Hans-Jürgen Witschke ist Hauptgeschäftsführer des Verbands Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e.V. (VIK).

Hans-Jürgen Witschke ist Hauptgeschäftsführer des Verbands Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e.V. (VIK).

Bild: © VIK

Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) vertritt die Interessen von rund 300 Unternehmen aus Industrie und Gewerbe. Die Mitgliedsunternehmen stehen laut VIK für 80 Prozent des industriellen Energieverbrauchs und circa 90 Prozent der industriellen Eigenerzeugung in Deutschland. Die Mitgliedsunternehmen werden auch von Stadtwerke mit Energie beliefert. Im ZfK-Interview hebt VIK-Hauptgeschäftsführer Hans-Jürgen Witschke den Dialog mit den Energieversorgern als "sehr konstruktiv" hervor.

Herr Witschke, die Stromgroßhandelspreise sind im Mai wieder leicht gestiegen, die CO2-Preise haben sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. In der Folge haben auch die VIK-Indizes im Mai leicht zugelegt. Ist das schon eine Art Trendwende? Wie ordnen Sie die Veränderung der Indizes ein?
Witschke: Die VIK-Indizes bilden im Jahresverlauf vor allem die Entwicklungen der Großhandelspreise auf dem Terminmarkt ab. Diese sind in hohem Maße an die Erwartungen der Händler zur Preisentwicklung geknüpft. Der Preisanstieg im Mai beruht da sicherlich auf den Erwartungen aufgrund angekündigter Lockerungen in der Corona-Pandemie nach dem Shutdown. Auf dem Weg zur „Normalität“ lässt eine höhere Nachfrage auch wieder höhere Preise erwarten. Welches Niveau wir erreichen, bleibt abzuwarten.

In welchem Umfang ist der Stromverbrauch und die Stromproduktion in den Mitgliedsbetrieben des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft seit Mitte März zurückgegangen?
Witschke:Beide Zahlen lassen sich aktuell nicht genau beziffern. Die Zahlen, welche die BNetzA zum Stromverbrauch veröffentlicht, zeigen aber: Die Verbrauchszahlen sind an Werktagen im Zeitraum von Anfang März bis Anfang April um etwa 18 Prozent zurückgegangen. Hier sind allerdings deutliche Branchenunterschiede zu verzeichnen, je nach Abhängigkeit von Vorprodukten, Absatzmärkten oder personellen Einschränkungen durch Quarantänemaßnahmen. Die Stromproduktion der Industrie, wie im Übrigen auch die Wärmeproduktion - ein großer Anteil der industriellen Stromerzeugung findet in umweltfreundlichen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen statt - hängen unmittelbar an der Produktion und unterliegen damit ähnlichen Rückgängen. 

Wo stehen Ihre Mitgliedsbetriebe aktuell beim Weg zurück in die Normalität? Wie weit reicht der Planungshorizont und was sind aktuell die größten Herausforderungen?
Witschke:Auch hier gibt es große Unterschiede zwischen den Branchen – die meisten unserer Mitglieder befinden sich noch am Anfang. Die Unternehmen fahren ihre Produktion langsam wieder hoch, wobei das Absenkungsniveau sehr unterschiedlich ausfällt. Es reicht von annähernd Null, zum Beispiel in der Automobilindustrie, bis hin zu fast vollständiger Kapazitätsauslastung in systemrelevanten Betrieben, wie zum Beispiel Aluminium. Bei allem bleibt der Gesundheitsschutz trotz Lockerungsmaßnahmen im Mittelpunkt. Da viele unserer Mitglieder in komplexe Wertschöpfungsketten national und international eingebunden sind, bedarf es umfangreicher Abstimmungen, um gemeinsam zur Normalität zu gelangen. Dabei müssen sie „auf Sicht fahren“ und Schritt für Schritt weitere mögliche - auch internationale - Lockerungen umsetzen. Von einer „Normalität“ sind wir dabei noch deutlich entfernt.

