Patrick Graichen, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, geht davon aus, dass die Strompreise 2030 im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit nur leicht steigen werden.
In acht Jahren würden 80 Prozent des Stroms hierzulande durch Windkraft- und Photovoltaikanlagen produziert, rechnete er auf dem Handelsblatt-Energiegipfel vor. Da würden die Stromerzeugungskosten bei sechs bis acht Cent pro kWh liegen.
"Mehr als vor der Krise, aber nicht aus dieser Welt"
Dazu kämen 20 Prozent, die vorerst von Erdgas- und später von Wasserstoffkraftwerken gedeckt werden würden. Bei Wasserstoff könne man von 15 bis 17 Cent pro kWh ausgehen, weshalb der Gesamtstompreis dann bei weniger als zehn Cent pro kWh liegen würde. "Das ist mehr als vor der Krise, aber nicht aus dieser Welt", sagte er.
2030 jedoch würden die restlichen 20 Prozent wohl noch von Gaskraftwerken produziert werden. "Dann sind wir eher bei Gestehungskosten von sieben bis acht Cent pro kWh", erläuterte der Spitzenbeamte.
Enercity-Chefin vorsichtiger
Dazu kämen für Endkunden Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen sowie Vertriebskosten, führte er aus. "Am Ende des Tages sind wir aber nicht in einer völlig anderen Kostenwelt [als vor der Krise], wenn wir zügig all das auf die Straße kriegen, [was wir uns vorgenommen haben]."
Vorsichtiger äußerte sich Susanna Zapreva, Vorstandsvorsitzende des Hannoveraner Regionalversorgers Enercity. Wie hoch der Strompreis 2030 sei, hänge auch davon ab, wie gut sich Europa im globalen Wettbewerb behaupte, sagte sie.
Blick auf Asien und Amerika
"Im asiatischen Raum entstehen jährlich doppelt so viele erneuerbare Erzeugungsanlagen, wie wir in 20 Jahren gebaut haben", schilderte die Managerin. "Und in den USA werden 500 Milliarden Euro in die Förderung erneuerbarer Energieanlagen gesetzt."
Auch in Europa müssten nun Gesetze und Regularien kommen, die damit vergleichbar seien, forderte sie. Als Beispiel nannte die Enercity-Chefin ein Marktmodell, das den Ausbau der erneuerbaren Energien so stark fördere, "dass man mit Blick nach Osten und Westen keine Angst bekommt."
"Wer zahlt das eigentlich?"
Noch skeptischer zeigte sich Ramona Pop, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, was Graichens optimistischen Ausblick betrifft. Sie verwies auf massive Kosten auf dem Weg bis 2030 etwa für den Netzausbau und die Digitalisierung – Stichwort intelligente Messsysteme.
Auf dem Wärmemarkt seien zudem noch ganz andere Investitionen notwendig. "Irgendwann stellt sich natürlich die Frage: Wer zahlt das eigentlich wie und in welchem Verhältnis?"
"Da kann das Kartellamt ja nachfragen"
Noch jedenfalls liegen die Stromendkundenpreise zumeist deutlich über dem Vor-Corona-Niveau, selbst wenn die Großhandelspreise zuletzt wieder deutlich fielen. Den Eindruck, dass Stromanbieter die jüngst eingeführte staatliche Preisbremse für 80 Prozent des Jahresverbrauchs in großem Stil missbrauchten, um Preise künstlich hochzuhalten, hat Staatssekretär Graichen aber nach eigener Aussage nicht.
"Man hat zwar Tarife mit 70 Cent pro kWh gesehen, die ich mir nicht erklären kann", sagte er. "Aber da kann das Kartellamt ja mal nachfragen." (aba)



