
Gastbeitrag von
Florian Antwerpen,
Gründer und Geschäftsführer
Kyon Energy (Speicherprojektierer und -betreiber)
Wenige Themen werden so emotional und mit so vielen unterschiedlichen Meinungen diskutiert wie die Energiewende – dabei handelt es sich eigentlich um ein sehr physikalisches Thema – und die Physik basiert auf harten Fakten und folgt klaren Regeln.
Die Angst vor angeblichen "Stromlücken", die unumgängliche "Notwendigkeit von konventionellen Erzeugungsanlagen für eine sichere Stromerzeugung" und "zu hohe Kosten von Photovoltaik und Windparks": Es kursieren viele Behauptungen, die für Unsicherheit sorgen. Gerade für öffentliche Behörden und Kommunen, die zentrale Akteure der lokalen Energiewende sind, ist es entscheidend, zwischen Stimmungsmache und Fakten zu unterscheiden.
Großbatteriespeicher zeigen eindrücklich, dass Versorgungssicherheit, Netzstabilität und der Ausbau erneuerbarer Energien keine Gegensätze sind. Obwohl bereits 57 Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen stammen, halten sich Zweifel: Kann aus Wind und Sonne zuverlässig Strom erzeugt werden? Ist das Netz überlastet? Müssen fossile Kraftwerke zurückkommen?
Solche Fragen prägen den öffentlichen Diskurs – doch sie beruhen oft auf überholten Vorstellungen. Viele Herausforderungen sind längst lösbar oder bereits gelöst. Eines steht auf jeden Fall fest: Das Thema Energiewende ist eine komplexe und vielschichtige Aufgabe. Batteriespeicher nehmen dabei eine Schlüsselrolle ein. Sie stabilisieren Netze, überbrücken Lastspitzen und vermeiden unnötige Kosten. Zeit also, fünf der gängigsten Irrtümer genauer unter die Lupe zu nehmen.
1. Das Stromnetz kann nur stabil betrieben werden, wenn es große Grundlastkraftwerke gibt
In der rein fossilen Vergangenheit der Stromerzeugung kam der gesamte Strom aus mittelgroßen und großen Kraftwerken. Wechselrichtertechnologie und schnelle digitale Regeltechnik gab es nicht. In den letzten 30 Jahren hat sich nicht nur der Anteil erneuerbarer Energiequellen am globalen Strommix explosionsartig weiterentwickelt, sondern auch die Technologie selbst. Schnelle Datenverarbeitung, moderne Mess- und Regeltechnik ermöglichen eine extrem schnelle Reaktion von Erzeugung und Verbrauch auf kurzfristige Veränderungen in der Stromversorgung.
Bislang übernehmen große rotierende Generatoren diese Aufgabe – ihre Schwungmasse gleicht kleinste Schwankungen automatisch aus und hält damit die Netzfrequenz stabil. Dieser physikalische Effekt wird als Momentanreserve bezeichnet. Ein Markt, der diese Leistung vergütet, existiert bisher allerdings nicht. Doch es ist ein Irrtum, anzunehmen, nur konventionelle Kraftwerke könnten diese Stabilität bieten.
Moderne Wechselrichter zeigen, dass es auch anders geht. Mithilfe der richtigen Leistungselektronik reagieren große Batteriespeicher präzise auf Frequenzabweichungen, können innerhalb von Millisekunden Energie aufnehmen oder abgeben und so aktiv zur Netzstabilität beitragen.
Das hat auch das Programm "Schaufenster Intelligente Energie" des Bundeswirtschaftsministeriums gezeigt: Speicher können messbar zur Frequenzstützung beitragen. Was bisher fehlt, sind klare technische Vorgaben und ein passender Marktmechanismus, der auch nicht-konventionelle Anlagen für ihre Netzstützungsleistung berücksichtigt.
Dabei steht längst fest: Marktteilnehmern, den Netzbetreibern und der Regulierungsbehörde ist klar, dass Speicher ein zentraler Bestandteil des Energiesystems sein werden und müssen. Je nach Szenario rechnen die Übertragungsnetzbetreiber im Netzentwicklungsplan 2037/2045 mit einem Ausbau auf 18 bis 36 GW bis 2037 – und auf bis zu 44 GW bis 2045. Die Speicherkapazität könnte dann bei bis zu 175 GWh liegen.
