Christian Arnold ist Geschäftsführer für das operative Deutschlandgeschäft beim Projektentwickler Juwi.

Christian Arnold ist Geschäftsführer für das operative Deutschlandgeschäft beim Projektentwickler Juwi.

Bild: © Schmitt/JUWI

Die Ampel-Regierung hat den Ausbau von Solar- und Windenergieprojekten deutlich vorangebracht. Die Genehmigungszahlen für Windkraftanlagen sind so hoch wie nie. Doch Engpässe auf der Netzseite stellen Projektentwickler zunehmend vor Herausforderungen. Christian Arnold, zuständig für das operative Deutschlandgeschäft beim Wörrstadter Projektentwicklungsunternehmen Juwi, warnt zudem vor einer übereilten Reform der Erneuerbarenförderung und zusätzlichen Kosten durch Einspeiseentgelte. Im Interview erklärt Arnold auch, wie die Zusammenarbeit mit dem kommunalen Mutterkonzern MVV funktioniert.

Herr Arnold, wo setzt Juwi gerade den Schwerpunkt beim Erneuerbaren-Ausbau?

Wir fokussieren uns in Deutschland stark auf große Windparks an Land mit 25 Gigawatt Leistung aufwärts. Bei der Photovoltaik liegt unser Fokus auf EEG-geförderten Anlagen. Das heißt, bis 20 Megawatt. Wir werden unsere Solarparks künftig verstärkt mit Speichern auszurüsten.

Wie hart ist der Markt hier in Deutschland gerade?

International setzen wir stark auf PV-Parks. USA, Italien, Griechenland und Südafrika sind unsere Fokusländer. Also typische Sonnenländer. In Deutschland stimmen die Rahmenbedingungen für Photovoltaik, aber wir müssen wirklich gute Projekte haben, um uns am Markt durchzusetzen. Für langfristige Stromabnahmeverträge, PPAs, aus Solarparks ist das allgemeine Preisniveau derzeit zu gering.

Windkraft ist einfacher?

Die Ampel-Regierung hat viel getan, um Verfahren zu beschleunigen und zu erleichtern. Das zeigt sich auch in den Ausschreibungen. Die letzten Ausschreibungen im Wind-Bereich waren alle überzeichnet. In den ersten vier Monaten im laufenden Jahr sind mehr neue Projekte genehmigt worden als im Zeitraum 2017 bis 2022 jeweils pro Jahr.

"Kontinuierliche Netzentgelte würden uns Erneuerbaren-Betreiber nicht weiterbringen."

Welche Weichenstellungen haben Sie in der vergangenen Legislatur vermisst?

Der Ampel hat ein Jahr gefehlt. Die Umsetzung der EU-Richtlinie RED III ist liegengeblieben. Das muss die neue Regierung schnell nachholen. Ansonsten freuen wir uns, dass im Koalitionsvertrag das Thema räumliche Nähe von Industriekunden vorkommt. Direktleitungen aus Wind- und PV-Parks auf das Gelände von Industriekunden bleiben bislang leider dem Zufallsprinzip überlassen. Gibt es eine Fläche im Sinne der "räumlichen Nähe" direkt neben dem Gewerbekunden, passen die Anschlussabstände und so weiter. Wir haben etwa einen PV-Park direkt an einen kunststoffverarbeitenden Betrieb angeschlossen, für den allerdings Netzentgelte anfallen. Dort haben die vielen unterschiedlichen Bedingungen gepasst.

Was erwarten Sie sich bei den Netzentgelten unter Schwarz-Rot?

Wir erwarten einen beschleunigten Netzausbau. Ohne den weiteren Netzausbau wird es schwierig, die Ausbaudynamik bei den Erneuerbaren weiterzuführen. Wir kommen aktuell an die Grenzen, was den Netzzugang angeht.

Die Bundesnetzagentur denkt deshalb auch über Einspeiseentgelte nach.

Kontinuierliche Netzentgelte würden uns Erneuerbaren-Betreiber nicht weiterbringen. Einspeiseentgelte würden neue Projekte weiter belasten, solange für diese Mehrkosten keine Absicherung, etwa durch Anpassung des Höchstwerts in den EEG-Ausschreibungen und gesetzlichen Marktwerten im selben Maße möglich wird. Im PV-Bereich kommen die Projekte bereits heute an ihre Wirtschaftlichkeitsgrenze. Jeder Cent, den wir mehr zahlen müssen, kann über Leben und Sterben eines Projektes entscheiden.

Mit der EnWG-Novelle wurde es auch möglich, Netzknoten zu überbauen. Kommt das in der Praxis an?

Im PV-Bereich ist die Länge der Kabeltrasse der größte Kostentreiber. Wir versuchen deshalb auf PV und Speicher oder sogar Wind-PV-Speicher-Kombinationen zu setzen. Bei der Überbauung von Netzknoten fehlt trotz EnWG-Novelle noch vieles. Das muss sich zunächst noch in der Regulatorik durch die Bundesnetzagentur widerspiegeln. Die Netzbetreiber brauchen Sicherheit. Der Grundstein ist jetzt gelegt. Es gibt erste gute Erfahrungen, aber vom Standard sind wir noch weit entfernt.

Die Systemverträglichkeit der Erneuerbaren steht mittlerweile mehr im Fokus. Wo sehen Sie die größten Hebel?

Diese Glaskugel sucht gerade jeder Projektentwickler. Systemdienlichkeit ist wichtig für die Stabilität im Netz. Das wird jeder Projektentwickler unterstützen. Die Politik wird schnelle Entscheidungen treffen müssen, sonst wird das massive Auswirkungen auf den Erneuerbaren-Ausbau haben. Bei den Verteilnetzen könnte Repowering über eine einfache Bauanzeige helfen, von langwierigen Genehmigungsverfahren wegzukommen. Auch die Digitalisierung der Netze voranzutreiben, ist wichtig.

Bei den Netzbetreibern sind aktuell über 300 Gigawatt an Speicherprojekten angekündigt. Wie wichtig sind Speicher für Sie?

Viele Großspeicherprojekte scheitern gerade noch am Netzzugang. Deswegen bauen wir Projekte meist nahe an Umspannwerken. Wir planen sowohl Stand-Alone als auch Co-Location-Speicher. Wir platzieren Speicher bei Innovationsausschreibungen, bekommen aber auch Anfragen für Speicherprojekte, die sich allein am Markt refinanzieren wollen. Ein Speicher macht den PV-Park unter Umständen derzeit wirtschaftlich.

"Ich glaube nicht, dass alle Windanlagen, die derzeit genehmigt werden, auch in den kommenden Jahren gebaut werden."

Werden sich die hohen Genehmigungszahlen für Windkraftanlagen in einem beschleunigten Ausbau niederschlagen?

Die Ausbauzahlen werden kontinuierlich steigen. Es gibt das ein oder andere Bottleneck. Etwa die Verfügbarkeit von Komponenten, Lieferanten, auch von finanzierenden Banken. Ich glaube nicht, dass alle Windanlagen, die derzeit genehmigt werden, auch in den kommenden Jahren gebaut werden. Die Produktionskapazitäten vieler Zulieferer sind auf diesen Genehmigungsaufschwung nicht vorbereitet. Wir werden aber einen deutlichen Ausbau sehen.

Die Zukunft der EEG-Förderung ist offen. Wie gehen Sie damit um?

Wenn die Gebotspreise aus den Ausschreibungen weiterhin so stark sinken, können wir Projekte irgendwann nicht mehr umsetzen. Hinzu kommt, dass wir bei Windprojekten immer noch Genehmigungs- und Umsetzungszeiten von sieben bis acht Jahren sehen. Juwi hat eine gut gefüllte Pipeline, das ein oder andere Projekt kann also wegfallen, ohne dass die Lage dramatisch wäre.

Die alte Bundesregierung wollte auf einen Investitionskostenzuschuss umstellen.

Wir gehen davon aus, dass Anfang 2026 der erste Aufschlag für den neuen Förderrahmen kommt. Wir erwarten, dass wir erst eine Marktprämie mit Claw-Back bekommen, die dann gezielt weiterentwickelt werden kann. Die Umstellung auf einen Investitionskostenzuschuss übers Knie zu brechen, hätte sehr, sehr viele Fragen bei uns Projektentwicklern aufgerufen. Für die Investoren hätte das viel Unsicherheit bedeutet. Die Regierung muss sich die Zeit nehmen, ein gutes, pragmatisches und zielgerichtetes Modell zu entwickeln

Juwi ist einer der größten kommunalen Projektentwickler. Wie sehen Sie die Rolle der Kommunalen beim Ausbau von erneuerbaren Energien?

Der kommunale Hintergrund hat einen großen Einfluss auf uns als Unternehmen. Unser Mutterkonzern, die MVV, will bis 2035 klimapositiv sein. Das treibt uns an, Themen schnell weiterzuentwickeln. Das betrifft nicht nur den Erneuerbaren-Ausbau, sondern auch Ladeinfrastruktur, Biogas und Abfallverwertung.

Wie viele Ihrer Projekte verkaufen Sie an die MVV?

Der Großteil unserer Anlagen geht an den Markt. Wir sind als Juwi ein unabhängiger Projektentwickler. Im letzten Jahr haben wir vier Windparks an die MVV verkauft. Im Schnitt gehen etwa 15-20 Prozent unserer Pipeline an unseren Mutterkonzern. Die MVV hat das Ziel, langfristig eine erneuerbare Erzeugungsleistung von zwei Gigawatt zu betreiben, hauptsächlich aus Wind und PV.

Das Interview führte Julian Korb

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