Je nach Preis- und Erzeugungssituation sei Deutschland in den Sommermonaten in zahlreichen Stunden auch Exporteur von Strom gewesen. Das Fazit des BDEW deshalb: "Die aktuelle Entwicklung unterstreicht das Funktionieren des europäischen Strombinnenmarkts." (aba)

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