Herr Puck, Herr Hartmann, der entscheidende Erfolgsfaktor einer Handelsplattform ist ihre Liquidität oder Hitrate, also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Handelsteilnehmer für angefragte Standardlieferungen oder Fahrpläne einen Marktpreis bekommt. Wie sieht das auf Enmacc aus?
Volker Puck: Wir haben über 195 aktive Kunden. Aktiv bedeutet, dass die Kunden Anfragen erstellen, bepreisen und handeln. Die Teilnehmer auf Enmacc handeln momentan bis zu 1,5 TWh Strom und Gas pro Handelstag und schließen über 1.600 Termin-Trades pro Monat ab. Die Hitrate auf Enmacc liegt bei 50 Prozent, dies bedeutet, dass 50 Prozent aller Anfragen auch gehandelt werden. Über 95 Prozent der Anfragen bekommen Angebote. Wir haben uns von Anfang an auf die 250 größten Marktteilnehmer konzentriert und haben jetzt die allermeisten für Enmacc gewinnen und begeistern können. Wir haben eine hohe Durchdringung im deutschen Markt. Es fehlen noch Uniper und Innogy; die auf Enmacc aktiven Versorger haben erfolgreich diese Lücke geschlossen. Getreu unserem Motto "Connecting Traders" wurden bereits circa 400 neue Rahmenverträge zwischen den Teilnehmern abgeschlossen.
Für kleine Stadtwerke sind Sie also eher nicht da?
Puck: Das ist abhängig von dem Bedarf der Stadtwerke. Bei 300, 400 GWh im Jahr (Energieabsatz) kann es losgehen, wir haben auch Stadtwerke mit 200 GWh, aber keine mit 20. Bei so kleinen Beschaffungsportfolien sind die Preisänderungsrisiken kleiner als die Stückkosten von Abschlüssen. Wir wollen kleinere Stadtwerke nicht aus der Vollversorgung (durch nur einen Vorlieferanten) herauslocken. Allerdings arbeiten wir sehr erfolgreich mit Aggregatoren und Dienstleistern zusammen, welche das Portfoliomanagement für deren kleinere Stadtwerke übernehmen und Enmacc in die Prozesse integriert haben.
Der Gasimporteur Wingas empfahl Ihre Plattformen und Tender365, ein Gemeinschaftsunternehmen von GVS, Gas-Union, Eins Energie in Sachsen und Exxeta – ein Indiz für einen Zweikampf. Manche fänden ein Duopol besser als ein Monopol.
Jens Hartmann: Und drei Plattformen wären noch besser? Das wird nicht funktionieren. Nur wenn eine Plattform schnell skaliert, kann sie für alle Teilnehmer dauerhaft günstig sein und fortlaufend Innovationen ermöglichen. Und nur dann wird das Angebot für Anfrager- und Anbieterseite gleichermaßen fair sein – alle Kunden schätzen unsere 100-prozentige Neutralität. Wir sollten alle zusammen an einem Strang ziehen, bei Schnittstellen, Prozessen und Formaten.
Volker Puck: Die Wingas ist bei uns sehr erfolgreich und von Anfang an dabei. Am Ende geht es doch darum, welche Plattform welchen Mehrwert bietet, zum Beispiel Handelsvolumen, Hitrate, Anzahl der Quotierungen et cetera.
Auf der Messe E-World im Februar hatten Sie keine Produktneuheiten.
Puck: Wir haben nicht eine einzelne Neuheit in den Fokus gestellt, haben aber eine ganze Reihe von Neuentwicklungen. Im November hat Entender bereits eine komplett neue Benutzeroberfläche mit neuen Funktionen erhalten. Darin sind zahlreiche neue Ideen und Kundenwünsche eingeflossen. Gemeinsam mit den Portfolio-Softwareanbietern haben wir es nun geschafft, praktisch alle Portfolio-Systeme an die seit jeher kostenlosen Schnittstellen von Enmacc anzudocken. Zudem gibt es nun seit mehreren Wochen eine neue Nutzerrolle "Sales", zusätzlich zu "Trader", "Risikomanager", "Backoffice" und "Management". Wir ermöglichen Key-Accountern von Energieversorgern jetzt den Blick auf Marktpreise. Sie können sich verschiedene Preisalarme setzen, damit sie ihren Industriekunden rechtzeitig zum Handeln raten können. Und natürlich gibt es viele weitere neuen Funktionen, die manchmal auch nur von 20 oder 30 Kunden gewünscht wurden.
Hat Tender365 nicht etwas Ähnliches, indem es neuerdings das Portal Eless einbettet?
Puck: Eless ist ein Gewerbekundenportal, eher vergleichbar zu Verivox. Wir sprechen das Gewerbe nicht an, nur Energieunternehmen und Industrie und alle anderen, soweit sie heute schon trading-affin sind. Zudem möchten wir die Stadtwerke und Versorger in Richtung Ihrer Kunden “enabeln” und ihnen nicht das Endkundengeschäft streitig machen.
Was kommt als Nächstes von Enmacc?
Puck: Wir arbeiten an einem wirklich maßgeschneiderten Handelsschirm für Grünstromzertifikate, der den Handelsprozess für alle Beteiligten deutlich vereinfachen wird. Zudem arbeiten wir an dem internationalen Rollout von Enmacc, da wir jüngst Market Manager für Benelux, Nordics und Osteuropa als neue Teammitglieder gewinnen konnten. Demnächst wird zudem ein weiteres Feature für Key-Account-Manager freigeschaltet. Über einen Link können diese einen professionellen Industriekundenkonfigurator eines großen Versorgers nutzen, um schnell und einfach für jeglichen Industriekundenbedarf rechtssicher Verträge zu erstellen. Und natürlich kommen noch zahlreiche weitere Neuigkeiten im zweiten Halbjahr, die wir jetzt aber noch nicht nennen wollen.
Aber es gibt doch die Rahmenverträge des Verbandes EFET oder – auf Tender – von der Kanzlei Becker Büttner Held?
Hartmann: Das sind zwei unterschiedliche Vertragstypen. Für die strukturierte Beschaffung oder den Großhandel hat ein Energieversorgungsunternehmen typischerweise einen Standardrahmenvertrag in der Schublade. Das kann ein EFET-Vertrag sein. Darauf basierend, werden dann Einzelverträge für zum Beispiel Baseload order Profile abgeschlossen. Ein standardisierter Rahmenvertrag löst aber beispielsweise das Problem der Bonitätsprüfung und -einordnung nicht. Eine weitere Harmonisierung der Rahmenverträge wäre natürlich wünschenswert, hat für uns aber keine Priorität.
Was haben Sie noch im Köcher?
Puck: In diesem Quartal automatisieren wir den Abgleich der Daten von Handelsabschlüssen, das Confirmation Matching gemeinsam mit Equias (ehemals EFETnet). Bisher werden im Energiehandel mit Stadtwerken Bestätigungs-PDF hin- und hergeschickt, was in der heutigen Zeit eigentlich absurd ist. Rechtsverbindlich sind nur diese Bestätigungen, nicht der Handelsabschluss an sich, und hier kommen vereinzelt Fehler vor. Etwa bei der Menge oder Richtung. Das Stadtwerk müsste dann die Kulanz-Karte ausspielen, denn der Versorger hat mit dem Verschicken des PDF-Dokuments für juristische Fakten gesorgt. Das bringt zwar meistens etwas, aber erzeugt Ärger auf beiden Seiten. Bei Handelsgeschäften zwischen den Großen ist das Confirmation-Matching über Equias seit Jahren absoluter Standard. Stadtwerke scheuten bisher den IT-Aufwand, Equias mittels Schnittstelle zu integrieren, was aufgrund der geringeren Transaktionszahl auch erst mal absolut nachvollziehbar ist. Als Plug-and-play-Lösung ohne IT-Aufwand für den Handelsteilnehmer können Stadtwerke demnächst auf Enmacc das automatische Confirmation-Matching über Equias direkt nutzen und haben so einen vollständig digitalen und absolut sicheren Prozess. Und das Ganze ist gratis für unsere Kunden. Erlauben Sie mir anzumerken, dass trotz der Vielzahl neuer Features unsere Preistabelle aus 2017 wie geplant unverändert ist und auch bleiben wird.
Sie sind bisher einsilbig gewesen, was Ihre kaufmännischen Zahlen angeht: Ihren Umsatz, Ihren Gewinn, Ihre Finanzierungsrunden… Ein Jahresabschluss ist noch nicht veröffentlicht.
Hartmann: Wir sind auch in diesem Jahr über Plan und haben somit ein sehr beruhigendes Polster. Klar, wir schreiben noch Verlust, aber wir reinvestieren unsere Einnahmen komplett und davon zu zwei Dritteln in die Entwicklung. Wir sind eine Tech-Company, wir sind nicht sales-getrieben. Wir wollen Ende dieses Jahres in allen großen Energiemärkten Europas präsent sein. In Deutschland haben wir die hohe Marktdurchdringung erreicht, unsere Vision ist aber eine paneuropäische Plattform, auch für den grenzüberschreitenden Handel. Gerade Versorger, die in Deutschland auf unserer Plattform handeln, profitieren von unserer Expansion in neue Länder enorm. Gespräche mit interessierten Investoren führen wir natürlich laufend. Wir nehmen auch dieses Jahr neue Finanzmittel auf, um unser Wachstum und die Produktentwicklung weiter zu beschleunigen.
Warum ist dieses Tempo für Sie so wichtig, das wir vom Aufstieg der Big-Data-Konzerne kennen, aber auch von der 2003 geplatzten Dotcom-Blase?
Puck: Unsere Kunden haben große Ansprüche und auch großen Spaß daran, mit uns neue gemeinsame Ideen umzusetzen. Wir haben bisher in die IT-Entwicklung mehr als 3 Mio. Euro gesteckt. Das wird exponentiell steigen, da wir weiter liefern wollen und werden. Anstatt auf Preiserhöhungen für neue Funktionen und Märkte setzen wir auf schnelle Skalierung. Davon haben alle etwas. Jeder neue Kunde ermöglicht uns, neue Funktionen noch schneller zu entwickeln. Je schneller ein Marktplatz wächst, desto attraktiver wird er. Im übrigen monetarisieren wir die Daten nicht. Im Gegenteil, wir geben allen Beteiligten die Hoheit über Ihre Daten zurück, im Gegensatz zu beispielsweise Brokern.
Hartmann: Es gibt ja bereits Versuche, uns nachzuahmen. Wir rechnen in Zukunft mit anderen, wirklich innovativen Konkurrenzangeboten in Europa und wollen dann unsere Schnelligkeit ausspielen können.
Puck: Wir wollen einfach immer zehn Schritte voraus sein.
(Die Fragen stellte Georg Eble.)



