Die Erneuerbaren haben am Freitag, den 23. August, in der Spitze eine außergewöhnliche Leistung von fast 80 GW geliefert. Solar mit rund 40 GW und Windenergie mit rund 30 GW waren die stärksten Technologien. Hinzu kommen nochmal Biomasse mit 4,5 GW und Wasserkraft (Pumpspeicher und Laufwasser) mit rund 2,5 GW. Dass es nicht noch mehr war, lag auch daran, dass die Übertragungsnetzbetreiber mehrere Offshore-Windparks herunterregelten. Die Last lag in der Spitze bei lediglich rund 64 GW.
"Aus meteorologischer Sicht ist dies eine sehr seltene Konstellation mit stürmischen Winden in der offenen Nordsee und gleichzeitig 90 Prozent wolkenfreiem Himmel in Deutschland", sagte Robin Girmes, Managing Partner beim Beratungsunternehmen RM Energy Weather. Eine erneuerbare Erzeugungsleistung von 80 GW oder mehr dürfte auch in den kommenden Jahren zwar noch ein Ausnahmefall bleiben.
Flexibilitätspotenziale ausgereizt
Auf zwei Phänomene müsse sich der Strommarkt jedoch einstellen: eine riesige Energiemenge nicht steuerbarer Leistung, vor allem durch Solaranlagen aus Privathaushalten sowie auf steile Residuallastrampen in den Abendstunden. "Bislang kamen bis zu 10 GW stündlicher Residuallaständerung am Abend vor", so Girmes. "Heute sind es bis zu 12 GW pro Stunde. Aufgrund mangelnder Flexibilität müssen hierdurch sehr teure Stromerzeuger die Leistung bereitstellen, die Strompreise sind teurer als sie sonst bei vergleichbarer Nachfrage wären."
Das Problem: Die bisherigen Flexibilitätspotenziale werden laut dem Meteorologen größtenteils bereits ausgereizt. Konventionelle Kraftwerke für diese Zeitfenster hochzufahren, ist teuer. So erklärt sich auch, dass es in den letzten Wochen immer wieder zu Preisspitzen von über 200 Euro pro MWh in den Abendstunden kommt.
Exportmöglichkeiten nehmen ab
Auf der anderen Seite leiden die Marktwerte von Erneuerbaren-Anlagen. Denn auch die Exportmöglichkeiten für die Spitzenlastzeiten nehmen eher ab. "Heute hat uns die Niederlande eine größere Menge Solarstrom abgenommen. Doch das Land verfügt selbst über große Mengen nicht steuerbarer Solarenergie, wodurch an sonnigeren Tagen dort diese Möglichkeit entfällt."
Von den 90 Gigawatt (GW) installierter Solaranlagen in Deutschland erhalten rund 60 GW eine Einspeisevergütung. Das sind Anlagen, die in der Regel auch bei negativen Preisen einspeisen. "Im laufenden Jahr wurden sage und schreibe 20 Prozent des Solarstroms in Zeiten negativer Preise erzeugt", schreibt Lion Hirth, Prrofessor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin, in einem LinkedIn-Beitrag.
Marktwert ungeregelter Solaranlagen
Laut dem Energieökonom liegt der Marktwert ungeregelter Solaranlagen in 2024 bei 42 Euro pro MWh. Hätten diese Anlagen geregelt, wären es 57 Euro. "Mehr als ein Viertel ihrer potentiellen Wertschöpfung durch Stromerzeugung vernichten Solaranlagen gleich wieder."
Hirth schlussfolgert daher: "[Einen] weiteren Zubau von ungeregelten Erzeugern, die stupide einspeisen, egal, was das Stromsystem dazu sagt, können wir uns nicht mehr lange leisten."
Solarstrom auf Höchststand
Die Stromerzeugung aus Sonnenenergie hat im Juli in Deutschland einen Höchststand erreicht. "Im Juli wurde mit rund 10 Terawattstunden so viel Solarstrom produziert wir noch nie in einem Monat, obwohl die Sonneneinstrahlung niedriger als im vergangenen Jahr war", sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) der Funke-Mediengruppe. "Das heißt, unsere Maßnahmen wirken und es gibt immer mehr Solarstrom. Der Ausbau läuft auf Hochtouren."
Der Ausbau der Solaranlagen hat deutlich Fahrt aufgenommen. Im vergangenen Jahr verdoppelte sich der Zubau nach Zahlen der Bundesnetzagentur im Vergleich zum Vorjahr auf nahezu 14 Gigawatt. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums betrug Ende Juni die gesamte Leistung der installierten Solaranlagen mehr als 90 Gigawatt. Damit war schon im ersten Halbjahr das Ziel der Bundesregierung einer installierten Leistung von 88 Gigawatt im Jahr 2024 erreicht. 2030 soll die installierte Leistung bei 215 Gigawatt liegen. (jk mit dpa)



