Laut einer aktuellen Studie der Universität Kiel führen die meisten Energieversorger nur Aktivitäten mit niedrigem Innovationsgrad aus,

Laut einer aktuellen Studie der Universität Kiel führen die meisten Energieversorger nur Aktivitäten mit niedrigem Innovationsgrad aus,

Bild: © urbans78/stock.adobe.com

Neben dem flächendeckenden Einbau von intelligenten Messsystemen und Steuerungseinrichtungen in den Verteilnetzen im Rahmen der Energiewende, sind auch die Rahmenbedingungen der Verteilnetze neu zu justieren. Ein innovatives Strommarktdesign mit Fokus auf das Schalten und Steuern von Anlagen kann dazu beitragen, die aktuellen Herausforderungen des Strommarktes und des Netzes besser zu bewältigen.

Im Rahmen des Q_Perior Master Thesis Program untersucht Elsie Chester Dieutchou in ihrer Abschlussarbeit mögliche Ansätze zur Optimierung des derzeitigen Strommarktdesigns zur besseren Nutzung von Flexibilitäten via CLS-Management und gibt einen kurzen Einblick in ihre Arbeit.

Elsie, was verstehst Du in deiner Arbeit unter Strommarktdesign?
Das Marktdesign setzt den Rahmen und bietet Gestaltungsmöglichkeiten für das Handeln der Marktakteure auf dem Strommarkt. Dabei muss es immer wieder auf neue Herausforderungen reagieren, genauer gesagt darauf angepasst werden. Mein Ansatz basiert auf dem aus § 1 EnWG ableitbaren Zieldreieck der Energiepolitik. Damit sind die Dimensionen zur Entwicklung eines Strommarktdesigns gesetzt, nämlich Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Umweltverträglichkeit.

Elsie Chester Dieutchou

Bild: Q_Perior

Wie sind die Verteilnetze der Niederspannung darin einzuordnen?
Ein Marktdesign für die Verteilnetze versucht, die Anreize für individuelle Marktteilnehmer mit den übergeordneten Zielen des EnWG in Einklang zu bringen. Die Umweltverträglichkeit wird durch den Ausbau erneuerbarer Energien erreicht. Daher untersuche ich in meiner Arbeit zum Schalten und Steuern die beiden Aspekte Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Ich möchte herausarbeiten, welche Möglichkeiten für die Marktteilnehmer VNB, MSB, Lieferant sowie Anschlussnehmer und Anschlussnutzer bestehen, die Versorgungssicherheit gemeinsam wirtschaftlich auszugestalten.

Wieso fokussierst du dich in deiner Arbeit auf die Niederspannung?
Mit dem Smart Meter und der Steuerbox wird die Infrastruktur geschaffen, um die bisher passiven Verbraucher in den Niederspannungsnetzen zu aktiven Teilnehmern der Energiewende werden zu lassen. Sie werden in Zukunft einen großen Anteil der deutschen Erzeugungs- und Speicherkapazitäten bereitstellen und damit den Einsatz von fossilen Spitzenlastkraftwerken reduzieren, was wiederum den CO2-Ausstoß minimiert.

Welche Auswirkungen hat das auf die Anschlussnehmer?
Sie müssen stärker in das Marktgeschehen eingebunden werden. Die Sicherstellung der Versorgungssicherheit wird durch die Vielzahl dezentraler Erzeuger komplexer. Zur Erhaltung der Netzstabilität besteht im Zusammenspiel von Technik (z. B. Smart-Meter-Gateway und Steuerbox), sowie Regulatorik (z. B. die Koordinierungsfunktion) die Möglichkeit zur netzdienlichen Steuerung von Verbrauchs- und Erzeugungseinrichtungen. Dies ist jedoch nur als Ultima Ratio vorgesehen. Im Normalfall soll die Netzstabilität durch marktdienliches Handeln gewahrt werden. An dieser Stelle kommen die Anschlussnutzer ins Spiel. Sie werden und müssen künftig Flexibilitätspotenziale zur Verfügung stellen und nehmen damit eine wichtige Rolle ein.

Denkst du, dass die Anschlussnutzer aktiv am marktdienlichen Steuern teilnehmen wollen?
Unter den richtigen Voraussetzungen wird das Interesse der Anschlussnutzer vorhanden sein. Entscheidend ist eine einfache Abwicklung, die Abwägung möglicher Komforteinbußen und deren monetärer Ausgleich. Tatsache ist: Strom war bisher ein eher langweiliges Gut, mit dessen Innovationen und Neuerungen sich nur interessierte Prosumer näher beschäftigt haben. Es stellt sich daher die Frage, wie die breite Masse für eine aktive Teilnahme am Flexmarkt begeistert werden kann.

Was ist eine Option dafür?
Für Flexibilitätspotenziale festverbauter Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen wie PV-Anlagen, Wärmepumpen oder Speicher, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen, ist eine Vergütung allein für die Vorhaltung der Flexibilitäten denkbar. Dies steigert die Verbreitung von Flexibilitätspotenzialen und erhöht die Akzeptanz zur Steuerung. Abgerufene Flexibilitäten durch Steuerhandlungen werden unabhängig davon vergütet.

Das erinnert stark an den viel diskutierten Kapazitätsmarkt…
Das stimmt. Die Vorhaltung von Flexibilitäten ist ähnlich zum Vorhalten von Kapazitäten. Jedoch wird bei der Beschränkung der Kapazitätsvergütung auf EEG-Anlagen die Verbreitung CO2-armer Erzeuger und Verbraucher beschleunigt und die Versorgungssicherheit erhöht. Die diskutierten Nachteile eines Kapazitätsmarkts, wie die Schaffung von Überkapazitäten, sehe ich nicht, da die verfügbare Fläche für PV-Anlagen, Speicher oder E-Autos für den normalen Anschlussnutzer in der Niederspannung begrenzt ist.
Als Vergütungsmethode ist ein Bonussystem denkbar. Teilnehmer der Flexvorhaltung erhalten einen Bonus in Form eines bestimmten Eurobetrages pro vorgehaltener kW vergütet. Letztverbraucher mit Flexanlagen, die nicht teilnehmen, werden die positiven Effekte nicht vergütet. Die Entscheidung nicht am Flexmarkt teilzunehmen, wird dadurch unattraktiver.

Gibt es weitere Herausforderungen, die in deiner Arbeit adressiert werden?
Ich beschäftige mich zusätzlich mit organisatorischen Fragen zur Einbindung von Anschlussnutzern. Durch sie kommen auf die Verteilnetzbetreiber eine große Zahl neuer Aufgaben zu. Spannend sind dabei vor allem die Aspekte der Vertragsgestaltung zwischen Prosumern und Netzbetreibern, der Preissetzung oder der Abrechnungsprozesse. Eine Überlegung ist daher, an der Schnittstelle zwischen diesen Prosumern und den Verteilnetzbetreibern eine Art Flexibilitätsdienstleister zu schaffen, der genau diese Dinge abwickelt. (sg)
 

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