Würde in Deutschland die Notfallstufe ausgerufen werden, würde die Bundesnetzagentur in die Rolle des Bundeslastverteilers schlüpfen.

Würde in Deutschland die Notfallstufe ausgerufen werden, würde die Bundesnetzagentur in die Rolle des Bundeslastverteilers schlüpfen.

Bild: © Rolf Vennenbernd/dpa

Von Julian Korb

Rund um den neuen Versorgungssicherheitsbericht der Bundesnetzagentur diskutiert die Energiebranche über neue Gaskraftwerke – aber auch über Speicher. Denn vor allem Großbatteriespeicher – immerhin ein Hype-Thema der letzten Monate – tauchen darin kaum auf. So modelliert die Netzagentur in ihrem Zielszenario für die Jahre 2030 bis 2035 mit gerade einmal 0,8 Gigawatt (GW) installierter Leistung bei großen Stromspeichern.

Mehr dazu auch in unserer aktuellen Grafik-Seite: Wie Speicher das Stromnetz entlasten und wieso der Standort entscheidet

Erstaunlich: 0,8 GW ist knapp ein Drittel dessen, was bereits heute in Deutschland installiert ist. Sollte die Energiewende sich verzögern, rechnet die Netzagentur zwar immerhin mit rund 2 GW. Blickt man auf die bereits angekündigten Projekte bis zum Ende des Jahrzehnts, liefe das allerdings auf einen Rückbau von bereits installierten Speichern hinaus. Nun hat die Bonner Behörde auf ZfK-Anfrage ihre Berechnungen erklärt.

Netzagentur sieht Speicher berücksichtigt

"Der Vorwurf, die Bundesnetzagentur habe im Versorgungssicherheitsmonitoring die Betrachtung der stationären Großbatteriespeicher vernachlässigt und diese nicht in die Modellierung einbezogen, ist falsch", schreibt ein Sprecher. In der Untersuchung zum Versorgungssicherheitsmonitoring 2025 seien stationäre Batteriespeichersysteme Teil der berechneten steuerbaren Kapazitäten, die für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit erforderlich seien.

Der Sprecher verweist auf Seite 36 des Berichts, wo es heißt: "Die steuerbaren Kapazitäten setzen sich zum Großteil aus Kraftwerken, insbesondere Gaskraftwerken, zusammen. Speicher und Industrieflexibilitäten machen zwischen einem Viertel und einem Drittel der installierten Leistung aus." Die Untersuchung der Bundesnetzagentur sei fachgerecht erfolgt.

Kraftwerke und bidirektionales Laden günstiger

Auch zur angenommenen installierten Leistung an Großspeichern äußerte sich die Behörde. Wären – über die bereits angenommenen – weitere Flexibilitäten in Form von Speichern unter der Prämisse einer kostenoptimalen Sicherstellung der Versorgungssicherheit notwendig gewesen, so hätte das Modell diese erschlossen, heißt es. "Daraus lässt sich schließen, dass bei rein ökonomischer Betrachtung kein Kraftwerkszubau durch weitere Flexibilität in Form von Speichern verdrängt würde."

Mit anderen Worten: Das Modell geht davon aus, dass Nachfrageflexibilitäten – etwa durch bidirektionales Laden oder flexibel betriebene Wärmepumpen – sowie Gaskraftwerke günstiger sind als neue Großbatteriespeicher. Im Jahr 2035 rechnet die Behörde so damit, dass insgesamt etwa 80 GW an Flexibilität zur Verfügung stehen. "Daher besteht im Modell aus ökonomischer Sicht kein weiterer Bedarf an Flexibilität", so der Sprecher weiter. Würden sich die Kosten einzelner Erzeugungs- und Flexibilitätstechnologien noch verschieben, könnten sich die Ergebnisse noch ändern.

Allerdings schränkt der Behördensprecher auch ein: "Wie sich innerhalb der Flexibilitäten in 2035 die aktuelle Antragsdynamik bei den stationären Batteriespeichern ausgewirkt haben wird, ist damit nicht vorweggenommen." Der Versorgungssicherheitsbericht entscheide nicht über die künftige Zusammensetzung der steuerbaren Kapazitäten oder Flexibilitäten. "Über die genaue Zusammensetzung der einzelnen Technologien werden der Markt und die politischen Rahmenbedingungen entscheiden."

Ausschreibung neuer Gaskraftwerke

Die Annahmen zu Großbatteriespeichern hatten in der Energiebranche, insbesondere bei Erneuerbaren-Vertretern, für Kritik gesorgt. Hintergrund ist auch, dass die Ergebnisse des Berichts als Grundlage für die Ausschreibungen neuer Gaskraftwerke dienen könnten.

So kommentierte Bastian Gierull, Chef des Energieanbieters Octopus Energy Germany: "Der neue Bericht der Bundesnetzagentur wirft Fragen auf. Die Behörde warnt vor einer drohenden Stromlücke und empfiehlt den Bau von bis zu 25,6 GW neuen Kraftwerken."

Auffällig sei dabei, dass der "massive, schon heute stattfindende Ausbau von Großbatteriespeichern" ausgeblendet werde. "Genau diese Speicher können – neben Flexibilitäten –  konventionelle Kraftwerke ersetzen." Gierull befürchtet, dass Gaskraftwerke auf "Basis fehleranfälliger Modellierungen mit Milliarden subventioniert" werden könnten.

Der Erneuerbarenverband BEE weist zudem darauf hin, dass in dem Bericht auch flexibel steuerbare Bioenergie, Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK), Geothermie und Wasserkraft keine Berücksichtigung finden. Auch das Potenzial heimischer Elektrolyseure werde nicht mit einbezogen.

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