Herr Hoster, vor gut zwei Jahren haben die Stadtwerke Kassel ihre Beschaffungsstrategie geändert und den Lieferzeitraum für SLP-Kunden, sprich Haushalts- und Gewerbekunden, von eineinhalb auf drei Jahre im Voraus ausgeweitet. Sind Sie jetzt froh darüber?
Frank Hoster: Gerade in Hochpreisphasen wie jetzt zahlt sich das natürlich aus. Wir können über einen doppelt so langen Zeitraum Tranchen einkaufen und so das Risiko besser streuen. So nehmen wir die aktuellen Spitzen im Großhandel nur zum Teil mit und sind günstiger als Wettbewerber, die auf fallende Preise gesetzt haben und nun große Mengen zu Höchstpreisen beschaffen müssen.
Dabei bleibt auch der Terminmarkt von Preisausschlägen nicht verschont. Im Dezember schoss der Strom-Frontjahreskontrakt Base über die 400-Euro-Marke. Tun da nicht auch im Gewerbekundenbereich neue handelsnähere Produkte Not, um das Preisrisiko stärker mit Kunden zu teilen?
Wir vertreiben ein Modell unter dem Namen "Tranche plus", welches vornehmlich für Industriekunden gedacht ist, aber auch auf kleinere Kunden ausgedehnt werden kann oder sogar individuell anpassbar für andere Stadtwerke angeboten wird. Der Kunde schließt mit uns zwei bis drei Jahre vor Lieferung einen Vertrag. Dann decken wir ihn ein. Befinden wir uns in einem steigenden Markt, wird jeden Monat eine Tranche gezogen. Fällt der Marktpreis, wird solange keine Tranche gezogen, bis der Markt wieder steigt. Dann werden alle noch ausstehenden Tranchen auf einmal realisiert.
Das hat mehrere Vorteile. Im steigenden Markt erhält der Kunde pro Monat immer einen Durchschnittspreis. Im fallenden Markt profitiert der Kunde dagegen, weil er erst dann zugreifen muss, wenn der Trend wieder in die andere Richtung geht. Damit ist jedenfalls ausgeschlossen, dass der Kunde alles auf eine Karte setzen muss und im schlimmsten Fall zum ungünstigsten Zeitpunkt alle Mengen auf einmal einkaufen muss. Dies bricht ja zurzeit vielen das Genick.
Auf fallende Strompreise dürften viele Energiebeschaffer jedenfalls sehnsüchtig warten. Aber ist das realistisch?
Wir gehen schon davon aus, dass sich die Situation im Sommer etwas beruhigen wird. Aber klar ist auch: Preise von 40 bis 50 Euro pro MWh Strom werden wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren wohl nicht mehr sehen. Wir müssen uns am Strommarkt auf ein ganz neues Niveau einstellen, solange mit dem Ausstieg aus Kernkraft und Kohle Jahr für Jahr erhebliche Kapazitäten aus dem Markt gehen.
Das heißt?
Es kann gut sein, dass wir zum Teil hohe dreistellige, an manchen Tagen sogar vierstellige Strompreise pro MWh erleben werden, solange wir am Energy-Only-Markt festhalten und die Kapazitäten am Strommarkt knapp bleiben. Es müssen ja Investitionsanreize für geschätzte 30 GW neue Gaskraftwerke geschaffen werden, die wir bis 2030 brauchen. Diese müssen dann auch ihr Geld verdienen, wenn sie nur noch 1000 statt 3000 bis 4000 Stunden im Jahr laufen.
Was bedeuten deutlich höhere und volatilere Strompreise im Großhandel für mittlere und kleinere Stadtwerke?
Ich könnte mir vorstellen, dass das Interesse an Vollversorgungsverträgen massiv steigen wird. Die Frage ist nur, wer sich auf Anbieterseite traut, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Und für wen? Wir als großes Stadtwerk etwa bekämen schon heute keine Vollversorgungsverträge mehr angeboten, wenn wir uns entschieden, die Beschaffung auszulagern. Natürlich könnten Unternehmen Vollversorgungsverträge anbieten, bei denen alle möglichen Risiken von Anfang an eingepreist sind.
Das allerdings wäre für Stadtwerke wenig attraktiv. Ein faires Chancen-Risiko-Verhältnis muss schon gegeben sein. Ansonsten kann man die Beschaffung auch gleich selbst machen. Ich könnte mir außerdem vorstellen, dass es künftig ein Produkt im Markt geben wird, das eine Art Versicherung gegen enorme Preisspitzen darstellt. Ich denke da an große Player, die zu diesem Zweck für bestimmte Stunden Kapazitätsreserven bereitstellen würden. Dann würde der Kapazitätsmarkt durch die Hintertür hereinkommen.
Zur Person: Frank Hoster leitet den Bereich Energiewirtschaft, Handel und Beschaffung bei den Städtischen Werken Kassel.
Das Interview führte Andreas Baumer
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Info: Auch die aktuelle ZfK-Printausgabe, die am Montag, 10.1., erscheint, beschäftigt sich mit den Folgen des Strom- und Gaspreishochs für die Energiebranche. Auf Seite 2 erklärt Trianel-Vertriebschef Reinhard Klimeck, welche Chancen sich dabei für Stadtwerke eröffnen. Zum Abo geht es hier.