Welche Maßnahmen und zusätzlichen Entlastungen könnten einen wirtschaftlichen Aufschwung begünstigen?
Witschke:Ein Thema ist die Aussetzung von Meldefristen. Hier haben die Behörden in der ersten Phase große Flexibilität bewiesen. Wir müssen nun im Blick behalten, dass die neuen Fristen den Unternehmen ausreichend Zeit lassen, um die Dinge, beispielsweise ihre Energieaudits, nachzuholen. Die Unternehmen müssen jetzt ihre vollen Kapazitäten für den wirtschaftlichen Aufschwung bündeln, dabei würde es ungemein helfen, wenn die Bürokratie etwas in den Hintergrund treten würde.

Ein wichtiger Faktor für die Unternehmen im internationalen Wettbewerb sind auch die Entlastungsregelungen für bestimmte Strompreisbestandteile. Die prominentesten Beispiele sind die Besondere Ausgleichsregelung und die individuellen Netzentgelte. Für deren Inanspruchnahme müssen materielle Voraussetzungen erfüllt sein, deren Erfüllung pandemiebedingt verfehlt werden kann. Hier gilt es, den Status Quo in der sensiblen Phase des Wiederanlaufens der Wirtschaft zu erhalten.

Bezüglich der Besonderen Ausgleichsregelung hat der Gesetzgeber bisher schnell und flexibel reagiert: Anfang Mai wurde ein Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht, der vorsieht, dass die notwendigen Wirtschaftsprüferbescheinigungen bis zum 30.11.2020 nachgereicht werden können. Eine ähnliche Flexibilität des Gesetzgebers ist auch für die individuellen Netzentgelte notwendig. Die hier relevanten Parameter wie Lastverlauf, Jahresbenutzungsstunden und Jahresstromverbrauch könnten durch die Vorjahreswerte ersetzt werden, so dass die notwendigen Entlastungen nicht wegbrechen.

Ein vieldiskutiertes Thema ist die Höhe der EEG-Umlage im kommenden Jahr. Die Diskussion reicht von einer Absenkung auf 0 Cent bis hin zu einer Begrenzung auf fünf Cent pro kWh. Welches Niveau würden Sie sich für die Industrieunternehmen wünschen?
Witschke:Die seit Mitte März zurückgehende Stromnachfrage sowie die Strompreisentwicklungen für 2021 lassen eine starke Anhebung der EEG-Umlage erwarten. Das wäre für einen schnellen Aufschwung ausgesprochen kontraproduktiv. Der Zusammenhang ist trivial: Je mehr Entlastung während der Erholungsphase, desto besser für den Aufschwung, der im Übrigen auch im Wettbewerb stattfindet. Insbesondere für Unternehmen, die im internationalen Vergleich stehen, wirken sich nationale Umlagen als großer Wettbewerbsnachteil aus. Hier brauchen wir Lösungen, die aber auch rechtlich, insbesondere beihilferechtlich, stabil sind. Ob die kürzlich im Kabinett beschlossene Nutzung der Einnahmen aus dem Brennstoffemissionshandel als Bundeszuschuss zur anteiligen Finanzierung der EEG-Umlage dies erfüllt, muss nun geprüft werden.

Im Umgang mit vielen industriellen Betrieben setzen Energieversorger auf partnerschaftliche Lösungen und kulantes Vorgehen, gleichzeitig müssen sie Zahlungsausfall- und Insolvenzrisiken einkalkulieren. Wie erleben Sie aktuell das Zusammenspiel von Industriebetrieben mit ihrem jeweiligen Energieversorger? Wo gibt es ggfs. Verbesserungsbedarf?
Witschke: Die Industrie steht nicht nur in diesen Zeiten in einem sehr konstruktiven Dialog mit den Energieversorgern. Die Risikopositionen haben sich durch die Pandemie auf beiden Seiten nicht unbedingt zum Besseren verändert. Damit gehen beide Seiten partnerschaftlich um. Dazu gibt es als Schicksalsgemeinschaft im Übrigen auch keine Alternative.

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper