Das Geschäftsjahr 2019 schnitten die Stadtwerke Halle positiv ab und wollen weiterhin kräftig investieren.

Das Geschäftsjahr 2019 schnitten die Stadtwerke Halle positiv ab und wollen weiterhin kräftig investieren.

Bild: © suriyapong/AdobeStock

Von Julian Korb

Vor dreizehn Jahren beleuchtete die Deutsche Energie-Agentur (Dena) zuletzt Kostensparpotenziale auf der Verteilnetzebene. Seitdem hat sich viel getan. Der dezentrale Ausbau der Erneuerbaren führt zu Herausforderungen, es gibt neue Verbraucher wie Wärmepumpen und E-Autos, aber auch Rechenzentren und Speicher, die den Ausbau der Stromverteilnetze vorantreiben. Zudem erfordern Wärme-, Gas- und Wasserstoffnetze hohe Investitionen.

Deshalb hat die Dena gemeinsam mit der Beratung BET nun einen zweiten Teil der Studie vorgelegt, ergänzt um die betriebswirtschaftliche Perspektive der Verteilnetzbetreiber. Das Studienergebnis dürfte vielen Branchenmitgliedern aus der Seele sprechen. "Die Innenfinanzierungskraft vieler Unternehmen reicht für die Finanzierung nicht aus", sagte Philipp Heilmaier, Bereichsleiter Zukunft der Energieversorgung bei der Dena. Deshalb sei es zentral, die Zusammenarbeit von Politik und Verteilnetzbetreibern zu stärken. 

Höherer Eigenkapitalzinssatz

Die Politik müsse jetzt die richtigen strategischen Entscheidungen treffen, forderte Corinna Enders, Vorsitzende der Dena-Geschäftsführung. "Es braucht einen verlässlichen Ordnungsrahmen, der Investitionen ermöglicht sowie Digitalisierung und Kooperation auf allen Ebenen."

Konkret sehen die Studienautoren vier Handlungsfelder für Politik und Wirtschaft. Der wichtigste Baustein: die Finanzierung. Für die Studie haben die Autoren berechnet, welche Herausforderungen auf einen Muster-Energieversorger mit Strom-, Gas- und Wärmeversorgung in einer 100.000-Einwohner-Gemeinde zukommen. Verglichen mit dem Jahr 2024 sind demnach im Jahr 2045 durchschnittlich um 85 bis 123 Prozent höhere jährliche Investitionen zu erwarten.

Netzbetreiber bräuchten daher zusätzliche Kapitalquellen und aufgrund von Restriktionen in der Fremdfinanzierungsfähigkeit zusätzliches Eigenkapital. Ausreichend Eigenkapital zu beschaffen, könne bei hoher Investitionstätigkeit aber eine Herausforderung für Unternehmen sein. Die Studienautoren schlagen hier mehrere Lösungsansätze vor: etwa eine Erhöhung des regulierten Eigenkapitalzinssatzes, strategisches staatliches Eigenkapital oder die Gründung externer Gesellschaften.

"Mit der Studie haben wir die Dringlichkeit aufgezeigt, dass am Regulierungsrahmen etwas gemacht werden muss", betonte Alexander Cox, Geschäftsführer von BET Consulting.

Einheitliche Standards beim Netzausbau

Als zweites Handlungsfeld sehen die Autoren eine Fortentwicklung der Stromnetz- und Wärmeplanung hin zu einer Energieleitplanung mit einheitlichen Datenstandards. Entscheidend sei auch, dass EU-, Bundes- und Länderbehörden weiter bürokratische Hürden abbauten und Genehmigungsverfahren für den Netzausbau standardisierten und digitalisierten.

Eine verstärkte Digitalisierung könne dabei unterstützen, Energieinfrastrukturen vorausschauend und effizient zu planen und zu betreiben. Das biete die Chance, durch Echtzeitdaten intelligenter Messsysteme über den Netzzustand die Versorgungssicherheit zu erhöhen, Prozesse zu beschleunigen und durch die gewonnene Transparenz den Netzausbau zu optimieren. Dies verbessere zudem die Steuerbarkeit und erschließe Flexibilitätspotenziale. "Dazu sollte eine dauerhafte Flexibilitätsnutzung ohne direkte Ausbauverpflichtung erlaubt und die Kosten der Digitalisierung anerkannt werden", heißt es in den Empfehlungen.

Kooperation, aber keine Marktbereinigung

Die Energiewende erfordere zudem eine Kooperation aller beteiligten Akteure auf den verschiedenen Ebenen. Dafür müsse die spartenübergreifende Zusammenarbeit der Verteilnetzbetreiber sowie die Zusammenarbeit mit externen Partnern weiter intensiviert werden. Die Studie nennt regionale Zusammenschlüsse und Kooperationen, aber auch die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Start-ups.

"Die Verteilnetzebtreiber müssen vor allem leistungsfähig sein", betonte Dena-Chefin Enders. Allein die Anzahl der über 800 Verteilnetzbetreiber in Deutschland zu verringern, sei dabei "nicht unbedingt zielführend".

Großherausforderung Wärmewende

Besonders groß erscheint den Studienautoren der Handlungsdruck bei der Wärmewende. "Die Ausbauziele für Fernwärme sind ohne zusätzliche Maßnahmen in vielen Fällen nur teilweise realisierbar", bekräftigte Stefan Mischinger, Senior Manager bei BET. Förderprogramme wie die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) und das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG) sollten demnach verlängert und ausgeweitet werden.

Darüber hinaus empfehle sich etwa die Mengenabsicherung bei Fernwärmenetzen durch einen gezielten Fördermitteleinsatz. In Vorranggebieten für Wärmenetze sollen zudem keine anderen Technologien gefördert werden. Auch die Preisbildung in der Fernwärmeversorgung müsse weiterentwickelt werden, um die massiven Investitionen zu stemmen.

Wasserstoff spielt in der Studie im Verteilnetz eine vergleichsweise geringe Rolle. "Wir haben kein Szenario, wo Wasserstoff in Gasthermen im Haushalt genutzt wird", sagt Mischinger von BET. "Mit den aktuellen Bedingungen entsteht kein solcher Businesscase für Wasserstoff." Der Einsatz bei Industriekunden und angrenzenden Haushalten sei davon ausgenommen.

Weiterhin hoher Stromverbrauch

Die Studie entstand unter Federführung der Dena in Kooperation mit BET Consulting, der Bergischen Universität Wuppertal, BMU Energy Consulting sowie 26 Verteilnetzbetreibern.

Die Studienautoren haben sich dabei die Systementwicklungsstrategie der Bundesregierung zur Grundlage genommen. Neuere Studien, wie etwa von Aurora Energy, sind nicht mit eingeflossen. Mehrere Studien hatten kürzlich beleuchtet, was passiert, wenn der künftige Stromverbrauch geringer ausfällt als bisher angenommen. Dies ist in der Dena-Studie nicht der Fall.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper