Von: Stephanie Gust
Es ist soweit: Zwei Netzspezialisten haben erstmals den Netzführerschein absolviert. Es handelt sich dabei um eine Standardisierung der Ausbildung als Netzführer Hoch- und Mittelspannung und dessen Zertifizierung.
Der Ausbildungsstandard definiert, welche Module und Ausbildungsbestandteile der zukünftige Netz- und Systemführer- HS zu absolvieren hat und unterzieht sich dann einer Prüfung. Die Zertifizierung ist eine Personenzertifizierung zum “TÜV Rheinland geprüften Netz- und Systemführer- HS“.
"Unser Ziel war es, die Ausbildung aller, die mit einem elektrophysikalischen System verbunden sind und darin arbeiten, zu standardisieren, egalisieren, anzugleichen und synchronisieren“, erklärt Bernd Benser, Geschäftsführer von Critis Lab. Denn bislang sei das noch nicht der Fall gewesen, jeder Netzbetreiber hätte unterschiedliche Ansätze oder Aufschläge in Sachen Ausbildung für die operative Netz- und Systemführung gehabt.
Man habe sich dann mit drei Unternehmen – nämlich Hamburger Energienetze, Stromnetz Berlin und Edis.Netz aufgemacht, deren Abläufe vor dem Hintergrund, welche Anforderung man eigentlich als Netz- und Systemführer in der Zukunft brauche, zu evaluieren. Insgesamt waren über 30 Netzbetreiber an der Entwicklung beteiligt.
Künftige Netz- und Systemführung 2035
Dabei sei es nicht nur um die Gegenwart gegangen, sondern auch um das Stromnetz der Zukunft im Jahr 2035, wenn Digitalisierung, Energiewende, Verkehrswende und Wärmewende bereits deutlich weiter vorangeschritten seien, so Benser.
Deswegen beschäftigten sich die Beteiligten mit den zukünftigen Tätigkeiten in den drei Netzebenen – Nieder-, Mittel- und Hochspannung – und haben daraus ein Berufsbild generiert und mit dem TÜV Rheinland einen Personenzertifizierung für den Netzbetrieb entwickelt.
Das beginnt schon bei der Berufsbezeichnung: "Wir haben hier ein babylonisches Sprachgewirr, einige heißen Schaltingenieur, Dispatcher, Operator, andere Netzführer, Schichtmitarbeiter, Leitwartenmitarbeiter“, verdeutlicht Benser.
Ablauf der Ausbildung
Vor der Zertifizierung werde geprüft, ob die zukünftigen Netz- und Systemführer die geforderten standardisierten Module absolviert haben. "Das müssen nicht immer Kurse sein, es sind auch Ausbildungsbestandteile innerhalb eines Unternehmens“, erklärt Benser. Habe der Prüfling diese absolviert, warte am Ende noch eine Multiple Choice Prüfung beim TÜV Rheinland.
Critis Lab
Hintergrund
Module, wie die Softskill-Trainings und Grundlagen Netz- und Systemführung können auch bei critisLAB absolviert werden. Das Unternehmen, das 2020 gegründet wurde und sich auf Critislab Beratungen, Trainings, Trainings- und Schulungen spezialisiert hat, ist eine Beteiligung der Consulectra GmbH.
Zwei Netzführer erstmals mit Zertifizierung
Als erstes sind zum 22. Oktober 2024 zwei Netz- und Systemführer der Hamburger Energienetze zertifiziert worden. "Bisher gab es keinen Studiengang oder Ausbildungsplatz, bei dem am Ende eine Bescheinigung ausgehändigt wurde“, erklärt der verantwortliche Geschäftsbereichsleiter Gero Boomgaarden von Hamburger Energienetze die Motivation für den Prozess.
Dies sei eine innerbetriebliche Ausbildung gewesen, mit Erfahrungen, die man über all die Jahre gesammelt habe. "Wir hatten uns gefragt, wie bekommt man das in einen geordneten Prozess, angefangen von der Schaltberechtigung, wie man das bezeichnet, bis dahin, ob die Person das nötige Rüstzeug mit sich bringt, um die Netz- und Systemführung selbständig übernehmen zu können.“
Geeignete Bewerber finden
"Wir haben vom Recruitment inkl. des Netzführer Assessment Centers bis hin zur Schaltberechtigung alles einmal dargestellt und standardisiert“, erläutert Boomgaarden den Standardisierungsprozess. Besonders die Einstellung neuer Mitarbeiter werde oftmals unterschätzt. Denn die Bewerber müssen auch unter Stresssituationen ruhig und konzentriert arbeiten können – "und ob der Bewerber das kann, das findet man in einem klassischen Bewerbungsgespräch nicht heraus“, so Boomgaarden.
Orientiert habe man sich beim Recruitment-Modul an dem Eignungstest für Fluglotsen, genauer gesagt am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Hamburg. Auch hier müssen Prüflinge – die zukünftigen Fluglotsen kritische Situationen absolvieren.
Vorteile der Zertifizierung
Am Ende steht die TÜV-zertifizierte Qualifikation. Damit können die Prüflinge erstmals schriftlich nachweisen, dass sie ihre Arbeit beherrschen. Das erhöhe auch die Attraktivität des Arbeitsplatzes, weil es einfach keinen Studiengang oder auch keine Meisterprüfung für diesen Beruf gebe. Gleichzeitig bestehe nun für beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – die Sicherheit, dass der Job vom Absolventen erledigt werden könne, so Boomgaarden. Auch für einen schnelleren und unkomplizierteren Wechsel von Mitarbeitenden zwischen den Netzbetreibern ist mit diesem neuen Branchenstandard gesorgt.
"Es ist auch ein Wissenstransfer in Zeiten von Fachkräftemangel: Wie funktioniert eine Ausbildung? Daran können sich auch nachfolgende Generationen orientieren“, bekräftigt Boomgaarden. Gleichzeitig ist dem Systemführungs-Chef von Hamburger Energienetze wichtig zu betonen, dass die bisherige Ausbildung in den jeweiligen Unternehmen nicht schlecht war, schließlich habe man das bisher auch so praktiziert. Aber für nachfolgende Generationen sei dies ein echter Bonus, um so das gewisse Grundvertrauen für die Arbeit zu erlangen und auch eine schriftliche Bestätigung der Fähigkeiten und Fertigkeiten zu haben. Zudem würden die Ausbildungs-Module fortwährend an die aktuellen und künftigen Entwicklungen im Netz angepasst.
Der Netzführerschein sei damit nicht nur ein Ausbildungskonzept, sondern ein großer Schritt in eine digitale und nachhaltige Energiezukunft.
