Tobias Kohler (Geschäftsführer der gemeinsamen Gesellschaft), Michael Lucke (Geschäftsführer des Allgäuer Überlandwerks), Christoph Ostermann (Co-Gründer & CEO Green Flexibility) und Christoph Lienert (Co-Gründer & COO Green Flexibility) beim Projektstart am Standort Immenstadt

Tobias Kohler (Geschäftsführer der gemeinsamen Gesellschaft), Michael Lucke (Geschäftsführer des Allgäuer Überlandwerks), Christoph Ostermann (Co-Gründer & CEO Green Flexibility) und Christoph Lienert (Co-Gründer & COO Green Flexibility) beim Projektstart am Standort Immenstadt

Bild: © Ralf Lienert

Von Julian Korb

In Deutschland werden immer mehr Energiespeicher geplant. Mittlerweile haben die Anschlussbegehren auf allen Netzebenen die Schwelle von 300 Gigawatt Leistung überschritten. Für die Energiewende ist das ein gutes Zeichen. Schließlich können Speicher überschüssigen Strom einspeichern und in windarmen, sonnenschwachen Zeiten wieder freigeben. Doch Netzbetreiber vor Ort profitieren derzeit kaum von den zusätzlich vorhandenen Kapazitäten.

"Speicherinvestoren bündeln ihre Anfragen um unsere großen Umspannwerke herum", sagt Volker Wiegand, Geschäftsführer von Allgäu Netz. Das kommunale Unternehmen zählt derzeit Anfragen mit mehr als 450 Megawatt. Ob ein Standort aus Systemsicht sinnvoll ist, spielt für viele Investoren allerdings kaum eine Rolle, bemängelt Wiegand. Dabei könnte das Allgäuer Stromnetz Speicher gut gebrauchen. Schon jetzt werde in Spitzenzeiten mehr PV-Strom erzeugt, als das Allgäu verbrauchen könne.

Flexibel auf Marktveränderungen reagieren

Bei Immenstadt im Oberallgäu entsteht derzeit ein Großspeicher mit einer Kapazität von 35 Megawattstunden. Betrieben wird die Anlage von einer gemeinsamen Gesellschaft des Allgäuer Überlandwerks und des Kemptener Unternehmens Green Flexibility, das sich auf Großspeicher spezialisiert hat. "Für uns ist es wichtig, flexibel auf Marktveränderungen und Veränderungen der Rahmenbedingungen reagieren zu können", sagt Tobias Kohler, Geschäftsführer von Batteriespeicher Immenstadt, der gemeinsamen Betreibergesellschaft zwischen den Allgäuer Überlandwerken und Green Flexibility. "Dabei ist das AÜW immer auf der Suche nach wirklich kompetenten und auch nachhaltig mit uns zusammen agierenden Projektpartnern."

Anders als bei vielen anderen Projekten haben sich die Betreiber aber zuvor mit dem Netzbetreiber abgesprochen. So erhält Allgäu Netz Einfluss auf die Fahrweise des Batteriespeichers, wenn das Stromnetz unter- oder überlastet ist. Im Gegenzug erhalten die Speicherbetreiber eine finanzielle Kompensation. Für den Netzbetreiber hat das Modell, das Netze-Chef Wiegand "netzneutraler Speicher" nennt, viele Vorteile.

"Wir haben einen Vertrag unterschrieben, der besagt, dass wir mit bestimmten Vorlaufzeiten den Betrieb des Speichers vorschreiben können." Dabei sei allein die Netzsituation vor Ort ausschlaggebend – und nicht, was an der Strombörse passiert. Wiegand vergleicht diese Zeitfenster, in denen Allgäu Netz auf den Speicher zugreifen kann, mit einer teuren Wohnung in München. "Statt die ganze Wohnung zu mieten, nutzen wir nur ein Zimmer. Das macht es für alle günstiger."

Regionale Gegebenheiten im Blick

Die Speicherbetreiber sehen ebenfalls die Vorteile der Vereinbarung. "Uns ist eine hohe Projektqualität wichtig", sagt Christoph Lienert, Co-Gründer und Geschäftsführer bei Green Flexibility. "Wenn es um langfristige Speicherprojekte über 20 Jahre geht, müssen wir auch regionale Gegebenheiten miteinbeziehen." Damit könne möglichst viel Energie vor Ort genutzt werden. Für die Absprache mit dem Netzbetreiber müssen die Investoren allerdings auch Einbußen in Kauf nehmen. Denn für gewöhnlich werden Speicher für den Handel am Intraday-Markt und für die Bereitstellung von Regelenergie optimiert.

"Wenn ein Investor mit der Gießkanne unterwegs ist und wirklich das letzte Zehntel Rendite aus einem Projekt herauspressen möchte, dann tut jede Beschränkung sofort weh", sagt Kohler, der auch für andere Tochtergesellschaften des Allgäuer Überlandwerks tätig ist. Deshalb gewinne die Qualität der Vermarktung an Bedeutung. "Wenn es mir gelingt, technische Ausfallzeiten und Wartungsfenster zu optimieren, dann lässt sich im Gesamtkonstrukt weiterhin ein attraktiver Businesscase darstellen."

Lienert von Green Flexibility sieht in dem Modell weitere Vorzüge. "Diese Idee vom netzneutralen Speicher ist aus meiner Sicht so gut, weil sie volkswirtschaftlich zielführend ist. Auf der einen Seite erhalten Netzbetreiber einen Puffer für das Netz. Auf der anderen Seite optimieren wir unseren Speicher unter regionalen Netzanforderungen und können gleichzeitig einen tragfähigen Businesscase als Betreiber vorweisen." Würden Netzbetreiber hingegen selbst Speicher betreiben, hätte dies wirtschaftliche Nachteile. Um den Vergleich mit der Münchener Wohnung aufzugreifen: Netzbetreiber müssten dann in eine teure Wohnung investieren, obwohl sie darin nur ein Zimmer benötigen.

Begrenzte Einschränkungen

"Wir nutzen die restlichen Zimmer, die der Netzbetreiber nicht braucht, für alle anderen Anwendungen, etwa Intraday-Handel und Regelenergie", sagt Lienert. "Das wollen wir jetzt deutschlandweit umsetzen." Der Unternehmer betont aber auch, dass die Einschränkungen in der Fahrweise der Anlage auf ein verträgliches Maß beschränkt bleiben müssen. "Wenn ich nur noch die Hälfte der Zeiten im Jahr uneingeschränkt arbeiten kann, sieht das natürlich anders aus." Allerdings würden sich Speicher schon heute im großen Teil der Fälle netzdienlich verhalten, die Einschränkungen blieben daher begrenzt.

Absprachen wie im Allgäu sind deutschlandweit bislang Einzelfälle, erklärt Wiegand von Allgäu Netz. Die oben beschriebene "netzneutrale Fahrweise" benötigt im Vergleich zu einer netzdienlichen viel weniger Zeitfenster, die reserviert werden müssen. Zudem zur netzdienlichen Variante viele Details unklar sind, insbesondere wie hoch die Kompensation für diese erweiterte Reservierung des Netzbetreibers ausfallen soll. Der Geschäftsführer würde eine Regelung der Bundesnetzagentur begrüßen. Außerdem können Netzbetreiber die Ausgleichszahlung bislang nicht im Rahmen der Regulierung anerkennen lassen. Das heiß konkret: Das Geld fehlt später für den Netzausbau. "Das kann sich aber dennoch lohnen, weil ich mir unter Umständen auch Netzausbau spare", sagt Wiegand.

Green Flexibility will die Erfahrungen im Allgäu für künftige Projekte mitnehmen. "Wir gehen immer proaktiv auf die Netzbetreiber zu", unterstreicht Geschäftsführer Lienert. Im Gegensatz zu einer PV- oder Windanlage lasse sich für die Netzbetreiber schwerer prognostizieren, welchen Einfluss der Betrieb auf das Netz habe. Für Investoren und Projektierer sei es wichtig, sich mit der Netzsituation vor Ort zu befassen. "Die Energiewende findet dezentral statt, deswegen müssen auch Speicher dezentral gedacht werden." Nur auf die Fläche und den Netzanschluss zu schauen, reiche auf Dauer nicht aus. "In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir Batteriespeicher in ganz Deutschland benötigen – aber eben an zielführenden Standorten", resümiert Lienert. "Umso wichtiger ist der Austausch."

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst in der Mai-Ausgabe 2025 der ZfK erschienen. Zum E-Paper geht es hier.

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