Vier Jahre intensiver Forschungsarbeit liegen hinter den fünf Sinteg-Schaufenstern. Bei der zweitägigen Abschlusskonferenz am Mittwoch und Donnerstag in Hamburg geht es um erste Ergebnissynthesen und den Ausblick auf neue Projekte und die Arbeit der Politik, denn technisch ist die Energiewende machbar, der regulatorische Rahmen hingegen liefert nach wie vor viele Stolpersteine.
Dessen ist sich auch Andreas Feicht, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium bewusst: „Experten aus ganz Deutschland haben in fünf Modellregionen Lösungen für das Energiesystem der Zukunft und die Digitalisierung des Energiesektors entwickelt und getestet.“
Digitalisierung der Netze
Für viele der Herausforderungen, die eine Energieversorgung mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien mit sich bringt, seien übertragbare Blaupausen entstanden, so Feicht und betont: „Die Empfehlungen der Sinteg-Experten werden wir in die Weiterentwicklung des regulatorischen Rahmens einfließen lassen.“
Einen wichtigen Punkt, der künftig mehr Beachtung bei der Ausgestaltungen des ordnungspolitischen Rahmens der Energiewende, erfahren sollte, spricht Lothar Ahle, Projektleiter der westdeutschen Modellregion Designetz an: „Wir müssen die Digitalisierung der Netze anreizen und Subsidiarität der Netzbetreiber ermöglichen.“ So sollten Verteilnetzbetreiber beispielsweise die Möglichkeit und Instrumente haben, Flexibilitäten zu nutzen, um die Netzstabilität sicherzustellen.
Sinteg ist Basis für weitere Projekte und den Strukturwandel
Ähnlich sieht das Markus Graebig, Projektleiter von Windnode, der die Experimentierklauseln im Rahmen der Sinteg-Verordnung als „Katalysator“ bezeichnet, der viele Projektpartner überhaupt erst von der Teilnahme an den Teilprojekten überzeugt hat. Mit der Sinteg-Verordnung hat das BMWi ein Instrument geschaffen, um wirtschaftliche Nachteile, wie z.B. der Verlust von Netzentgeltprivilegien die durch den Einsatz von neuen Technologien oder netzdienlichen Verhaltensweisen entstehen können, zu kompensieren.
Mit Blick auf zukünftige Projekte, wie sie sich im Rahmen des BMWi- Ideenwettbewerbs „Reallabore der Energiewende“ bereits angekündigen, aber auch im Kontext des Strukturwandels, rät Graebig: Die Fördergelder alleine sollten nicht überschätzt werden, vielmehr sollte auch die intrinsische Motivation der Projektpartner durch die richtigen „Spielregeln“ gewürdigt werden.
Flexiblitätsplattformen und Steuerungssysteme
Doch bevor es auf zu neuen Ufern geht, blicken die Projektleiter- und koordinatoren noch einmal zurück, auf das was Sinteg als Basis künftiger Forschungsprojekte bereits geschafft hat.
So wurde in Hamburg mit industriellen Groß-Verbrauchern geprobt, wie deren Flexibilität das Stromnetz entlasten kann (NEW 4.0). lm Westen Deutschlands simulierte das ,,System Cockpit“ im Live-Betrieb innovative Betriebsplanungen für das Verteilnetz von morgen (DESIGNETZ). In Ostfriesland visualisierten intelligente Messsysteme Erzeugung und Verbrauch in Echtzeit und identifizierten Stromfresser in Haushalten (Enera). Andere Projekte vernetzten fluktuierende Stromerzeugung mit flexiblem Energieverbrauch in Gebäuden oder für die Mobilität, so z. B. ein Quartier in Berlin Prenzlauer Berg (Windnode) oder der Stuttgarter Flughafen (C/sells), fasst das BMWi die Meilensteine des Förderprogramms zusammen.
Trendwende in der Branche
Doch nicht nur die Projektpartner haben fleißig an smarten Innovationen gearbeitet, auch in der Energiewirtschaft beobachten die Projektleiter eine Trendwende, wie Ulf Brommelmeier von Enera betont: „In vielen Unternehmen der Energiebranche gibt es inzwischen einen anderen Umgang mit digitalen Ansätzen. Künstliche Intelligenz im Netz wird als sinnvoll anerkannt. Kritische Infrastruktur und Machine Learning gehen zusammen und der Wert einer guten Datenlage wird gesehen, weil zum Beispiel Prognosen immer besser werden.“
Für eine erfolgreiche Energiewende müssen jedoch auch die Prosumer und Endverbrauchern mitgenommen werden. Die Partizipation bis in die Niederspannung stand bei C/sells, dem süddeutschen Reallabor ganz oben auf der Agenda. In den Autonomie-Laps in München, Mannheim Stuttgart etc. konnten Hausbewohner ihre Stromversorgung über einen digitalen Netzanschluss und Energiemanagementsystem autonom regulieren. Lediglich die Obergrenzen für den Leistungsbezug sowie für die Einspeisung am Netzanschlusspunkt wurden vom Netzbetreiber vorgegeben.
Vom Kunden aus denken
„Aktive Partizipation wird sich jedoch erst dann entwickeln, wenn die autonome Gestaltungsarbeit von der Gesetzgebung unterstützt wird“, betont Albrecht Reuter, Projektleiter C/sells. Dabei sollte sich die Regulatorik auf das Setzen der Rahmenbedingungen fokussieren, während die technische Ausgestaltung den Fachleuten und Branchenverbänden überlassen werden sollte, so Reuter weiter und ergänzt: „Denn die pfiffigsten Ideen entstehen aus den Kundenwünschen und der Partizipation und nicht in langfristigen staatlichen Planungsprozessen.“ (lm)



