Agder Energi unterhält in Norwegen 48 Wasserkraftwerke, verkauft den Strom im Land und die grünen Herkunftsnachweise europaweit (PR-Foto von einem der Stauseen).

Agder Energi unterhält in Norwegen 48 Wasserkraftwerke, verkauft den Strom im Land und die grünen Herkunftsnachweise europaweit (PR-Foto von einem der Stauseen).

Bild: Anders Martinsen

Enmacc, der Münchner Betreiber der gleichnamigen außerbörslichen (OTC-)Strom- und Gashandels-Plattform, hat am Sonntag für Dienstag den Start einer angeschlossenen Handelsplattform für Herkunftsnachweise (HKN) angekündigt. "Engreen" ist ihr Name. Ziel ist es demnach, den wachsenden HKN-Handel zu digitalisieren, zu vereinfachen, zu vergünstigen und von den Preisen her transparenter zu machen.

Erst vor ein paar Tagen hatte der Biomethan-Händler Arcanum Energy Solutions eine (Ökostrom-)HKN-Handelsplattform gestartet. Auch der Chef der Energiebörse EEX, Peter Reitz, hatte im ZfK-Interview auf der Messe E-World 2019 laut über eine europäische HKN-Börse nachgedacht. Seither verlautete allerdings von der EEX-Gruppe, die damals gerade den skandinavischen HKN-Registerbetreiber Grexel gekauft hatte und das französische HKN-Register betreibt, nichts mehr zu diesem Thema. Und im Vergleich zu Arcanum scheint Engreen eine andere Hausnummer zu sein:

  • vom Start weg mit einem paneuropäischen Fokus
  • Engreen deckt nicht nur HKN gemäß EU-Gesetzgebung ab, sondern auch bekannte Qualitäts-Grünstromlabels mit Erneuerbaren-Ausbauversprechen, wie etwa OK-Power, TÜV Süd EE und EE+, TÜV Nord, TÜV Rheinland renewable plus, EKOenergy oder Naturemade
  • nicht nur Ökostrom-HKN, sondern auch HKN für Biomethan und klimaneutral gestelltes Gas ("Ökoplus")
  • von Beginn an mit schwergewichtigen Partnern als sogenannten Marktmachern, die zu jeder Zeit in ihren jeweiligen HKN-Segmenten marktfähige Kauf- und Verkaufsgebote stellen:
  • Durch ein Zentrales Limit-Orderbuch (CLOB) sollen alle HKN mit ihren verschiedenen Herkunftsländern, Erzeugungstechnologien und Labels in beliebigen Kombinationen untereinander handelbar sein.
  • Handelsteilnehmer von Enmacc erhalten von Enmacc aus direkten Zugang zum Engreen-Handelsbildschirm und müssen für das neue Segment nichts draufzahlen.
  • Das Zahlungsausfall-Risiko des Handelspartners wird durch den Echtzeit-Kreditcheck von Enmacc minimiert. Er bietet eine Alternative zum relativ teuren Clearing von OTC- und Börsendeals.

Derweil berichtet Wettbewerber Arcanum Energy Solutions über hohes Interesse an seiner HKN-Plattform: Über 50 Marktakteure hätten sich registriert, so Co-Geschäftsführer Holger Kligge. Darunter befänden sich kleine Stadtwerke, große Handelshäuser wie auch Erneuerbaren-Anlagenbetreiber, bei denen die Förderung demnächst ausläuft. Sowohl Arcanum als auch Enmacc präsentieren ihre jeweiligen Lösungen auf der Leitmesse E-World im Februar, die Unnaer Arcanum auf dem NRW-Gemeinschaftsstand, die Münchner Enmacc auf ihrer eigenen Fläche.

So funktioniert der HKN-Handel

Auf Energiebörsen und OTC-Handelsplattformen wird Strom immer als Graustrommengen (konventionell erzeugte Elektrizität) gehandelt, auch wenn er aus Erneuerbaren(EE)-Anlagen stammt. Damit sich die Herkunft aus grünen Erzeugungstechnologien ebenfalls vermarkten lässt und damit dies nicht mehr mehrmals für dieselbe Energiemenge geschieht, trennt die EU sie von der Strommenge, indem sie vorschreibt, dass jeder Mitgliedsstaat einzeln EE-Anlagenbetreibern oder deren (Direkt-)Vermarktern nach ihren Mindestvorgaben pro Megawattstunde (MWh) erzeugten Grünstrom "Herkunftsnachweise" ausstellen muss. Die HKN dokumentieren elektronisch vor allem das Herkunftsland, die Technologie (Wind on-/offshore, Solar, Geothermie…) und das Jahr der Erzeugung.

Diese HKN sind europaweit handelbar. Bei grenzüberschreitendem Handel müssen sie im nationalen HKN-Register des Lieferanten gelöscht und 1:1 ins HKN-Register des Käufers übertragen werden.

Echtzeit-Marktpreise, aber nur intern

Die HKN-Register selbst sind keine Handelsplattformen, sondern nur elektronische Buchhaltungen öffentlichen Glaubens. Der Handel findet also außerhalb der Register statt und wird in den Registern nur bilanziell in MWh (=nicht Euro) nachvollzogen. Und zwar findet er bilateral statt, in direkten Kontakten zwischen Anlagenvermarktern, Zwischenhändlern und Grünstromvertrieben, die eingekaufte Graustrommengen via HKN bilanziell zu Ökostrom veredeln möchten. Zur Lieferung an den Verbraucher werden dann Strom und Herkunft wieder zusammengeführt.

