Interessante Einblicke ins deutsche und amerikanische Verteilnetz gewähren Simon Koopman, Mitgründer und CEO von Envelio, und Luigi Montana, CEO bei Envelio in den USA.

Interessante Einblicke ins deutsche und amerikanische Verteilnetz gewähren Simon Koopman, Mitgründer und CEO von Envelio, und Luigi Montana, CEO bei Envelio in den USA.

Bild: © Envelio

Das Kölner Cleantech-Unternehmen Envelio entwickelt und vertreibt Softwarelösungen für Stadtwerke und Netzbetreiber. Herzstück des Portfolios ist die Intelligent Grid Platform (IGP), die auf einem digitalen Zwilling der Verteilnetze basiert. Damit können Kunden von Envelio Netzanschluss, Netzplanung und Netzbetrieb effizient digitalisieren und automatisieren. Zuletzt brachte das Unternehmen eine Studie zur Digitalisierung des Verteilnetzes mit interessanten Ergebnissen heraus. Die ZfK hat bei Simon Koopman, Mitgründer und CEO von Envelio, dazu näher nachgefragt. Einen Blick über den Teich wirft außerdem Luigi Montana, CEO bei Envelio in den USA, und erklärt, wie sich die US-Energiepolitik angesichts der Wiederwahl von Donald Trump ändern wird.

Herr Koopmann, was war der Beweggrund für die Verteilnetz-Studie?

Koopmann: Unsere Kunden sind Netzbetreiber unterschiedlichster Größe und durch den engen Kontakt beobachten wir, dass die Unternehmen zum Teil mit sehr unterschiedlichen Hürden bei der Digitalisierung zu kämpfen haben. Deshalb wollten wir eine Bestandsaufnahme in der Branche machen, um wirklich – auch über unseren Kundenstamm hinaus – zu sehen, wo wir eigentlich bei der Umsetzung der Digitalisierung in den Verteilnetzen stehen. Es haben rund 70 Netzbetreiber aller Größenordnungen teilgenommen. Angefangen von kleinen Netzbetreibern mit unter 50.000 Anschlusspunkten bis hin zu großen Netzbetreibern mit über einer Million Kunden. Damit haben wir die gesamte Bandbreite der Netzbetreiber in Deutschland abgedeckt.

Was war eine der wichtigsten Erkenntnisse?

Koopmann: Es hat sich herauskristallisiert, dass die Befragten selbst ihren Digitalisierungsgrad, also ihren digitalen Fortschritt, als nicht sehr hoch empfunden haben. Über die Hälfte der Befragten gaben an, dass sie den Digitalisierungsgrad ihres Unternehmens unter 50 Prozent sehen. Dazu haben wir eine Skala von 0 bis 100 Prozent vorgegeben. Mehr als die Hälfte der Befragten befindet sich nach eigenen Angaben in den ersten beiden Kategorien: 0 bis 20 Prozent Fortschritt oder 20 bis 40 Prozent Fortschritt. Dies zeigt, dass sich viele Netzbetreiber noch am Anfang oder in der Entwicklungsphase befinden.

Viele haben gleichzeitig aber die Digitalisierung als wichtiges Feld erkannt und arbeiten daran, sich zu verbessern. Das zeigt auch, dass alle Befragten einen sehr abgeklärten Blick auf das Thema haben. Eigentlich ist allen klar, dass Digitalisierung und Automatisierung sehr wichtige Hebel sind, die angegangen werden müssen, aber es gibt nun mal auch viele Herausforderungen.

Woran liegt es denn, dass es nicht so richtig weitergeht mit den Digitalisierungsvorhaben?

Koopmann: Tatsächlich haben viele interne Hürden höher gewichtet als externe Einflussfaktoren. Zu diesen externen Faktoren zählen zum Beispiel die Finanzierung oder Technologieverfügbarkeit. Und das wurde nur ganz selten als wesentlicher Grund angegeben.

Die größten Herausforderungen waren hingegen das Thema fehlendes IT-Know-how. Das gaben 65 Prozent aller Befragten als Ursache an. Fachkräftemangel wurde von 60 Prozent als Grund angegeben. Und auch das Thema Changemanagement und Akzeptanz für die Digitalisierung wurden als wesentliche Herausforderung identifiziert – knapp die Hälfte aller Teilnehmer nannte dies als Grund für die schleppende Digitalisierung bei ihnen.

Aus unserem Kundenstamm wissen wir aber, dass diese Hürden überwunden werden können und sind überzeugt, dass die Digitalisierung mit dem richtigen Partner und bewährten Methoden erfolgreich umgesetzt werden kann. Dabei ist zu betonen, dass es diese Schwierigkeiten nicht nur in Deutschland gibt. Denn auch wenn in anderen Ländern andere Rahmenbedingungen herrschen, beobachten wir dort ähnliche Probleme. Die Digitalisierung ist eine Herausforderung für alle Netzbetreiber, nicht nur in Deutschland.
 
Werfen wir einen Blick auf andere Länder. Envelio will jetzt auch den amerikanischen Markt erobern. Wie kommt es dazu?

Koopmann: Seit einigen Jahren betreuen wir nicht nur unsere deutschen Kunden, sondern setzen unsere Lösungen auch im europäischen Ausland ein. Dabei haben wir nicht nur festgestellt, dass in anderen Ländern ein ähnlicher Bedarf an Digitalisierung der Netze besteht, sondern auch, dass sich unsere Lösung sehr gut international skalieren lässt – was wir insbesondere in Skandinavien bereits erfolgreich unter Beweis stellen.
 
