Direkt am Möhringer Bahnhof hat die Bietigheimer Wohnungsbaugesellschaft ein Mehrfamilienhaus erstellt, hinter dessen Fassade ein innovatives Energiekonzept steckt, welches von der Ingenieurgesellschaft EGS-plan entwickelt und in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Stuttgart umgesetzt wurde. Die Energiewende-Technik betreiben künftig die Stadtwerke. Davon profitieren 22 Wohnparteien. "Mit diesem Projekt übernehmen wir Verantwortung. Es beweist, dass die komplette energetische Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner ausschließlich mit den natürlichen Ressourcen des Standorts möglich ist", lässt sich Carsten Schüler, Geschäftsführer der Bietigheimer Wohnbau, in einer Pressemitteilung der Stadtwerke zitieren.
Rein bilanziell erzeugt das Mehrfamilienhaus mehr Energie, als es verbraucht – und erspart dadurch der Umwelt jährlich rund 94 Tonnen des klimaschädlichen Kohlendioxids. Dies leisten sechs Energieprojekte, die eng miteinander verzahnt sind. "Von der Wärmegewinnung aus dem Abwasserkanal bis hin zur Ladeinfrastruktur und dem günstigen Sonnenstrom vom Hausdach steckt alles drin. Das sind die Hebel, mit denen wir die Energiewende in unserer Stadt voranbringen", sagt Peter Drausnigg, technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart.
PV-Anlage und Spezialfolien auf der Balkonbrüstung
Die konsequente Ausrichtung des Gebäudes mit den Wohnbereichen nach Süden ist einer der energetischen Ansätze, den die Planer des Mehrfamilienhauses konsequent umgesetzt haben. Einen Großteil der Energieerzeugung erledigt dann die Sonne: Neben der Fotovoltaikanlage auf dem Dach gibt es zusätzlich Strom erzeugende Spezialfolien aus organischem Material (OPV) an den Balkonbrüstungen. Die OPV-Anlage sei jedoch nicht von den Stadtwerken Stuttgart installiert worden, erläutert eine Pressesprecherin auf ZfK-Nachfrage. Sie fließe auch nicht ins Gesamtenergiekonzept ein. Die Folie sei vielmehr ein "Add-On", welches den Bewohnerinnen und Bewohnern direkt zugutekommt und die erst jetzt getestet werde. Die PV-Anlage hat eine Leistung von 74 kWp.
Wirtschaftlicher Batteriespeicher, das geht?
Der gewonnene Strom steht den Bewohnerinnen und Bewohnern im Haus günstig zur Verfügung. Herzstück des Energiesystems ist ein großer Batteriespeicher mit einer elektrischen Kapaizität von 240 kWp im Keller. Dieser sorgt dafür, dass der selbst erzeugte Strom auch abends und nachts zur Verfügung steht – auch an den 22 Ladestationen für Elektrofahrzeuge, die die Stadtwerke Stuttgart in der Tiefgarage anbieten. Für wohlige Temperaturen in den Wohnungen sorgt eine ganz besondere Heizung, die Abwasserwärme nutzt.
Diese hebt ein spezieller Wärmetauscher, der in das öffentliche Kanalnetz unter dem Grundstück eingebracht wurde. Dort herrschen rund um das Jahr mit rund 14 Grad Celsius konstante Temperaturen, die in der Wärmezentrale des Gebäudes mit Hilfe einer Wärmepumpe - die 65 kWp Leistung aufweist - auf die Vorlauftemperatur des Heizkreislaufs gebracht werden. "Den dazu erforderlichen Strom hält unser Speicher vor, so schließt sich der Kreis zwischen den energetischen Teilprojekten", erläutert Viola Kucklies, Projektleiterin der Stadtwerke Stuttgart.
Wissenschaftliche Begleitung
Mit der Bauübergabe ist ihre Arbeit in der Filderbahnstraße 59 noch nicht beendet. Denn ob das energetische Konzept mit dem groß dimensionierten Batteriespeicher aufgeht und wie sich die einzelnen Aspekte über die ersten Betriebsjahre entwickeln, das soll bis Ende 2022 eine wissenschaftliche Begleitung des Steinbeis-Innovationszentrums dokumentieren. Finanziert wird die Datenerhebung durch das Bundesumweltministerium. "Durch diese Analyse wächst unser Wissen in Sachen Energieeffizienz und Steuertechnik dynamisch", unterstreicht Drausnigg abschließend. Die Erkenntnisse - insbesondere die Wirtschaftlichkeit des Batteriespeichers - wollen die Stuttgarter in künftige Projekte einfließen lassen. (gun)