2. Deutschland und Europa steuern unausweichlich auf eine Stromlücke zu
Die große Sorge vor einer drohenden Stromknappheit dient als Argument, um den erneuten Ausbau fossiler Kraftwerke voranzutreiben. In der Realität waren 1995 120 GW an Erzeugungsleistung installiert – 2025 sind es 260 GW. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Mangel an Erzeugungskapazitäten, sondern in einem Mangel an Flexibilität.
Genau hier setzen moderne Speicherlösungen an. Sie nehmen überschüssige Energie aus Wind- und Solaranlagen auf – Energie, die andernfalls abgeregelt und ungenutzt verloren ginge. Sobald die Nachfrage steigt oder das Angebot zurückgeht – etwa in windstillen Nächten oder den Abendstunden – geben sie diese Energie innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder ab und stützen so das Netz und vermeiden Preisspitzen.
Diese Flexibilität macht Speicher zu einem Schlüsselelement der künftigen Stromversorgung. In ganz Deutschland entstehen derzeit zahlreiche Projekte, die darauf abzielen, die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Dies soll nicht durch neue fossile Kraftwerke, sondern durch dezentrale, schnell regelbare Speicheranlagen erreicht werden. Je stärker diese Systeme regulatorisch und politisch gefördert werden, desto weniger Bedarf besteht für fossile Reservekraftwerke wie Gaskraftwerke – und damit auch für entsprechende Subventionen. Das wirkt langfristig stabilisierend auf die Strompreise und reduziert die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern.
Die Dynamik des Ausbaus zeigt sich bereits: Allein im Jahr 2024 wurde laut Marktstammdatenregister 16,2 GW Photovoltaik-Leistung neu ans Netz gebracht – ein Rekord. Parallel dazu nimmt die installierte Leistung großer Batteriespeicher deutlich zu. Der Bundesverband der Solarwirtschaft fordert eine Erweiterung auf 100 GWh Speicherkapazität bis 2030.
3. Regenerativer Strom aus Sonne und Wind macht das Netz instabil
Immer wieder wird behauptet, ein hoher Anteil erneuerbarer Energien gefährde die Stabilität des Stromnetzes. Tatsächlich gibt es für die Verfügbarkeit der Stromversorgung einen Messwert, der jährlich erfasst wird, der sogenannte SAIDI-Wert. Dieser sagt aus, wie viele Minuten pro Jahr ein Verbraucher in Deutschland nicht mit Strom versorgt war. Spannend an diesem Wert ist, dass er seit Beginn der Energiewende massiv gesunken ist. 2006 lag der Wert auf der Mittelspannungsebene bei 18,67 Minuten, 2024 noch bei 9,2 Minuten.
Das tatsächliche Problem bei Wind- und Sonnenstrom liegt aktuell bei der Nutzbarmachung in sehr wind- oder sonnenreichen Stunden. Aktuell werden viele Wind- und PV-Parks vom Netzbetreiber abgeschaltet, wenn das Netz die Energie nicht aufnehmen kann. In der Regel bekommen die Betreiber aber weiterhin eine Vergütung – auch wenn sie gar nicht produzieren. Das belastet natürlich die Endverbraucher.
Das Ergebnis: sogenannte Redispatch-Kosten in teils schwindelerregender Höhe. Allein 2024 summierten sich diese laut Bundesnetzagentur auf rund 2,7 Milliarden Euro. Monatlich schwanken die Kosten zwischen 32 und 477 Millionen Euro – ein deutliches Zeichen dafür, dass es nicht an Strom, sondern an Flexibilität im Netz mangelt.
Genau hier können Batteriespeicher ansetzen, wenn sie von den Netzbetreibern passend im Netzbetrieb berücksichtigt werden. Sie nehmen überschüssigen Strom auf, statt ihn ungenutzt zu lassen, und speisen ihn bei Bedarf wieder ein.
Welches Potenzial in dieser Technologie steckt, belegen auch aktuelle Studien. Demnach sparen Netzbetreiber bereits heute zwischen 3 und 6 Euro pro Kilowatt installierter Batteriekapazität und Jahr an Redispatch-Kosten. Diese Zahlen bestätigt unter anderem eine Analyse von Frontier Economics. Noch größer wäre der Nutzen, wenn geeignete Preissignale die netzdienliche Wirkung von Speichern gezielt fördern würden.
Die Bundesnetzagentur hat diesen Hebel erkannt und mit dem Programm "Nutzen statt Abregeln 2.0" begonnen, Speicher systematisch in das Engpassmanagement zu integrieren.