Und da die Digitalisierung und Automatisierung der Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien international enorm an Bedeutung gewinnt, sind wir natürlich auch auf die USA aufmerksam geworden. Die dortige Aufbruchstimmung in den letzten Jahren und die Rahmenbedingungen, die durch den Inflation Reduction Act geschaffen wurden, haben uns dann dazu bewogen, den Schritt nach Amerika zu wagen. Schließlich gibt es auch dort sehr viele dezentrale Erzeugungsanlagen und andere Netzprojekte, für die wir der ideale Partner sind.

Luigi Montana: Es sind ähnliche Herausforderungen in den USA wie auf dem deutschen Markt und auch die Marktgegebenheiten sind ähnlich. Während es in Südeuropa zum Beispiel eher nicht so viele unterschiedliche Netzbetreiber gibt, sondern eher ein paar wenige große, gibt es in den USA sowohl private, sogenannte Investor Owned Utilities, die von Investoren finanziert werden, aber auch öffentliche wie beispielsweise Stadtwerke. Hier gibt es in Summe über hunderte solcher kommunalen Unternehmen. Und das hat es auch für uns attraktiv gemacht, in den Markt einzusteigen.

Nun ist allerdings ab Januar Donald Trump an der Macht und der ist eher nicht so ein Fan erneuerbarer Energien?

Montana: Die Präsidentschaft von Donald Trump wird natürlich einiges ändern, aber eben auch nicht alles. Natürlich schwingt eine gewisse Ungewissheit mit, weil man nicht genau weiß, was wird er tatsächlich verändern. Erneuerbare spielen dann vielleicht nicht mehr die Rolle auf gesamtstaatlicher Ebene, die sie aktuell spielen. Durch Änderungen des Inflation Reduction Acts erwarten wir, dass zumindest Teile der Förderung von Erneuerbaren zurückgebaut werden. Auch die Ernennung von Chris Wright als Energieminister, der aus der Öl-Industrie kommt, ist ein deutliches Signal, dass zumindest Gas wieder eine größere Rolle spielen wird. Auf der anderen Seite sind in den USA viele Staaten sehr progressiv. Zum Beispiel Neuengland beziehungsweise die ganze Ostküste, Kalifornien, aber auch Staaten wie Colorado, die sehr ambitionierte Ziele beim Klimaschutz haben und diese auch weiterverfolgen. Außerdem sind PV und Wind in den USA mittlerweile auch einfach günstigere Energiequellen im Vergleich mit Gas oder Kohle. Texas hat zum Beispiel mehr installierte Solarleistung als Kalifornien. Das ist kein klima-progressiver Staat und auch sehr republikanisch geprägt, aber da es eine günstige Energie ist, wird es auch dort ausgebaut.

Und selbst wenn jetzt, wie von vielen erwartet, die staatliche Unterstützung teilweise wegfällt, werden die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut. Und in Amerika passiert derzeit viel im Stromnetz – nicht nur aus der Klimaperspektive.

Was sind es denn für Themen, die die Vereinigten Staaten umtreiben?

Montana: Wie in Deutschland spielt das Thema Anschlusswesen eine große Rolle, weil auch dort die Erneuerbaren im Stromnetz integriert werden müssen. Hinzu kommen Elektroautos aber auch Datenzentren, die durch den Boom von künstlicher Intelligenz stark wachsen und quer über die USA mit dem Stromnetz verbunden werden müssen.

Koopmann: Das ist ein gutes Beispiel für Kernherausforderungen, die eigentlich alle Länder lösen müssen: Wie manage ich eigentlich dieses knappe Gut Netzkapazität effizient, weil einfach der Run auf Netzanschlüsse viel größer ist, als das, was an Netzkapazität vorhanden ist. Und das zweite ist der riesige Investitionsbedarf und der massive Ausbau des Stromnetzes, der effizient geplant und umgesetzt werden muss. Hinzu kommt der Fachkräfte- und Res-sourcenmangel – auch das ist in den USA genau wie in Deutschland ein brennendes Thema.

Montana: Und diese Aufgaben bekommen wir nur mit digitalen Lösungen hin. Wir müssen zunehmend auf Echtzeitdaten zugreifen, um den Netzausbau effizient planen zu können. Nur so können wir Engpässen wirksam entgegensteuern. Dieser Planungsprozess muss kontinuierlich umgesetzt werden und wird mit dem Betrieb des Netzes zunehmend verschmelzen.

Wo gibt es denn Unterschiede bei den beiden Ländern?

Montana: In den USA sind die Netze nicht so stark ausgebaut, wie es bei uns historisch bedingt der Fall ist. Viele Netze wurden äußerst bedarfsgerecht gebaut und sukzessive erweitert. Das führt dazu, dass der Investitionsbedarf sowohl in der Übertragungs- als auch in der Verteilnetzebene in den Vereinigten Staaten nochmals deutlich größer ist, als hierzulande.  

Es gibt dort auch traditionell sehr viele Freileitungen, die auf der Verteilnetzebene gebaut werden. Wenn es dort Hurrikane, Waldbrände oder Überschwemmungen gibt, führt dies natürlich zu viel mehr Ausfällen. Während in Deutschland die statistischen Ausfallzeiten bei der Stromversorgung im Minutenbereich liegen, sind es in den USA Stunden oder manchmal sogar darüber. Es gilt daher, jetzt im Rahmen der Digitalisierung des Netzbetriebs die Problemstellen zu identifizieren.

Das Interview führte Stephanie Gust
 

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