Von Julian Korb
Vom befürchteten Speicher-Tsunami ist am deutschen Strommarkt bislang wenig zu sehen. Gerade einmal 400 Megawatt (MW) Leistung an neuen Großbatteriespeichern gingen im laufenden Jahr bislang ans Netz, wie aus Zahlen der Plattform Battery Charts hervorgeht. Dabei sind sich Branchenstimmen einig, dass mehr große Stromspeicher dabei helfen könnten, Netzengpässe zu vermeiden und die Anzahl der negativen Preise am Strommarkt zu verringern. Woran hapert es also?
Dirk Biermann, Geschäftsführer Märkte und Systembetrieb beim Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, gab dazu bei einem Pressegespräch einen Einblick. Vor allem die rechtliche Lage sei demnach derzeit ungünstig. "Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass Großbatteriespeicher der Kraftwerksnetzanschlussverordnung (KraftNAV) unterliegen." Diese Verordnung auf den Batteriespeicher-Tsunami anzuwenden, sei laut Biermann allerdings hochproblematisch, denn die Norm sehe das sogenannte Windhund-Prinzip vor.
Kaum Einflussmöglichkeiten für Netzbetreiber
Heißt konkret: Die Übertragungsnetzbetreiber müssen Anträge "nach dem Posteingangsstempel" bearbeiten. Der Reifegrad oder die Umsetzungswahrscheinlichkeit eines Projektes spielen dabei jedoch keine Rolle. "Wir sind der Meinung, dass wir von diesem Verfahren wegkommen müssen, damit Projekte mit einem geringen Reifegrad nicht die Pipeline blockieren", so Biermann weiter. "Außerdem braucht es ein Verfahren, wonach netzdienliche Projekte vorgezogen werden können."
Der 50Hertz-Geschäftsführer weiß, wovon er spricht. Denn der Übertragungsnetzbetreiber aus Ostdeutschland schultert derzeit 40 Prozent der gesamten Anschlussbegehren von Großbatteriespeichern an das Höchstspannungsnetz in Deutschland. Jeden Monat kommen etwa 30 neue Anfragen hinzu.
Deutschlandweit möchten derzeit rund 250 Gigawatt (GW) an Großbatteriespeichern direkt ans Übertragungsnetz angeschlossen werden, hinzu kommen die derzeit in der Summe nicht bezifferbaren Anschlussbegehren für die Verteilnetze. 50 Hertz selbst hat bereits rund 12 GW an Großspeichern mit einer Anschlussperspektive versehen. Das Problem: Da diese Projekte noch nach einem alten Verfahren beurteilt wurden, sind sie neueren Anfragen vorzuziehen – egal, ob dies aus Netzsicht Sinn ergibt oder nicht.
De facto ein Zubau-Stopp
In der Praxis heißt das: Erst, wenn die 12 GW an Projekten abgearbeitet sind, haben neue Anlagen eine Chance auf einen Netzanschluss. Das könnte sich aber bis zum Ende des Jahrzehntes ziehen. Und dann endet für die Speicherbranche eine wichtige Frist: Bis zum Jahr 2029 noch sind Großbatteriespeicher von Netznutzungsentgelten befreit.
Projektentwickler und Investoren drängen darauf, ihre Speicher noch bis zur Frist umzusetzen. Im Netzgebiet von 50Hertz dürfte das allerdings schwierig werden – solange sich am Netzanschlussverfahren nach der KraftNAV nichts ändert.
In der Speicherbranche gibt es durchaus Verständnis für die Position von 50Hertz. Viele Projektentwickler würden es begrüßen, wenn Speicherprojekte mit einer höheren Umsetzungswahrscheinlichkeit vorgezogen werden könnten. "Einige Netzbetreiber verlangen mittlerweile Anzahlungen auf die erwarteten Baukostenzuschüsse", sagt Stephan Lehrke, Leiter des Deutschlandgeschäfts beim Stromhändler, Speicherprojektierer und -vermarkter Second Foundation. Dadurch ließe sich gut prüfen, ob ein Entwickler ein Projekt wirklich umsetzen könne.
