Frau Clerc, Sie sind Leiterin Geschäftsentwicklung Deutschland des französischen Unternehmens Forcity, das unlängst mit seiner Planungs- und Simulationsapplikation für Fernwärmenetze den Startup Energy Transition Award der Deutschen Energie-Agentur gewonnen hat. Was ist das Besondere an Ihrer Lösung?
Mélanie Clerc: Zunächst werden zum ersten Mal Netz- und Stadtsimulation zusammengebracht. Das heißt, für die strategische Netzplanungen machen Sie nicht nur Annahmen über technische Netzparameter wie Leistung oder Hydraulik, sondern Sie können auch simulieren was passiert, wenn beispielsweise die Bebauung eines neuen Areals oder der Bau einer neuen Verkehrsachse um drei Jahre verschoben wird. Oder wenn das besagte Areal mehrheitlich Büroräume statt Wohnungen bekommen soll, oder alle bestehenden Gebäude, die älter sind als 1974, saniert werden.
Zweitens wird die Zukunftssimulation den Entscheidungsträgern und Planern besser zugänglich gemacht. Ohne spezifische Simulationskenntnisse kann man mit nur wenigen Klicks viele Szenariovarianten darstellen und das ganze Spektrum der möglichen "Zukünfte" erkunden. Der zukunftsfähigste Netzverlauf ist nicht immer der trivialste. Erst wenn das ganze Spektrum erkundet worden ist und fundierte Entscheidungen getroffen worden sind, werden die Ergebnisse exportiert und mit den üblichen Engineeringtools für die detaillierte Auslegung weiterverarbeitet.
Sie können Stadtpläne detailgetreu in der vierten Dimension abbilden. Könnten Sie kurz erklären, was es damit auf sich hat?
Beim ersten Anblick erinnert die Plattform an Google Maps: Sie können sich im Raum bewegen, beliebig hinein- und herauszoomen, zwischen Karten- und Satellitenansicht beziehungszweise zwischen 2D und 3D wechseln. Der erste Unterschied macht sich durch die Zeitschiene unten am Bildschirm bemerkbar: Indem Sie den Schieber links und rechts verschieben, können Sie die Zeit bewegen.
Die Zukunft zeigt Jahr für Jahr die optimale Geometrie für Ihren Netzausbau – unter Berücksichtigung der Annahmen, die Sie in Ihrem Szenario getroffen haben. Von Vorteil ist, dass Sie hier nicht nur zwei Szenarien simulieren – optimistisches und pessimistisches –, sondern Sie können auf beliebig viele Varianten zurückgreifen und diese auf der Karte und anhand von Dashboards miteinander vergleichen: Energieabgabe und Leistung, Länge nach Leitungsdurchmesserkategorie, durchschnittliche, minimale und maximale thermische Lineardichte oder auch Investitionsschritte.
Für welche Bereichen ist Ihre Software geeignet?
Heute kommt unsere Stadtsimulationsplattform in zahlreichen Bereichen zum Einsatz: Fernwärme, Entsorgung, Wasserversorgung, Mobilität, Mitarbeitermobilität oder Stadtplanung. Am Anfang unserer Geschichte haben wir für unsere Kunden immer maßgeschneiderte Lösungen entwickelt. Ende 2017 haben wir dann unsere erste Kapitalbeschaffungsrunde abgeschlossen. So war es uns möglich, standardisierte Produkte zu schaffen, die wir schneller und günstiger von einer Stadt zur anderen repilizieren können. So entstand das Produkt Forcity District Heating.
Für wen ist diese Lösung geeignet?
Sie lohnt sich für Fernwärmenetzbetreiber, die vor wichtigen Ausbau- und Verdichtungsprojekten stehen und ihre Ausgaben dafür optimieren wollen. So sind mit Forcity District Heating drei bis zehn Prozent Einsparungen bei den Investitionskosten möglich.
Und wo wird Ihre Applikation schon eingesetzt?
In acht Städten in Frankreich einschließlich Paris, Lyon, Nizza, Toulouse. Im Ausland auch in Dubai und Hong Kong.
Es handelt sich bei Forcity um ein französisches Unternehmen. Gibt es denn hierzu eine deutschsprachige Lösung und Ansprechpartner?
Die erste deutsche Forcity-Simulationsplattform entsteht gerade in Berlin. Mehrere Mitarbeiter haben jahrelang in Deutschland gelebt und können die Sprache – einschließlich des Gründers und Geschäftsführers Francois Grosse. Für Deutschland bin ich erste Ansprechpartnerin.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