Durch seine Bilateralität und durch die Zersplitterung der Produktlandschaft ist dieser Markt relativ intransparent und illiquide; es gibt im Gegensatz zu Graustrom keine Börsen, die Echtzeit-Preise veröffentlichen. Das wird zwar auch Engreen bestimmt nicht ändern, da es sich um eine OTC-Plattform handelt; es werden auch keine Auktionen mit Einheitspreis stattfinden. Doch wenigstens die Handelsteilnehmer selbst bekommen intern, idealerweise von verschiedenen Anbietern, Realtime-Gebote und damit Hinweise auf das Marktpreisniveau. Sie können die Gebote "wegklicken", das heißt, annehmen; die bisherige Handarbeit entfällt, direkt bei verschiedenen Anbietern auf verschiedenen Kommunikationskanälen Preise zu erfragen und auf Bindefristen zu achten. Gleichwohl dokumentiert Engreen die Lieferabschlüsse revisionssicher. Die anderen Handelsteilnehmer sehen nur, dass jemand bereit war, den aufgerufenen Preis zu bezahlen und die Menge abzunehmen, weil das "weggeklickte" Gebot vom Handelsbildschirm verschwindet. Sie sehen aber nicht, wer Käufer und Verkäufer war. Anders Gaudestad vom neuen Enmacc-Kooperationspartner Agder Energi ist "überzeugt" davon, dass die Zusammenarbeit "auch zur weiteren Standardisierung von HKN-Produkten beitragen wird".

Stetig wachsender Markt

Der europäische HKN-Markt wächst laut dem norwegischen Grünstromvermarkter Ecohz seit 2002 stetig, sowohl im Angebot als auch in der Nachfrage, wobei von 2006 an Dynamik hineinkam. 2018 wurden erstmals mehr als 600 TWh angeboten und zum ersten Mal über 500 TWh nachgefragt.

Größter Anbieter war mit 22 Prozent immer noch Norwegen, das 97 Prozent seines Stroms durch Wasserkraft gewinnt. Das Nicht-EU-Land hat sich freiwillig an das EU-HKN-System angedockt. Die Elektrizität selbst verbraucht Norwegen weitgehend selbst. Die Stromherkunft dagegen exportieren die Wasserkraftwerks-Betreiber via HKN vor allem nach Deutschland, das über einen etablierten Ökostrom-Vertriebsmarkt verfügt. Hierzulande tätige Versorger können Graustrom einkaufen und mit den norwegischen HKN zusammen Verbrauchern als "Ökostrom aus Wasserkraft" verkaufen und kennzeichnen. Das Land muss ihnen gegenüber nicht genannt werden.

Zwölf Prozent Atomstrom ohne Meiler

Norwegen importiert im Gegenzug den Graustrom-Mix der Importeure, rein bilanziell natürlich, nicht physisch. Das Land kommt so in seiner Stromerzeugungsbilanz auf knapp die Hälfte fossile Quellen und zwölf Prozent Kernkraft, obwohl in dem Land kein einziger Meiler steht.

Stromvertriebe aus der Ökobewegung kritisieren dies schon lange als "Greenwashing", weil kein Erneuerbaren-Zubau damit verbunden sei. Das ist richtig und falsch zugleich, denn norwegische Wasserkraftwerks-Betreiber wie Statkraft oder Agder Energi reinvestieren HKN-Einnahmen teilweise, etwa indem sie eine reine Talsperre zum Pumspeicherkraftwerk erweitern. Agder und der Statkraft-Konzern engagieren sich auch aktiv im Bau direkter Stromleitungen zwischen Norwegen und Deutschland, die auch den physischen Im- und Export von Grünstrom erleichtern würden. EEX-Chef Reitz hatte in dem ZfK-Interview weitere Gründe genannt, warum das Marktdesign Strom und dessen Herkunft auf der Handelsebene trennen solle.

Preise wieder unter einem Euro

Hinsichtlich der Energiemenge ist der HKN-Markt zwar 2018 gewachsen, es gab aber im Folgejahr eine deutliche Preiskorrektur nach unten. Laut Ecohz waren 2018 noch Preise zwischen 1 und 2,50 Euro pro MWh für "Standardqualitäten" üblich, nachdem sie vorher jahrelang Ramschpapier-Niveau hatten. Bis August 2019 sanken die Preise aber auf 40 bis 50 Cent für die bilanzielle Verarbeitung im selben Jahr und auf 75 bis 85 Cent für dieses Jahr.

Für Biomethan gibt es in Deutschland zwei HKN-Register: das private "Biogasregister" der Deutschen Energie-Agentur (Dena) und das öffentlich-rechtliche "Nabisys" für die Vermarktung als Kraftstoff. Große Händler sind die EnBW-Tochter Energie Südwest, die 2017 BMP Greengas übernommen hatte, sowie Arcanum Energy. 2019 hatte die Baywa r. e. ihr Portfolio an Energie Südwest verkauft. (geo)

Diese Meldung wurde am 21. Januar 2020 mit Angaben Arcanums zur Resonanz auf seine HKN-Plattform ergänzt. (geo)

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