Die Lage an den europäischen Strommärkten bleibt kritisch. Wegen des andauernden Ausfalls vieler Kernkraftwerke in Frankreich beurteilt das Bundeswirtschaftsministerium die Situation in Frankreich als nach wie vor "sehr angespannt". Und auch Finnlands Netzbetreiber zeigt sich alarmiert.
Anfang September seien nur französische Kernkraftwerke mit einer Leistung von 25 GW am Netz gewesen, teilte das Wirtschaftsministerium der Deutschen Presse-Agentur mit. Kernkraftwerke mit einer Leistung 36 GW seien nicht in Betrieb gewesen. Dies sei ein "historischer Tiefstand", hieß es in Ministeriumskreisen. Zum Vergleich: Die drei deutschen verbliebenen Kernkraftwerke haben insgesamt eine Leistung von etwas mehr als 4 GW.
Keine Klarheit über Zeitplan
"Eine Rückkehr von bis zu 20 GW ist vorgesehen, aber es ist noch unklar, wann diese zusätzliche Leistung am Netz sein wird." Der französische Netzbetreiber RTE gehe davon aus, dass es noch einige Zeit dauern werde, bis die Kapazitäten ans Netz zurückkehrten.
Eine Klarheit über den genauen Zeitplan gebe es nicht. Das Ministerium beobachte die Lage in Frankreich daher "weiterhin intensiv".
Franzosen heizen mit Strom
Frankreichs Premierministerin Elisabeth Borne hatte vor wenigen Wochen selbst geplante Lastabwürfe oder Blackouts im Stromnetz ins Spiel gebracht, um angesichts mangelnden Stromangebots im Winter eine größere Störung zu vermeiden. Betroffen wären zuerst ausgewählte Unternehmen.
Der Stromverbrauch in Frankreich geht im Winter auch deshalb hoch, weil viele Franzosen nicht mit Gas, sondern mit Strom heizen. Netzbetreiber RTE will wegen der Unsicherheit über die Rückkehr der Kernkraftwerke und die Leistung der anderen Stromerzeugungskapazitäten monatlich eine aktualisierte Analyse veröffentlichen.
Finnland rechnet mit Lastabwürfen
Deutlich wurde am Montag auch Finnlands Stromnetzbetreiber Fingrid Oyj. Haushalte sollten sich diesen Winter auf temporäre Lastabwürfe oder geplante Blackouts einstellen, teilte das Unternehmen mit. Russland kappte im Zuge des Ukraine-Kriegs seine Stromlieferungen in das nordische Nachbarland.
Zudem soll Vattenfalls Kernkraftwerk Ringhals 4 in Südschweden (1,1 GW) wegen längerer Wartungsarbeiten erst am 31. Januar 2023 wieder ans Netz gehen, womit sich die Lage in den beiden skandinavischen Ländern zusätzlich zuspitzen könnte.
Frankreichs Strompreise extrem hoch
Die Megawattstunde Strom für das erste Quartal 2023 kostete in Frankreich am Montag 985 Euro. Zum Vergleich: In Deutschland wurde dasselbe Produkt für 680 Euro pro MWh gehandelt.
Dabei steigt der Druck auch auf das Bundeswirtschaftsministerium, die eigenen Kernkraftwerkspläne für die nächsten Monate doch noch einmal zu überdenken. Minister Robert Habeck (Grüne) hatte entschieden, das niedersächsische Kernkraftwerk Emsland wie geplant Ende des Jahres vom Netz zu nehmen.
Deutsche Kernkraftwerke als Notfall-Reserve
Die beiden verbliebenen süddeutschen Kernkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 dagegen sollen dann weiterhin als sogenannte Einsatzreserve dienen. Heißt: Sie sehen im Notfall einen Weiterbetrieb oder ein Wiederanfahren der beiden südlichen Kernkraftwerke vor. Mitte April sollen dann auch sie abgeschaltet werden. (aba/dpa)