"Wir befürworten solche Anzahlungen", so Lehrke weiter. Bei vielen Großprojekten könne allerdings kaum noch investiert werden, weil diese nicht vor Auslaufen der Netzentgeltprivilegierung 2029 fertiggestellt werden könnten.
50Hertz will Baukostenzuschüsse einführen
Auch 50Hertz will nach der jüngsten Entscheidung des Bundesgerichtshofes Baukostenzuschüsse (BKZ) für große Speicherprojekte einführen. Dann würden auch bei den Projekten in der Größenordnung von 12 GW, die jetzt eine Anschlussperspektive bis 2029 erhalten haben, BKZ fällig. Bereits jetzt stellt der Übertragungsnetzbetreiber neuen Antragstellern die Kosten für Machbarkeitsstudien in Rechnung. Dabei sei bei Antragstellung eine Anzahlung von 12.500 Euro, also 25 Prozent, fällig.
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"Der BKZ wird sicher dafür sorgen, dass mehr Verbindlichkeit in die Projekte kommt", sagt Biermann von 50Hertz. "Wir täten unabhängig davon aber gut daran, einen Mechanismus einzuführen, der netzdienliche Batteriespeicher bevorzugt behandelt." Das könne zum Beispiel über Rabatte beim Baukostenzuschuss oder über dynamische Netzentgelte erfolgen.
Ausschreibungen für netzdienliche Speicher – wie sie einige Verteilnetzbetreiber bereits erprobt haben – sind den Übertragungsnetzbetreibern nach aktueller Rechtslage hingegen nicht möglich. Biermann würde darin allerdings auch einen Vorteil fürs Gesamtsystem sehen. "Mit Vorgaben zur Fahrweise ließe sich die Gesamtzahl an Speichern im Netz erhöhen."
Bayernwerk schließt erste Ausschreibung ab
Zuletzt hatte mit der Eon-Tochter Bayernwerk ein erster Verteilnetzbetreiber eine Ausschreibung für sogenannte "netzdienliche" Speicher erfolgreich abgeschlossen. Das Generalunternehmen Max Solar setzte sich unter hundert Bewerbern mit einer fünf Megawatt starken Batterie durch.
Der Vertrag umfasst laut Bayernwerk dabei tages- und jahreszeitliche Vorgaben, um gezielt Netzengpässe zu entlasten. So muss der Speicherbetreiber den Speicher in Zeiten mit hoher Solarerzeugung laden und umgekehrt bei hohen Bezugsleistungen in das Netz des Bayernwerks entladen.
Auch andere große Verteilnetzbetreiber wie N-Ergie aus Nürnberg oder die Eon-Tochter Westnetz wollen stärker auf Vorgaben zur Fahrweise von Speichern setzen. Westnetz ließ zuletzt aufhorchen, als das Unternehmen bekanntgab, Speicherbetreiber müssten sich auf eine Wartezeit von bis zu 15 Jahren einstellen. In der Speicherbranche hatte die Aussage für Kritik gesorgt.
Erwartungen an Netzbetreiber
Lehrke von Second Foundation sieht bei den Netzbetreibern deshalb auch Nachholfbedarf. "Ich beobachte, dass es bereits Netzbetreiber gibt, die in den Prozessen besser werden und die Netzberechnung schneller vornehmen." Es gebe Regionen, wie das Rhein-Main-Gebiet oder das Ruhrgebiet, wo das Netz durch die Industrie und zunehmend durch Rechenzentren bereits extrem ausgelastet sei.
"In anderen Regionen, vor allem im ländlichen Raum, sieht es dagegen noch besser aus." Wichtig wäre laut dem Vertreter aus der Speicherbranche, dass die Netzbetreiber weiter "in das eigene Personal investieren und mit den Prozessen vorankommen".



