Sehr geehrter Herr Braun, das Interesse an einer Wärmeversorgung mithilfe von Geothermie hat seit dem vergangenen Jahr zugenommen. Der Trend hat sich seit dem Russland-Ukraine-Krieg noch verstärkt. Glauben Sie, dass diese Entwicklung langfristig stabil bleibt?
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist eine Zäsur für das System der Energieversorgung in Europa. Er macht uns einmal mehr deutlich, wie entscheidend es ist, die erneuerbaren Energien schnell und massiv auszubauen, damit die Energieversorgung Deutschlands perspektivisch unabhängig von Kohle-, Gas- und Ölimporten wird. Im Rahmen der Wärmewende spielt Geothermie eine bedeutende Rolle und gewinnt gerade massiv an Relevanz für eine klimafreundliche, heimische und zuverlässige Energieversorgung. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Entwicklung langfristig so bleiben wird. Eine Umkehr zurück zur fossilen Energieversorgung wird es nicht geben. Und das ist auch gut so.
München ist ein Vorreiter in der Geothermie. Warum ist das so und wie können andere Regionen nachziehen?
Richtig, wir wollen den Münchner Bedarf an Fernwärme bis spätestens 2040 CO2-neutral decken, überwiegend mit Ökowärme aus Geothermie. In München gibt es ein riesiges Vorkommen dieser natürlichen Energie: In einer Tiefe von 2000 Metern im Norden bis über 3000 Metern im Süden unter der Erdoberflache befinden sich große Mengen heißen Wassers mit Temperaturen von 80 bis über 100 Grad Celsius. Die Nutzung von Geothermie für die Dekarbonisierung der Fernwärme hat nicht nur Potenziale in Süddeutschland, sondern ist auch bundesweit nutzbar. Das Potential der Geothermie in Deutschland beträgt für die Tiefe und Mitteltiefe Geothermie zwischen 118 TWh/a und 300 TWh/a. Hierzu gibt es eine Reihe von Studien namhafter Forschungsinstitute und öffentlicher Einrichtungen.
Anfang des Monats haben Sie deutliche Forderungen an die Politik formuliert, um die Geothermie zügig weiterzuentwickeln. Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht am dringendsten und wo erwarten Sie den größten politischen Widerstand?
Zunächst sollte der politische Wille für einen Ausbau der Geothermie-Nutzung klar und deutlich formuliert werden. Auf dieser Basis sollte eine Geothermie-Ausbau-Strategie basieren, welche sieben Eckpunkte beinhaltet (im Infokasten).
Ich setze bei der politischen Umsetzung auf die Vernunft der zuständigen politischen Akteure und hoffe deswegen, dass wir hier alle an einem Strang ziehen und alle Hindernisse und Hemmnisse für den notwendigen Ausbau einer klimaneutralen Wärmeversorgung gemeinsam aus dem Weg räumen.
Wie sehen Sie die Rolle der kommunalen Unternehmen bei der Geothermie gerade auch im Vergleich zu Konzernen wie Eon oder RWE?
Mehr als 50 Prozent der gesamten Energie, die in Deutschland verbraucht wird, fließt in die Wärmeversorgung. Die SWM haben vor einem Jahrzehnt mit dem Geothermieausbau als Pioniere begonnen und haben mittlerweile einen großen Erfahrungsschatz bei vielen Geothermieprojekten erworben. Mit unserem Ziel, die Fernwärmeversorgung bis spätestens 2040 klimaneutral, vorwiegend aus Geothermie zu erzeugen, haben wir alle Hände voll zu tun. Auch bundesweit gibt es für neue Player im Bereich der Geothermie genug Möglichkeiten. Andere Unternehmen sehen wir hier aufgrund unserer langjährigen Erfahrungen nicht als Konkurrenz, sondern als Mitstreiter auf dem gemeinsamen Weg zur notwendigen Dekarbonisierung der Wärmeversorgung.
Welche Rolle kann die Geothermie aus Ihrer Sicht einnehmen, um den Ausstieg aus Kohle und Gas abzufedern?
Im Hinblick auf die aktuelle Lage versuchen wir natürlich unsere Anstrengungen beim Ausbau der Geothermie so weit zu beschleunigen, wie es geht. Allerdings muss auch klar sein, dass Geothermie keine schnelle Alternative sein kann. Neben dem reinen Bau der Geothermieanlagen ist Voraussetzung, dass der Anschlussgrad in den Fernwärmegebieten erhöht und die Fernwärmenetze weiter um- und ausgebaut werden. Zur effizienten Integration von Wärme aus Geothermie und anderen erneuerbaren Energie-Quellen sind umfangreiche Netztransformationsmaßnahmen sowie Umstellung auf Gebäudeseite in Form von Übergabestationen notwendig, wie unter anderem Maßnahmen zur Temperaturabsenkung oder Netzverstärkungsmaßnahmen. Zudem müssen neue Geothermiestandorte an bestehende und an neu zu errichtende Wärmenetze angebunden werden. Insbesondere für die Versorgung von Großstädten werden Verbindungsleitungen zur Anbindung von Anlagen im Umland an städtische Wärmenetze an Bedeutung gewinnen.
Die Fragen stellte Julian Korb.
Hinweis: Eine Themenseite zur Geothermie finden Sie auf Seite 9 der aktuellen Mai-Ausgabe der ZfK.



