Von Klaus Hinkel
Kritik an der einheitlichen Stromgebotszone in Deutschland kam vor wenigen Wochen von der schwedische Energieministerin Ebba Busch. Die Ressortchefin monierte in einem Interview, dass sich deshalb die häufig hohe Verfügbarkeit grünen Stroms in Norddeutschland nicht in einem niedrigen Börsenstrompreis niederschlage und Schweden somit etwa keinen günstigen Preis mit Norddeutschland aushandeln könnte. Schweden ist in vier Stromgebotszonen unterteilt. Vor allem der Süden des skandinavischen Landes ist wegen geringer Kraftwerkskapazitäten auf Stromimporte angewiesen.
Mit der einheitlichen Stromgebotszone, die unterschiedliche Verfügbarkeiten preislich nivelliert, steht Deutschland europaweit nahezu allein da. Das könnte sich schon bald ändern. In den kommenden Tagen soll der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) einen Bericht mit Empfehlungen zu einer möglichen Neuaufteilung der Gebotszonen vorlegen.
Landesregierungen im Süden strikt gegen eine Aufteilung
Dieser sogenannte "Billing-Zone-Review" ist überfällig, sollte eigentlich schon Ende Januar publiziert werden. Brancheninsider sehen durchaus einen Zusammenhang mit dem Termin der Bundestagswahl am 23. Februar. Wird der Bericht endlich veröffentlicht, gibt die europäische Regulierungsbehörde Acer den EU-Mitgliedsstaaten sechs Monate Zeit, zu den Empfehlungen Stellung zu beziehen. Kommt am Ende kein einstimmges Votum zustande, müsste Brüssel die endgültige Entscheidung an sich ziehen.
Vor allem in Süddeutschland fürchtet die Politik eine Teilung der Stromgebotszone und die damit verbundenen höheren Strompreise für die Industrie. Die Landesregierungen in Bayern und Baden-Württemberg haben sich deshalb immer wieder strikt gegen eine Teilung ausgesprochen.
Hohe Liquidität steht auf dem Spiel
Auf die Folgen für die Stromgroßhandelsmärkte und die Preisentwicklung hat nun der Verband der Energiehändler in Deutschland (EFET) hingewiesen. "Die einheitliche Stromgebotszone in Deutschland ist eine große Erfolgsgeschichte und nutzt auch Marktteilnehmern aus den europäischen Nachbarstaaten", sagte Konrad Keyserlingk, Vorsitzender der German Task Force Electricity, am Rande der Energiemesse E-World in Essen. Mit dem Ende der derzeitigen Regelung stehe die hohe Liquidität und die starke Wettbewerbsintensität auf dem Spiel, betonte Keyserlingk.
Die Argumente der Energiehändler gegen eine Teilung der deutsch-luxemburgischen Gebotszone:
- Starker Rückgang der Liquidität im Terminhandel in allen neuen Zonenvarianten
- Negative Auswirkungen auf Marktteilnehmer in angrenzenden Märkten, die bisher in Deutschland als Referenzmarkt zur Absicherung von Risiken handeln
- Abnehmende Liquidität sowohl auf dem deutschen Day-Ahead- als auch auf dem Intraday-Markt im Norden und Süden
- Höherer Grad an Marktkonzentration bei der Stromerzeugung in der jeweiligen Preiszone
- Höhere Preisvolatilität in den kleineren Preiszonen
- Geringere regulatorische Stabilität, insbesondere weil unklar wäre, ob die neuen Preiszonen mit fortschreitendem Netzausbau wieder angepasst würden
- Tendenziell erhöhter Förderbedarf für erneuerbare Stromerzeugung in der nördlichen Zone
- Tendenziell steigende Strompreise für Endverbraucher in der südlichen Zone
Für den Gashandel fordern die Energiehändler, die in der Energiekrise von der Politik installierten Kriseninstrumente ad acta zu legen. In Deutschland gelte dies insbesondere für das Gasspeichergesetz und auf europäischer Ebene für die Gasspeicherverordnung. Diese Regelungen enthielten neben gesetzlichen Vorgaben zum Füllstand auch Aweisungen, wie mit ungenutzten Speicherkapazitäten umzugehen ist und was passiert, wenn die Ziele für die Speicher durch die Marktakteure nicht erreicht werden.
Speicherziele für den Winter 2026/2027 streichen
"Die Zeichen stehen immer noch auf Orange. Doch Dosis und Medizin sollten angesichts der neuen Normalität hinterfragt werden", sagte Joachim Rahls, Vorsitzender der German Task Force Gas. Inzwischen seien neue LNG-Kapazitäten geschaffen, die Verbindungen mit den Nachbarstaaten verbessert und mehr Erfahrungen mit Lastmanagement auf der Nachfrageseite gesammelt worden.
Deshalb sollten sich die zuständigen Behörden bereits jetzt mit der Frage beschäftigen, die Speicherziele für den Winter 2026/2027 zu streichen, fordern die Energiehändler. Dann könne sich der Markt rechtzeitig darauf einstellen.



