Strom- und Gasmärkte erlebten ein turbulentes Jahr 2022 mit starken Preissprüngen und -schwankungen. Doch wie stellte sich die Lage auf dem Markt für Herkunftsnachweise dar? Ein Gespräch mit Anton Schön, Händler von Umweltgütern beim hessischen Dienstleister First Climate.
Herr Schön, im vergangenen Jahr schien es, als würde bei den Preisen für Herkunftsnachweise ein Rekord den anderen jagen.
Eine Preisentwicklung wie in den vergangenen Monaten haben wir im Markt für Herkunftsnachweise noch nicht erlebt. Insbesondere im Spot-Bereich sowie bei Forward-Verträgen mit kurzen Laufzeiten gab es zum Teil massive Preisanstiege. Anfang Dezember wurden Herkunftsnachweise aus skandinavischer Wasserkraft in der Spitze für über 10 Euro gehandelt. Preisanstiege gab es auch bei längerfristigen Forwards ab 2024, allerdings fielen diese im Vergleich deutlich moderater aus.
Wie lässt sich das erklären?
Die Preisentwicklung ist das Resultat aus dem Zusammenwirken von drei unterschiedlichen Faktoren. Da ist zunächst die allgemeine Energiekrise und die von ihre ausgelöste Preisspirale bei allen Energieträgern, die natürlich auch den HKN-Markt tangiert. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die anhaltende Trockenheit in vielen Teilen Europas, die insbesondere in der ersten Jahreshälfte zu einer deutlichen Verknappung von Energieerzeugung aus Wasserkraft und dem damit verbundenen Angebot an Herkunftsnachweisen geführt hat. Verschärft wurde die Situation zusätzlich dadurch, dass bereits in den Vorjahren große Volumina für die Jahre 2022 u. 2023 gehandelt wurden, wodurch sich eine zusätzliche Verknappung des Angebots ergeben hat.
Welche Auswirkungen hatte die Marktsituation gerade auch auf mittelgroße und kleine deutsche Versorger und wie haben diese reagiert?
Grundsätzlich zeigt sich der Markt trotz des hohen Preisniveaus robust. Sicherlich wurden einzelne Beschaffungsprojekte aufgrund der Marktlage verschoben. Insbesondere Stadtwerke und Energieversorger sind aber auch bei höherem Preisniveau auf eine ausreichende Versorgung mit Herkunftsnachweisen angewiesen, um die Nachfrage nach Grünstromprodukten durch Privat- und Geschäftskunden decken zu können. Wir erwarten nun bei etwas normalisiertem Preisniveau weiterhin große Nachfrage.
Mit welcher Preisentwicklung rechnen Sie in diesem Jahr?
Es ist davon auszugehen, dass sich die Preise von Herkunftsnachweisen aus dem Produktionsjahr 2022 auf hohem Niveau einpendeln werden. Nach Meinung vieler Analysten wird der Preiskorridor im Mittel zwischen fünf und sieben Euro pro MWh liegen. Für die Frontjahre ist die Entwicklung noch unsicher.
Und welche Beschaffungsstrategie empfehlen Sie Versorgern?
Bei größeren Verbräuchen empfiehlt es sich sicherlich, die Beschaffung in Tranchen durchzuführen, um Preisrisiken entsprechend zu streuen. Gerade angesichts des volatilen Marktumfeldes kann ich ansonsten nur dazu raten, regelmäßig den Kontakt mit dem oder den Lieferanten des Vertrauens zu suchen, um gemeinsam schnell auf veränderte Marktsituationen reagieren und Beschaffungsstrategien gegebenenfalls nachjustieren zu können.
Die Fragen stellte Andreas Baumer



