Stellten die neue Studie vor: Wolfgang Bühring, Geschäftsführer der Stadtwerke Speyer (2. v. l.), Arndt Müller, Vorstand der Stadtwerke Trier (3. v. l.), Klaus Mindrup (2. v. r.), ehemaliges Mitglied des deutschen Bundestags mit dem Projektteam der Stadtwerke Speyer.

Stellten die neue Studie vor: Wolfgang Bühring, Geschäftsführer der Stadtwerke Speyer (2. v. l.), Arndt Müller, Vorstand der Stadtwerke Trier (3. v. l.), Klaus Mindrup (2. v. r.), ehemaliges Mitglied des deutschen Bundestags mit dem Projektteam der Stadtwerke Speyer.

Bild: © Stadtwerke Speyer

Von Julian Korb

Es ist paradox: Überall in Deutschland wird auf Dächern mithilfe von Photovoltaik (PV) Strom erzeugt. Gleichzeitig können Energieversorger damit kaum regionalen Grünstrom vermarkten. Denn der PV-Strom, der nicht gleich vor Ort verbraucht oder eingespeichert wird, wandert ins öffentliche Netz. Die Übertragungsnetzbetreiber verkaufen ihn dann an der Energiebörse.

"Er gilt damit nicht mehr als Ökostrom, sondern als Strom unbekannter Herkunft, also Graustrom", sagt Arndt Müller, Vorstand der Stadtwerke Trier. "Der ursprünglich hochwertige, regionale Grünstrom steht damit bilanziell für die regionale Wertschöpfung nicht mehr zur Verfügung." Gemeinsam mit den Stadtwerken Speyer haben die Trierer beim Berliner Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie die regionale Grünstromvermarktung ausgebaut werden könnte.

Regionalstrom in der Grundversorgung

Das Ergebnis: Regionale Ansätze würden zu einem stabileren Netz und günstigeren Preisen führen. Allerdings hemmen technische Anforderungen und Kosten die privaten Betreiber von PV-Anlagen derzeit, sich für andere Vermarktungswege zu entscheiden. Sie wählen daher meist die Einspeisevergütung und damit die zentrale Vermarktung.

Die Studienautoren vom IKEM schlagen unter anderem vor, den Grundversorgern das Recht zur Vermarktung von EEG-gefördertem Strom aus kleinen PV-Anlagen vor Ort einzuräumen. So könnte der Strom direkt an Verbraucher in der Umgebung geliefert werden, die im Grundversorgungstarif gebunden sind.

"Der Grundversorger zahlt den Anlagenbetreibern einen festen Preis auf Basis des Jahresmarktwertes aus dem Vorjahr", erläutert Susan Wilms, Stellvertretende Geschäftsführerin des IKEM. Der Grünstrom würde dann in einem grünen Bilanzkreis bilanziert werden und könnte dann für die Vermarktung vor Ort benutzt werden. "Dadurch bleibt die Grünstromeigenschaft erhalten."

Der Vorteil: Die Bundesregierung wüsste ein Jahr im Voraus, welche Einnahmen auf sie zukommen. Derzeit ist die Spotmarkt-Vermarktung mit großen Unsicherheiten belegt und führt teilweise zu hohen Fehlbeträgen im EEG-Konto. Mehr regionale Vermarktung würde zudem die Netzkosten senken.

Neue Aufgaben für Stadtwerke

Wolfgang Bühring, Geschäftsführer der Stadtwerke Speyer, hält die Regionalisierung der Stromversorgung durch Photovoltaik- und Windkraftanlagen für entscheidend für Stadtwerke. "Sie stärkt die lokale Wertschöpfung und erhöht die Versorgungssicherheit." Das bisherige Regulierungsregime habe viele Stadtwerke davon abgehalten, sich weiterzuentwickeln. "Die Potenziale, die wir mit den Erneuerbaren haben, können wir so nicht fördern."

Dennoch kämen auf Stadtwerke, die Grundversorger sind, im neuen Modell auch neue Aufgaben zu. "Man muss einen Bilanzkreis aufbauen, man muss prognosefest sein", erklärt Bühring. Das sei aber auch in Kooperationen möglich. Entscheidend sei, den Rechtsrahmen neu aufzusetzen. "Man kann nicht erwarten, dass kommunale Unternehmen ein Risiko eingehen, wenn der Gesetzgeber dafür nicht die Anreize schafft", so der Stadtwerke-Chef weiter. "Nicht überall ist das unternehmerisch auch gewollt, auch was die kommunalen Eigentümer angeht."

Mehr Möglichkeiten für Netzbetreiber

Neben der Grünstromvermarktung braucht es laut der Studie aber auch weitere regionale Ansätze für die Energiewende. Ein anderes Mittel wären etwa lokale Preissignale als wirtschaftlichen Anreiz, um Netzengpässe zu reduzieren und den Einsatz von Speichern zu fördern, meint Stadtwerke-Chef Müller. "Damit wird die Stromversorgung deutlich agiler und passt sich an die volatile Erzeugung der erneuerbaren Energieanlagen an."

Die IKEM-Studie schlägt weitere Änderungen vor, etwa für Netzbetreiber. Aktuell können Verteilnetzbetreiber keine Batterien betreiben. "Das erlaubt keine ausreichende lokale Steuerung", kritisiert Wilms. "Wir schlagen vor, dass die Entflechtungs-Vorgaben gelockert werden, etwa durch mehr Ausnahmeregelungen." Die Möglichkeiten zur lokalen Steuerung von Speichern sollten demnach ausgeweitet werden. "Es sollte auch mehr Anreize geben, damit Netzbetreiber Speicher lokal steuern können", so die stellvertretende Geschäftsführerin.

Klaus Mindrup, ehemaliges Mitglied des deutschen Bundestages, der an der Untersuchung mitwirkte, betont: "Durch regionale Ansätze im Stromsystem lassen sich sowohl Kosten im Gesamtsystem einsparen als auch eine höhere Resilienz des Energiesystems, insbesondere durch eine verringerte Abhängigkeit von Energieimporten, erreichen." Demnach brauche es einen regionalen Ansatz für Lastverschiebung im Stromsystem, um die Überschüsse an erneuerbarem Strom sinnvoll zu nutzen.

Hier gehts zur Studie

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