Halle an der Saale ist mit 240.000 Einwohnern die größte Stadt Sachsen-Anhalts. Hier Marktplatz und Marktkirche (Marienkirche).

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Bild: © Shutterstock

Die Energieversorgung Halle Netz ("Netz Halle") hat der Vertriebstochter der Energieeinkaufsgenossenschaft Energycoop eG aus Osnabrück, der Energycoop Services GmbH, den Netzzugangs- und Lieferantenrahmenvertrag gekündigt. Die Genossenschafts-Vorständin Katrin Meyer bestätigte der ZfK am Montag den Vorgang, den die Verteilnetzgesellschaft am Freitag veröffentlicht hatte.

Allerdings stellt sie den Anlass dafür als relativ geringfügig dar: Versehentlich habe man im Januar die Netzentgelte in Höhe eines "sehr niedrigen" vierstelligen Betrages um eine Woche zu spät bezahlt. Dies habe an einem Übergabefehler während eines Personalwechsels gelegen. "Wir sind derzeit in Kontakt mit der betreffenden Netzgesellschaft, um den Netzanschluss noch in dieser Woche wieder herzustellen", ergänzt sie. Die Zahl der Kunden von Ecoop/Energycoop in Halle an der Saale ist nicht bekannt. Zu weiteren Details ihres Vertragsverhältnisses mit der Services-GmbH wollte Netz Halle nicht Stellung nehmen. Generell halte man sich an den Standardrahmenlieferantenvertrag der Bundesnetzagentur. Dieser sieht eine Kündigung erst nach wiederholter Vertragsverletzung vor.

Keine Insolvenz

Auf ZfK-Anfrage betont Katrin Meyer von der 100-prozentigen Mutter Energycoop eG: "Die ecoop Services GmbH ist nicht insolvent (…)." Dies bestätigt das Online-Insolvenzregister.

Es gibt daneben noch eine Ecoop Services SE mit derselben Geschäftsanschrift in Osnabrück. Sie fungierte jedenfalls noch 2016 laut jüngstem veröffentlichtem eG-Geschäftsbericht als Vertriebs- und Abwicklungsast der Genossenschaft, als "zentraler Dienstleister". Sie ist zwar ebenfalls nicht insolvent. Ihre Geschäftslage aber war zumindest bis Ende 2017 alles andere als rosig: Der nicht durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag stieg von 2016 bis 2017 durch weitere operative Verluste von 4,1 auf 10,7 Mio. Euro. So steht es im jüngsten veröffentlichten Geschäftsbericht der SE im Bundesanzeiger. Er wurde vergangenen Juni festgestellt.

Für die Verkäufer gab es Abschluss- und Betreuungsprovisionen. 2016 stieg die Services SE in den "Multi-Level-Marketing(MLM)-Strukturvertrieb" ein, mit dem Ziel, den Umsatz der eG weiter zu erhöhen, und bereitete Tarife ohne eG-Mitgliedschaft vor. MLM ist normalerweise ein mehrstufiger hierarchischer Vertriebsaufbau, bei dem die Ranghöheren direkt von den Provisionen der ihnen direkt und indirekt Zugeordneten profitieren.

Was es bei der SE konkret heißt, wie die Ecoop Services SE mit der damaligen bilanziellen Überschuldung umging und wie die Kapitalausstattung und Liquidität 2018 und heute aussieht – dazu gibt die eG keine Auskunft. Man äußere sich grundsätzlich nicht über nicht verbundene Unternehmen, so Vorständin Meyer. Die GmbH jedenfalls sei nicht bilanziell überschuldet. Ein Blick in den Bundesanzeiger bestätigt das: Einem fünfstelligen Gewinn und sonstigen Eigenkapital stand 2017 ein geringerer fünfstelliger Verlustvortrag gegenüber.

Preismodell ging von fallenden Märkten aus

Die Energycoop eG ist vor sechs Jahren vor allem als Einkaufsbündler von Privat- und Geschäftskunden bundesweit für Strom und Gas gegründet worden. Das geht aus dem jüngsten veröffentlichten eG-Geschäftsbericht 2016 hervor. Sie nennt zwar auch das Investment in Erneuerbaren-Anlagen und Energieffizienz unter den Geschäftszwecken, doch scheint sie keine klassische grüne Bürgerenergiegenossenschaft zu sein.

Das einzigartige Preismodell ist nach eigenen Angaben, dass alle Bestandteile "transparent" ausgewiesen werden. Jeder Genosse bezahlt 1:1 den tatsächlich für ihn erzielten Großhandelspreis zuzüglich Marge. Den weiß er im Voraus nicht, der Angebotspreis der Genossenschaft ist aber der Deckel. Beschafft wurde zumindest damals neu über die Citiworks, die Handelstochter des Darmstädter Kommunalversorgers Entega. Sie übernahm auch das Portfoliomanagement.

Das Preismodell würde darauf hinauslaufen, dass sich die Genossen bis etwa 2017 jährlich über Rückzahlungen freuen durften – aber eben nur bis dahin. Im eG-Geschäftsbericht 2016 heißt es dazu: "In der Regel weicht der tatsächliche Abrechnungspreis zum Teil erheblich nach unten ab. Das wird bedingt durch die vermutlich auch weiterhin fallenden Stromeinkaufspreise (…)." Und: "Das Mitglied partizipiert z. B. unmittelbar an den fallenden Energie-Einkaufspreisen." Nur: Der Großhandelsmarkt hat sich seitdem gedreht. Die eG beziehungsweise ihr jeweiliger Vertriebsast mussten oder müssen sich ein neues Preismodell einfallen lassen.

"Stürmisches Wachstum"

Die Genossenschaft hatte 2016 knapp 25.000 Mitglieder, davon waren gut 9000 erst in jenem Jahr dazugekommen. Mit zehn Euro ist man dabei. Die Genossenschaft sprach damals von einem "stürmischen Wachstum". Sie setzte 2016 mit Energie netto 26,7 Mio. Euro um – doppelt so viel wie 2015. Ihr Eigenkapital wuchs auf 0,8 Mio. Euro. Erstmalig schrieb die eG eine schwarze Null. Die Zahl der Stromlieferverträge wuchs bis Ende 2016 auf knapp 30.000, die bei Gas auf deutlich über 5000.

Die Ecoop Services SE war jedenfalls 2016 noch der "zentrale Dienstleister" der Energycoop eG, so deren damaliger eG-Geschäftsbericht. Aber die eG ist mit der Services SE nicht gesellschaftsrechtlich verbunden. (geo)

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