Hansjörg Roll gehört seit Januar 2015 dem Vorstand der MVV Energie AG an. Seit Juni 2021 steht er an der Spitze des auf Fernwärme, Kraft-Wärme-Kopplung und Fernkälte spezialisierten Energieeffizienzverbands AGFW.

Hansjörg Roll gehört seit Januar 2015 dem Vorstand der MVV Energie AG an. Seit Juni 2021 steht er an der Spitze des auf Fernwärme, Kraft-Wärme-Kopplung und Fernkälte spezialisierten Energieeffizienzverbands AGFW.

Bild: © MVV Energie

Wie erklären Sie sich die aktuellen erhitzten Debatten über die Fernwärmepreise?


Hansjörg Roll: Ich sehe eine große Diskrepanz zwischen dem aktuellen Medienhype um die Preise in der Fernwärme und der tatsächlichen Akzeptanz der Kundinnen und Kunden. Die Zahl der Verbraucherbeschwerden ist deutlich geringer als im Strom- und Gasbereich, wir stellen hier auch keine auffällige Häufung fest, die die derzeitige Kritik rechtfertigen würde. Umfragen zeigen, dass die Kundenzufriedenheit sehr hoch ist. Fernwärme hat etwa in Mannheim 60 Prozent Marktanteil und jedes Jahr schließen wir rund 250 Neukunden an – und das ohne Anschluss- und Benutzungszwang.

Dennoch reißt die Kritik von Seiten der Verbraucherschützer nicht ab.


Durch die politische Diskussion um die Wärmewende hat das Thema Fernwärme eine höhere Aufmerksamkeit. In Folge des Ukrainekrieges sind die Strom- und Gaspreise anfangs sehr viel stärker gestiegen als die Preise bei der Fernwärme. Aufgrund der vielfach verwendeten Preisänderungsformeln sind die extremen Preisausschläge und die danach folgenden deutlichen Rückgänge erst mit einem Zeitversatz bei den Kunden angekommen. Dies begreiflich zu machen, ist kommunikativ eine große Herausforderung. Erschwerend kommt hinzu, dass der Wegfall der Preisbremsen zusätzlich für einen Anstieg gesorgt hat.

Das Thema "mehr Transparenz bei der Fernwärme" ist in aller Munde. Entsprechende Forderungen hört man jüngst auch immer wieder aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Wie groß ist Ihre Sorge, dass die Politik hier doch eine stärkere Preisregulierung anstreben könnte?

Diesen Eindruck habe ich nicht. Dem Fernwärmegipfel im Januar ist ein groß angelegter Beteiligungsprozess aller zentralen Stakeholder vorausgegangen. Dort haben wir unter anderem auch mit dem Mieterbund und den Verbraucherschützern Themen wie Akzeptanz und Transparenz diskutiert und eine gemeinsame Erklärung verabschiedet. Wir sitzen alle in einem Boot und brauchen ein vernünftiges Gesamtpaket. Die Zeitschiene für die Dekarbonisierung ist sehr ambitioniert. Bis 2030 soll die Hälfte der Wärmeversorgung grün sein, der Investitionsbedarf für den Ausbau der Wärmenetze und die Transformation der Erzeugung liegt für die Versorger bei rund 120 Mrd. Euro. Das sind ganz dicke Bretter. Hier benötigen wir stabile Rahmenbedingungen, etwa auch eine Anpassung der Wärmelieferverordnung und eine verlässliche Förderkulisse. Sonst ist das Ganze nicht machbar. Die dezentrale Wärmepumpe wird heute viel stärker gefördert als das Fernwärmenetzsystem. Das muss sich ändern, sonst werden am Ende die Wärmepumpen günstiger sein. Die Fernwärme muss bezahlbar und wettbewerbsfähig bleiben.

Für die Transformation brauchen Sie aber auch eine breite Akzeptanz und ein Ende der öffentlichen Transparenzdiskussion.

Wir können und wollen im aktuellen Jahr die Wünsche der Verbraucherschützer mit denen der Versorger ausbalancieren und Lösungsmöglichkeiten anbieten. Im Neubau findet die Wärmewende statt, im Bestand aber noch nicht. Fernwärme ist in Ballungsgebieten die effizienteste und günstigste Art der Dekarbonisierung. Hier benötigen wir Rahmenbedingungen und eine Fördermittelkulisse, die eine schnelle Transformation und Wachstum und auskömmliche Preise ermöglichen. Dazu kommt dann noch das Thema Akzeptanz. Dass sind die wesentlichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Fernwärmeausbau. Akzeptanz kommt dann, wenn Kunden sich aus freien Stücken sozusagen entscheiden, wenn sie das als gute Lösung ansehen und nicht dazu gezwungen werden. Deshalb ist die überwiegende Mehrheit unserer Mitglieder auch gegen einen Anschluss- und Benutzungszwang, der ja ein kommunales Instrument ist und nur von den Städten verhängt werden kann. Damit schafft man aber keine zufriedenen Kunden. Die Kunden sind interessiert und aufgeschlossen gegenüber der Fernwärme. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wird die Transformation dort gelingen. Da mache ich mir keine Sorgen.

Die Verbraucherschützer fordern mittlerweile ein deutschlandweites Wärmenetzregister. Wie weit sind denn die Vorstellungen der Branche und des VZBV überhaupt noch voneinander entfernt?

Die Forderungen, die vergangenes Jahr beim Fernwärmegipfel aufgestellt wurden, erfüllen wir mittlerweile vollständig. Die Aufstellung eines Wärmenetzregisters wäre Aufgabe einer Bundesbehörde. Wir halten das weder für erforderlich noch für sinnvoll. Wir als Branche sind zu allen Themen diskussionsbereit, bei denen wir Probleme sehen und die uns bei der Umsetzung der Wärmewende helfen. Der Aufbau eines weitergehenden Regulierungsregimes, wie in Dänemark, würde noch einmal mindestens zwei Jahre Zeit erfordern. Diese Zeit würde uns aber für die Wärmewende und die Erreichung der Klimaziele fehlen.Ich sehe keinen Bedarf für ein Wärmenetzregister und eine weitergehende Regulierung, die würden auch die Kritik der Verbraucherschützer nicht aus der Welt schaffen, wir aber würden als Branche zwei Jahre für die Transformation verlieren. Deshalb sehe ich den Sinn nicht.

Die Fragen stellten Hans-Peter Hoeren und Ariane Mohl.

Ein ausführliches Interview mit Hansjörg Roll lesen Sie in der Mai-Ausgabe der ZfK. Falls Sie noch kein Abonnement haben sollten, bitte hier entlang!

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