4. Großbatteriespeicher treiben Kosten in die Höhe
Im Gegenteil: Großbatteriespeicher entlasten das Energiesystem nicht nur – sie sparen laut einer Studie von Frontier Economics aus dem Jahr 2024 mindestens 12 Milliarden Euro an volkswirtschaftlichen Kosten bis 2050. Sie übernehmen Aufgaben, die bislang von teuren Gaskraftwerken erfüllt wurden, senken Großhandelspreise, reduzieren die Preisschwankungen am Strommarkt und stärken gleichzeitig die Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffimporten – und das ganz ohne staatliche Förderung oder Subvention.
Die Analyse zeigt zudem, dass ein marktgetriebener Ausbau von Speichern möglich ist, sofern regulatorische Hürden abgebaut werden. Besonders deutlich wirkt sich der Einsatz von Großbatterien auf den Großhandelsstrommarkt aus: Sie nehmen Stromüberschüsse gezielt auf und geben ihn in Zeiten hoher Nachfrage wieder ab. Dadurch werden extreme Preisschwankungen abgefedert – sowohl nach unten als auch nach oben.
Wenn erneuerbare Energien im Überfluss vorhanden sind, verhindern Speicher das Absinken der Preise in den negativen Bereich. Bei Knappheit stellen sie Energie bereit und dämpfen Preisspitzen. Das sorgt nicht nur für Versorgungssicherheit, sondern auch für stabilere Märkte und besser planbare Energiekosten. Strom, der sonst verschenkt oder abgeregelt würde, bleibt im System und steht dann zur Verfügung, wenn er gebraucht wird – ein klarer wirtschaftlicher Vorteil für Anbieter wie Verbraucher.
5. Batteriespeicher sind nur eine Übergangslösung
Speicher gelten vielerorts noch immer als Ergänzungstechnologie, dabei bilden sie bereits das Rückgrat einer klimaneutralen Stromversorgung. Sie übernehmen weit mehr als nur das Ausgleichen kurzfristiger Schwankungen. Auch in langanhaltenden Dunkelflauten tragen sie dazu bei, dass deutlich weniger fossile Reservekraftwerke notwendig sind.
Dies wird auch im Netzentwicklungsplan 2037/2045 ausdrücklich anerkannt. Bis 2045 sind dort Großbatteriespeicher mit einer Leistung von 21 bis 44 Gigawatt (GW) und einer Kapazität von bis zu 175 Gigawattstunden (GWh) fest eingeplant. Das unterstreicht, dass es sich nicht um eine Brückentechnologie handelt, sondern um einen dauerhaften Bestandteil der Energieinfrastruktur.
Die technologische Entwicklung bestätigt diesen Trend. Speicher werden kontinuierlich günstiger, leistungsfähiger und langlebiger. Im Strommarktpapier "Strommarktdesign der Zukunft" von 2024 stellt das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) klar, dass Speicher gleichrangig mit anderen Schlüsseltechnologien wie Wärmepumpen, Elektroautos und Elektrolyseuren sind – und für ein flexibles, klimaneutrales Stromsystem essenziell sind.
Auch für die Sektorkopplung sind Speicher unverzichtbar. Sie schlagen die Brücke zwischen den Bereichen Strom, Wärme, Mobilität und Industrie, indem sie dafür sorgen, dass erneuerbare Energie flexibel genau dort genutzt wird, wo sie benötigt wird. Kurzum: Speicher sind kein temporäres Hilfsmittel, sondern ein tragender Pfeiler der Energiewende. Sie schaffen Verlässlichkeit im System, verringern die Abhängigkeit von fossilen Importen und legen die Grundlage für ein stabiles, widerstandsfähiges Stromnetz der Zukunft.
Versorgung sichern mit Fakten statt Vorurteilen
Die Energiewende wird nicht durch technische Grenzen gebremst, sondern durch Mythen, die längst widerlegt sind. Großbatteriespeicher beweisen, dass Versorgungssicherheit, Netzstabilität und Klimaschutz Hand in Hand gehen – und dass kommunale Akteure dabei eine Schlüsselrolle spielen können.
Damit das volle Potenzial dieser Technologie wirksam wird, braucht es endlich klare politische und regulatorische Signale. Speicherlösungen sind verfügbar, erprobt und wirtschaftlich – was fehlt, ist ein konsequenter Rahmen für ihren Ausbau. Wer die Energiewende lokal voranbringen will, sollte sich von alten Denkmustern lösen – und auf die Lösungen setzen, die bereits heute funktionieren.



