Schon heute wird mehr Grünstrom erzeugt als eingespeist werden kann. Allein im Jahr 2017 konnten über fünf Mrd. kWh und damit knapp ein Prozent des deutschen Stromverbrauchs nicht ins Netz eingespeist werden. Vor allem die Windkraftregionen Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern sind von der Abregelungspraxis betroffen. Der hinkende Netzausbau macht den Transport der nordischen Überkapazitäten nach Süden, wo sie so dringend gebraucht werden würden, schwierig. Flexibilitätsmärkte, Sektorenkopplung und Technikinnovationen gewinnen daher immer mehr an Bedeutung.
Bis die Erneuerbaren ihren Platz in neu gebauten Leitungstrassen finden, muss die Kohle den Weg für den neuen Player im Netz frei machen. Stein- und Braunkohlekraftwerke können durch technische Anpassungen flexibilisiert werden und so ihre Leistung bei einer hohen Verfügbarkeit von Wind, Sonne oder Biomasse drosseln, heißt es im neuen Hintergrundpapier der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). Aktuell speisen die Blöcke sogar bei negativen Börsenstrompreisen ein, da ein schnelles Hoch- und Herunterfahren aufgrund der trägen Betriebsweise nicht ökonomisch ist. In Anbetracht des vorzeitigen Kohleausstiegs dürfte eine Umrüstung der Kraftwerke allerdings nicht für alle Betreiber finanziell attraktiv sein.
Redundanzen nicht nur im Notfall nutzen
Damit stehen zunächst doch wieder die Netze selbst im Fokus der Ertüchtigung. Wenn sie schon nicht Schritt halten können mit dem Erneuerbaren-Zubau, so könnten sie stattdessen "heißer" laufen: Über das sogenannte Freileitungs-Monitoring wird die Außentemperatur um eine Freileitung gemessen. In deren Abhängigkeit kann der Stromtransport dann erhöht werden. Immerhin wird die maximale Erhitzungstemperatur der Übertragungsleitungen unter der Voraussetzung von 35 Grad Celsius Umgebungstemperatur angegeben – ein solches Temperaturniveau erreicht Deutschland nur selten.
Zudem könnten auch ungenutzte Kapazitäten bestehender Leitungen genutzt werden. Damit im Falle eines Ausfalls die Versorgungssicherheit gewährleistet ist, arbeiten Übertragungsnetzbetreiber mit "doppeltem Netz". Nicht genutzte Leitungen könnten dementsprechend für Netzengpässe eingesetzt werden, ohne dass sich das Ausfallrisiko erhöht. Schließlich wird die redundante Infrastruktur nur in einem bestimmten Umfang in Anspruch genommen.
Kommunikation ist Prävention
Nicht nur technische Ertüchtigungen tun der Netzstabilität bei einem zunehmend volatilen Energieangebot not, sondern auch die Kommunikation zwischen Verbrauchern, Erzeugern und Netzbetreibern muss verbessert werden. Vor allem in Anbetracht von Intensivverbrauchern wie der Stahl- und Aluminiumindustrie braucht es eine hohe zeitliche und räumliche Auflösung der Netz- und Verbrauchsdaten, um netzdienliches Verhalten auf Handelsplattformen anzuregen. Dafür fordert Björn Spiegel, Leiter Strategie und Politik bei der Arge Netz "volle Datentransparenz der Netzbetreiber gegenüber den Anlagebentreibern und Aggregatoren". (ls)



