Ein innovatives Abwärmeprojekt der Stadtwerke Norderstedt hat das Interesse von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck geweckt. Als Teil seiner Sommereise stattete der Politiker nun der Schleswig-Holsteinischen 84.000-Einwohner-Stadt nördlich von Hamburg einen Besuch ab. Im April gingen dort zwei Großwärmepumpen in Betrieb, die Abwärme aus einem Rechenzentrum für die Fernwärmeversorgung nutzen.
"Die Hebelung der Abwärme über eine Großwärmepumpe ist beispielhaft", sagte Habeck. "Wir haben hier eine gewisse Pionierleistung gesehen, die zur Nachahmung empfohlen ist." Überall wo es eine Wärmedifferenz in Deutschland gebe, sollten ähnliche Projekte geplant werden. "Das ist auch ein Aufruf an die Kommunen, sich über solche Projekte Gedanken zu machen." Die Größe einer Kommune sei dafür nicht entscheidend.
Gesetzliche Vereinfachungen
Der Bundeswirtschaftsminister kündigt auch an, die Verfahren für Großwärmepumpen vereinfachen zu wollen. So sollten unterschiedliche Genehmigungen, etwa aus dem Wasser- oder Bergrecht zusammengefasst und so die Genehmigungsdauer beschleunigt werden. Ein Gesetzesentwurf zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für Geothermieanlagen, Wärmepumpen und Wärmespeichernbefindet sich bereits in der Verbändeanhörung.
Ungenutzte Energiequellen
Für die Stadtwerke ist es nicht die erste Großwärmepumpe. Drei weitere Anlagen sind bereits in Blockheizkraftwerken installiert. Die Norderstedter sind mit insgesamt 13 BHKWs und 84 Kilometern Fernwärmeleitung dezentral aufgestellt.
"Die Kleinteiligkeit ist jetzt ein Vorteil", sagt Geschäftsführer Nico Schellmann. Nun gehe es darum, innovative Lösungen für weitere ungenutzte Energiequellen in der Stadt zu finden.
Teurer Fernwärmeanschluss
Dabei soll auch die kommunale Wärmeplanung eine wichtige Rolle spielen. Der Wärmetransformationsplan soll Ende des Jahres fertig werden, kündigte Oberbürgermeisterin Katrin Schmieder (Grüne) an. "Wir sind ehrgeizig mit dem Zeitplan und haben bereits Informationsveranstaltungen für die Bürger gemacht."
Ein Problem bei der Fernwärme sei schon identifiziert: Die Netze verliefen meist in den Siedlungen und nicht in Gewerbegebieten. Dadurch seien Rechenzentren und Abwärmequellen aus Gewerbebetrieben oft zu weit weg, um den Anschluss an die Fernwärme wirtschaftlich zu gestalten. So kosten laut den Stadtwerken ein Kilometer Fernwärmenetz rund 2 Mio. Euro.
Ungewöhnlicher Standort
Bei dem Projekt in Norderstedt war der Anschluss jedoch kein Hindernis. Denn das Rechenzentrum steht mitten in einem Wohngebiet. Deshalb griffen die Stadtwerke sogar zu einer ungewöhnlichen Lösung und ließen die Anlage in der Tiefgarage errichten. Weil die drei Kältemaschinen, die bislang das Rechenzentrum kühlten, nun nur noch in Notfällen laufen, wird es im Wohnviertel nun sogar leiser.
Seit der Inbetriebnahme im April haben die beiden neuen Wärmepumpen mit einer Spitzenleistung von 1,8 MW bereits 2,8 Mio. kWh Wärme an das Fernwärmenetz abgegeben. Das Projekt soll jährlich 2800 Tonnen CO2 und fünf Prozent Erdgas einsparen.
Wirtschaftlichkeit gegeben
Auch die Wirtschaftlichkeit ist gegeben. "Insgesamt können wir jetzt schon eine Preisgleichheit mit Gas erreichen", so Stadtwerke-Chef Schellmann.
Die Investition könnte sich, abhängig von den Energiepreisen, in bis zu vier Jahren amortisiert haben. "Perspektivisch wird es natürlich günstiger, wenn der CO2-Preis steigt."
Erschließbarkeit der Quelle
Eingebaut hat die Anlage das Unternehmen Carrier, das die Wärmepumpen-Sparte von Viessmann aufgekauft hat. Der US-Konzern ist auf Großwärmepumpen spezialisiert. Christian Henkel, Key Account Manager Wärmepumpen bei Carrier, nannte das Norderstedter Projekt ein "Paradebeispiel, wie man Wärmepumpen einfach und effizient bauen kann." Er schränkte aber auch ein, dass die Projekte "mit der Erschließbarkeit der Wärmequelle stehen und fallen".
Rechenzentren seien vergleichsweise einfach zu erschließen. Das Potenzial hierfür in Deutschland sei riesig. Allerdings wolle nicht jeder Rechenzentrumsbetreiber sein Abwärmepotenzial offenlegen, weil dies Rückschlüsse auf die Auslastung zulasse.
Aufwändige Geothermie
Bei der Abwärme aus Gewerbebetrieben bestehe die Herausforderung darin, die Wärmeabgabe über einen Zeitraum von 15 oder 20 Jahren zu garantieren. Die Nutzung von Abwasser oder Flusswasser sei insgesamt jedoch deutlich schwieriger umzusetzen.
Und bei der Nutzung von Geothermie könnten die Verfahren zudem "schon Mal acht, neun Jahre dauern", so Henkel weiter. Hier sei vor allem Geothermie zwischen 400 und 800 Metern Tiefe ein wichtiger nächster Schritt.
Attraktive KWK-Förderung
Für Habeck war es der erste Termin für Wärmepumpen in Industriegröße auf der Sommerreise. Das Geschäft mit Großwärmepumpen ist stetiger als das mit Privatanlagen, hängt aber auch stark von Förderprogrammen ab.
Derzeit werden viele Projekte aus der KWW-Förderung unterstützt. In der Kombination mit Wärmepumpen erhalten diese Projekte oft den Erneuerbaren-Bonus (iKWK) für besondere Innovation. Aber auch ungeförderte Projekte können wirtschaftlich sein. Derzeit werden etwa viele KWK-Anlagen stromgeführt und können in Zeiten von volatilen Strommärkten flexibel Energie erzeugen.
Projekte geplant
Die Stadtwerke sind daher zuversichtlich, dass ihr Projekt Schule machen könnte. "Wärme aus Rechenzentren muss künftig bei der Wärmeplanung berücksichtigt werden", sagte auch Minister Habeck. "Neue Rechenzentren sollten künftig an die Fernwärmeleitung gebaut werden."
Und auch Carrier plant weitere Großwärmepumpen, vor allem im Norden, wo sich die mittlere Geothermie gut eignet und im Süden Deutschlands, wo mehrere Projekte mit Abwasser-Nutzung angedacht sind. (jk)



