Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kürzlich im Bundestag

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kürzlich im Bundestag

Bild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat die Kernfusion jüngst als langfristige Lösung für die Energieversorgung bezeichnet und zugleich die Windenergie als Übergangstechnologie eingeordnet. Auf dem Handelsblatt-Energiegipfel 2026 sorgte diese Einordnung für intensive Diskussionen. Zwar ist Kernfusion für viele Experten eine potenziell bahnbrechende Technologie – doch zwischen politischer Hoffnung und industrieller Realität klafft noch eine erhebliche Lücke.

In einem Panel diskutierten Vertreter aus der Wirtschaft über die Perspektiven der Fusion ab den 2040er-Jahren. Thomas Riekert, Vorsitzender der Kommission Kerntechnik des TÜV-Verbands und Experte bei TÜV NORD, warnte vor überzogenen Erwartungen: "Fusion kann langfristig eine wichtige Ergänzung im Energiesystem werden. Aber wir müssen ehrlich sagen: Zentrale technische und regulatorische Fragen sind noch nicht gelöst."

Technische Herausforderungen ungelöst

Zu den Herausforderungen zählen ein sicherer und geschlossener Tritiumkreislauf, neue Materialien für die extremen Belastungen im Reaktorinneren, der Umgang mit aktivierten Werkstoffen sowie belastbare Genehmigungsverfahren. "Ohne akzeptierte Regelwerke und rechtssichere Verfahren gibt es keine Investitionssicherheit", so Riekert weiter. Die Mitgliedsunternehmen des TÜV-Verbands seien bereit, ihre Expertise einzubringen – benötigten dafür aber klare politische Leitplanken.

Diskutiert wurden zwei technologische Hauptpfade: die Laserfusion und die Magnetfusion. Markus Roth vom Anbieter Focus Energy erläuterte, dass Laserfusion bereits experimentell einen Nettoenergiegewinn gezeigt habe. "Wir sind nicht mehr im reinen Laborstadium." Gleichzeitig räumte er ein: "Der Schritt zum industriellen Kraftwerk ist kein Selbstläufer und erfordert erhebliche Vorinvestitionen."

Der Anbieter Proxima Fusion setzt dagegen auf Magnetfusion mit Hochtemperatur-Supraleitern. Ziel sei es, kompaktere und wirtschaftlichere Anlagen zu bauen. Mitgründer Lucio Milanese betonte jedoch ebenfalls den politischen Handlungsbedarf: "Fusion ist kein reines Wissenschaftsprojekt mehr, sondern ein Industrieprojekt. Dafür braucht es Geschwindigkeit – und die entsteht nur durch klare staatliche Signale."

Ohne ein klares Commitment der öffentlichen Hand wird die Industrie nicht in Vorleistung gehen.

Konkrete Zusagen bleiben aus

Genau hier sehen viele Panelteilnehmer das zentrale Problem. Zwar verfolgt die Bundesregierung offiziell das Ziel, Deutschland zu einem führenden Standort der Fusionsenergie zu machen. Konkrete Zusagen für eine staatliche Anschubfinanzierung eines industriellen Demonstrationskraftwerks gibt es bislang jedoch nicht. Die geplanten Maßnahmen konzentrieren sich vor allem auf Forschungsförderung, Regulierung und den Aufbau eines Ökosystems – nicht auf verbindliche Investitionen in den Kraftwerksbau.

Aus Sicht der Industrie ist das zu wenig. "Seit der Nutzung des Feuers ist keine neue Energieform ohne massive Anschubfinanzierung entstanden", sagte Roth aus Sicht der Laserfusionsbranche. Auch bei Kernenergie, Windkraft oder Photovoltaik habe der Staat den Markteintritt maßgeblich unterstützt. "Ohne ein klares Commitment der öffentlichen Hand wird die Industrie nicht in Vorleistung gehen."

Mehrere Diskussionsteilnehmer warnten davor, dass Europa im internationalen Wettbewerb zurückfallen könnte. Während China und die USA milliardenschwere Programme aufsetzen, ringt Deutschland noch um Finanzierungsmodelle und Zuständigkeiten. "Wenn Fusion wirklich die große Zukunftshoffnung ist", sagte Milena Roveda von Gauss Fusion, "dann muss sich das auch im politischen Handeln widerspiegeln – nicht nur in Sonntagsreden."

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