
Branchenzahlen wie etwa des Bundesverbandes der Solarwirtschaft (BSW) zeigen schon seit einigen Jahren eine steigende Nachfrage nach Solaranlagen bei privaten Haushalten. Ende 2022 sagte in einer BSW-Umfrage jeder fünfte private Immobilienbesitzer aus, in den kommenden 12 Monaten eine Photovoltaik (PV)-Anlage installieren zu wollen. Eine Umfrage der ZfK bei kommunalen Energieversorgern ergab nun: Der Solar-Boom kommt auch bei den Stadtwerken an.
So haben etwa die Stadtwerke Speyer (SWS) seit Ausbruch des Russland-Ukraine-Krieges über 350 Anfragen für Aufdachanlagen erhalten und die Zahl steige stetig an. "Uns hat eine Nachfragewelle überrollt", sagt Mathias Reinhart, Teamleiter Erneuerbare Energien bei den SWS. Zudem habe sich Ende März eine neue Bürgerenergiegenossenschaft in der Region der Vorderpfalz (Rheinland-Pfalz) gegründet. Und auch aus der lokalen Politik gibt es Initiativen: "Umlandgemeinden kommen mit konkreten Projektanfragen aus ihren politischen Gremien auf uns zu", so Reinhart weiter.

Aufdachanlagen verdreifacht
Die Anzahl der privaten Aufdachanlagen hat sich bei den SWS zudem in den vergangenen Jahren bis heute verdreifacht. Im Gewerbebereich baut der Kommunalversorger gerade seie größte Aufdachanlage mit ca. 2 MWp. Geplant seien unter anderem auch Floating-PV-Anlagen und eine große Freiflächenanlage.
Hemmnisse sehen die Speyerer vor allem bei der Bürokratie. So sollten etwa die Datenmeldungen bei der Inbetriebnahme von Kleinanlagen reduziert und die Rechtsquellen, etwa aus dem EEG und dem Baurecht, vereinheitlicht werden.
"Außerdem ist es wichtig, dass die PV-Wirtschaft auf allen Ebenen gestärkt wird, um den Ausbau zu beschleunigen", ergänzt SWS-Teamleiter Reinhart.
Das beginne bei der Ausbildung von Fachkräften im eigenen Unternehmen, gehe über die Stärkung der Ausbildung in den relevanten Schlüsselbereichen bis zur Förderung der deutschen und europäischen Industrie für die Modulherstellung, Batterie- und Wechselrichterfertigung.
Mehrere Anfragen täglich
Auch in Tübingen ist die Nachfrage nach PV-Anlagen seit Kriegsausbruch nochmal deutlich angestiegen. Hinzu kommt die Photovoltaikpflicht in Baden-Württemberg.
"Innerhalb der letzten drei Jahre haben die Stadtwerke Tübingen durchschnittlich 50 PV-Anlagen für Endkunden bauen lassen", sagt Julian Klett, Sachgebietsleiter Erneuerbare Energien bei den Stadtwerken Tübingen (swt).
Die Warteliste bei den swt umfasse derzeit über 80 unterschriebenen Bestellungen – mit mehreren neuen Anfragen täglich. Die Wartezeit liege aktuell bei über einem Jahr. "Das größte Problem sind die begrenzten (und knappen) Installateurskapazitäten", sagt Klett weiter. "Dies zwingt die swt leider dazu, Überlegungen anzustellen, eventuell keine weiteren Anfragen mehr anzunehmem."
Konkurrenzdruck bei Flächen
Zwar gehen die swt von einer anhaltenden Nachfrage nach Aufdachanlagen aus, allein durch PV-Pflicht in BaWü. Allerdings seien Einspeiseanlagen wegen der geringen Vergütung häufig unwirtschaftlich. Außerdem blieben Dächer von Mehrfamilienhäusern weiterhin häufig ungenutzt, was an den zu komplexen Rahmenbedingungen beim Mieterstrom liege, kritsiert Klett.
Bei Freiflächen-PV-Anlagen steige der Wettbewerb und Konkurrenzdruck um Flächen, während die Pachtangebote stetig zunähmen. "Dadurch steigen voraussichtlich auch zwangsläufig die Stromgestehungskosten", sagt Klett von den swt. "Der Anstieg bei den Fremdkapital-Zinsen hat den Projektwert deutlich herabgesenkt." Die Unsicherheit der Strompreisentwicklung sei für Investoren eine Herausforderung. Häufig sei zu beobachten, dass die Planungshoheit der Gemeinde (Bebauungsplanverfahren) Projekte auch stoppe.

Kaum Komponenten vorhanden
Auch das Stadtwerke-Netzwerk Trianel bestätigt eine stark gestiegene Nachfrage nach Solaranfragen in den letzten Monaten. "Allerdings merken wir auch, dass derzeit kaum Komponenten am Markt vorhanden sind", so eine Trianel-Sprecherin. "Wir hoffen aber, dass sich die Lage hier bald wieder beruhigt und ausreichend Stückzahlen verfügbar werden."
Problematisch sei ebenfalls die Situation beim Fachpersonal für Planung und Montage sowie vor allem in den Genehmigungsbehörden.
"Die Politik gibt die richtigen Impulse, doch der Personalmangel ist weiterhin eine Hürde", sagt Andreas Lemke, Abteilungsleiter Solar bei Trianel.
Um die Ziele von 22 GW jährlichem Zubau bei der Photovoltaik zu erreichen, müsse das Genehmigungsverfahren weiter vereinfacht und beschleunigt werden. Dazu sei auch zusätzliches Personal in den Behörden erforderlich.
Pipeline mit 2000 MWp
Die Stadtwerke-Kooperation konzentriert sich im Solarsektor vor allem auf die Projektierung von Freiflächen- und Speicheranlagen sowie – aufgrund fehlender Netzkapazitäten – auf den Bau von Umspannwerken. "Unsere Projektierungs-Pipeline beträgt derzeit 2000 MWp und wächst stetig – diese entwickeln wir mit unserem weit gefächerten Kooperationsnetzwerk", so die Unternehmenssprecherin.
Trianel habe im Landkreis Bitburg-Prüm (Rheinland-Pfalz) gerade Photovoltaikanlagen mit insgesamt 80 MWp, sowie zwei Umspannwerke mit je 80 MVA Leistung in Betrieb genommen. Zudem seien vier Anlagen aus dem Segment der Innovationsausschreibung im Bau. Bis Ende des Jahres will das Stadtwerke-Netzwerk zudem an vier Standorten in Deutschland PV-Anlagen mit 60 MWp und Speicher mit insgesamt 40 MWh errichten. (jk)
Mehr zum Solar-Boom bei den Stadtwerken finden Sie in der neuen April-Ausgabe der ZfK. Hier geht es zum E-Paper.



