Die Strompreise im Kurzfristhandel sind im vergangenen Jahr zeitweise sehr tief gefallen.

Die Strompreise im Kurzfristhandel sind im vergangenen Jahr zeitweise sehr tief gefallen.

Bild: © Andy Ilmberger/AdobeStock

Von Julian Korb

Studien zur Energiewende gab es in den vergangenen Monate viele. Nun hat die Beratung Boston Consulting Group (BCG) einen Blick in die Zukunft gewagt und dabei auch die weltweiten Entwicklungen berücksichtigt. Größere Verschiebungen sind demnach kaum zu übersehen.

So haben Energiesicherheit und Bezahlbarkeit global an Bedeutung gewonnen. Immer mehr Länder versuchen zudem, die einheimische Stromerzeugung auszubauen und Abhängigkeiten vom Weltmarkt zu verringern – oft auch mithilfe von Handels- und Industriepolitik. Dabei sehen die Berater vor allem ein großes Kostenproblem.

Kosten für Stromnetz versechsfacht

Denn während die Kosten für Wind-, Solar- und Batteriespeichertechnologien kontinuierlich gesunken sind, haben sich die Kosten für Netzinfrastruktur seit dem letzten großen Ausbau in den 1960er-Jahren versechsfacht. Gründe dafür sind: Verzögerungen bei Genehmigungen, Arbeitsbeschränkungen, höhere technische Komplexität und Probleme in den Lieferketten. Dies gelte nicht nur für das Stromnetz, betonen die Studienautoren, sondern für alle Energieinfrastrukturen.

Besonders auffällig: Die Genehmigungsdauer geht von Land zu Land deutlich auseinander. Am schnellsten erhalten Solar- und Windparks in China die Erlaubnis, gerade einmal ein bis zwei Jahre dauert es hier. In der EU und den USA sind es bis zu fünf Jahre. Noch dramatischer sieht es bei der Genehmigung von Stromnetzen auf der Hochspannungsebene aus; während sich der Prozess in China im Schnitt über vier Jahre zieht, sind es in der EU bis zu dreizehn Jahre.

Nachdem sich Energieversorger und Netzbetreiber jahrzehntelang auf die Instandhaltung und Modernisierung bestehender Energieinfrastruktur konzentriert haben, dürfte es nun zu einem großangelegten Ausbau kommen. Die Studienautoren rechnen damit, dass der Kapitalaufwand von 2024 bis 2030 um 50 Prozent steigen wird. Kapitalkosten dürften daher die größte Herausforderung werden – auch, weil sich Unternehmen und Lieferketten noch nicht ausreichend darauf vorbereitet hätten.

KI-Boom treibt die Stromnachfrage

Eine nachlassende Stromnachfrage, wie sie in Deutschland bisweilen diskutiert wird, sehen die Autoren hingegen nicht. Treiber sind vor allem KI-Rechenzentren sowie die steigende Nachfrage nach Kühlung, sowie die zunehmende Elektrifizierung im Verkehr, in Gebäuden und in der Industrie.

Vor dem Hintergrund erwarten die Studienautoren auch eine Renaissance der Kernenergie, sowie eine um 40 Prozent steigende Erzeugungskapazität von Erdgas bis 2040. Bei LNG sei sogar ein Nachfrage-Plus von 80 Prozent bis 2040 zu erwartet. Auch die Nachfrage für Öl dürfte höher sein als bisher erwartet, was die Autoren auf mangelnde Alternativen in der Luftfahrt, im Schwertransport und in der Petrochemie zurückführen.

Laut der Studie dürften zudem die Kosten für grünen Wasserstoff sowie für längerfristige Speicher höher bleiben als bislang erwartet. Auch die Kosten für CO₂-Abscheidung und -Speicherung bleiben bislang hoch.

Hoher Anteil der Netzentgelte

Um die Probleme zu lösen, gebe es keine einheitlichen Ansätze, betonten die Autoren von BCG. Auch sind die Herausforderungen in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Obwohl Deutschland massiv in den Ausbau der erneuerbaren Energien investiert hat, sind die Strompreise deutlich gestiegen – anders als in Asien und in den USA.

Die in Deutschland viel diskutierten Stromnetzentgelte sind jedoch nur ein Teil des Problems. Deren Anteil ist hierzulande mit 23 Prozent am Endkundenpreis zwar hoch, in den USA mit 49 Prozent aber deutlich höher. Dafür fällt der Anteil von Steuern und Abgaben mit 25 Prozent vergleichsweise hoch aus. Die Bundesregierung hatte zuletzt eine bereits angekündigte Stromsteuerentlastung für Privathaushalte jedoch wieder zurückgenommen.

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