Anders Jensen, Geschäftsführer des Kabelherstellers NKT, warnt vor einer Rückkehr zur Freileitungspolitik – und fordert Stabilität und Langfristdenken bei der Energiewende.

Anders Jensen, Geschäftsführer des Kabelherstellers NKT, warnt vor einer Rückkehr zur Freileitungspolitik – und fordert Stabilität und Langfristdenken bei der Energiewende.

Bild: © NKT

Von Julian Korb

Die Debatte um Kosten und Tempo der Energiewende gewinnt an Schärfe. Nach dem Antritt von Katherina Reiche (CDU) im Bundeswirtschaftsministerium wird in Berlin erneut diskutiert, ob der Vorrang für Erdkabel beim Netzausbau noch zeitgemäß ist. Die Branche ist gespalten – doch für Anders Jensen, Geschäftsführer beim dänischen Kabelspezialisten NKT und Vorsitzender des Fachverbands Kabel und Drähte, steht fest: Eine Abkehr vom Erdkabelkurs wäre ein Fehler mit drastischen Folgen.

"Die Aussage, dass Kabellösungen grundsätzlich teurer seien, ist eine verkürzte Betrachtung", sagt Jensen im Gespräch mit der ZfK. "Schon 2015 war klar, dass Erdkabel höhere Anfangsinvestitionen verursachen. Aber über den gesamten Lebenszyklus betrachtet – inklusive Betrieb, Wartung, Verlusten und gesellschaftlicher Akzeptanz – ist die Bilanz ausgeglichen." Diese zusätzlichen Faktoren, so der Manager, würden in den derzeit kursierenden Berechnungen zu den Einsparpotenzialen von Freileitungen jedoch ausgeblendet. "Mit Scheuklappen plant man keinen Netzausbau", warnt er.

"Veränderungen jetzt würden Milliarden kosten"

Während Freileitungen regelmäßig gewartet, Schneisen freigehalten und Masten kontrolliert werden müssen, gelten Erdkabel als nahezu wartungsfrei. Zudem liegen die Übertragungsverluste laut Jensen bei Gleichstromverbindungen rund drei Prozentpunkte niedriger als bei Freileitungen. "Das klingt wenig, ist aber bei mehreren Gigawatt Leistung ein enormer Unterschied", so der Geschäftsführer des dänischen Kabelherstellers.

Dennoch fordern einige Politiker, angesichts steigender Strompreise und knapper Haushaltsmittel den Netzausbau zu "verschlanken". Aus Sicht von Jensen wäre das fatal. "Wir reden über ein Jahrhundertprojekt, dessen Planungen auf Jahrzehnte ausgelegt sind. Wer jetzt den Kurs ändert, riskiert mindestens fünf Jahre Verzögerung – und Milliardenkosten", warnt er.

Sinkende Strompreise durch große Trassen

Das bestätigt auch der jüngste Energiewende-Monitoringbericht, den Wirtschaftsministerin Reiche vorgestellt hat: Dort gelten Planungs- und Genehmigungsverfahren als größte Bremse der Transformation. Reiche kündigte an, Effizienz und Kosten stärker in den Blick zu nehmen – doch Jensen mahnt zur Vorsicht: "Wenn man die Priorität von Erdkabeln jetzt infrage stellt, verlieren wir nicht nur Zeit, sondern auch Vertrauen der Bevölkerung. Akzeptanz ist kein 'Nice-to-have', sondern ein harter Kostenfaktor – und der Schlüssel zur Beschleunigung."

Tatsächlich sprechen Umfragen eine deutliche Sprache: Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung lehnen neue Freileitungen in ihrer Umgebung ab. "Mit Erdkabeln haben wir die Menschen hinter der Energiewende", betont Jensen. "Wenn die Akzeptanz da ist, laufen Genehmigungen schneller – das ist am Ende auch ökonomisch sinnvoll. Wer heute an den Erdkabeln spart, zahlt morgen doppelt."

Der norddeutsche Netzbetreiber Tennet hat in den vergangenen Jahren bereits stark auf Erdkabel gesetzt, insbesondere bei den Großprojekten Südlink und Südostlink. Diese sollen bis 2027 weitgehend in Betrieb gehen. Jensen sieht darin einen Wendepunkt: "Wenn die großen Gleichstromtrassen laufen, sinken die Netzentgelte spürbar – und mit ihnen die Strompreise. Dann wird man sehen, dass sich der Aufwand gelohnt hat."

Mischlösungen gefährden Netzstabilität

Neben der wirtschaftlichen Betrachtung nennt Jensen technische und sicherheitspolitische Gründe für Erdkabel: "Mischlösungen aus Freileitungen und Erdkabeln führen zu Stabilitätsproblemen – Stichwort 'Nähmaschine-Effekt'. Für die Netzführung sind homogene Systeme günstiger und stabiler."

Zudem gewinne die physische Sicherheit an Bedeutung. Nach mehreren Sabotageakten auf Energieinfrastruktur in Europa sei die Verwundbarkeit der Freileitungen offensichtlich. "Erdkabel sind deutlich weniger angreifbar. Das ist ein Sicherheitsfaktor, der bisher in keiner volkswirtschaftlichen Rechnung vorkommt."

Wie Jensen weiter betont, sei der Netzausbau ohne Digitalisierung kaum zu bewältigen. "Wir brauchen intelligente Netze, die Energieflüsse in Echtzeit überwachen und steuern. Künstliche Intelligenz wird hier ein zentraler Faktor." NKT investiere bereits in Sensorik und Datenanalyse, um den Netzbetreibern präzisere Informationen über Last, Temperatur und Betriebssicherheit zu liefern.

Auch die Resilienz der Lieferketten gewinne an Bedeutung. "Erdkabeltechnologie wird in Europa entwickelt und gefertigt – mit belastbaren, planbaren Lieferketten", sagt Jensen. "Freileitungskomponenten hingegen kommen häufig aus Asien. Wer beim Netzausbau nur auf den kurzfristigen Preis schaut, riskiert neue Abhängigkeiten – bei der vielleicht kritischsten Infrastruktur unserer Zeit. Es geht darum, Wertschöpfung und Versorgungssicherheit in Europa zu halten."

Kabelindustrie hat Milliarden investiert

Was der Kabelexperte in der aktuellen Debatte vermisst, ist vor allem politische Kontinuität. "Jede neue Regierung stellt wieder Grundsatzfragen. Das ist gefährlich, weil diese Projekte Jahrzehnte dauern und Milliardeninvestitionen durch Industrie erfordern.  Wenn wir alle paar Jahre die Richtung ändern, verlieren wir nicht nur Zeit und Milliarden – sondern auch das Vertrauen der Menschen, die diesen Wandel mittragen sollen."

Damit steht er nicht allein. Auch Niedersachsens Energieminister Olaf Lies hatte zuletzt im ZfK-Interview betont, die Energiewende brauche "keinen Neustart, sondern Verlässlichkeit und klare Zuständigkeiten". Jensen formuliert es ähnlich: "Die deutsche Kabelindustrie hat Milliarden investiert, um diese Technologie zu ermöglichen. Jetzt ist es an der Politik, diesen Weg konsequent weiterzugehen."

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