Nicht nur wegen des kühleren Wetters haben die Heizkosten in Deutschland im Abrechnungsjahr 2019 angezogen.

Nicht nur wegen des kühleren Wetters haben die Heizkosten in Deutschland im Abrechnungsjahr 2019 angezogen.

Bild: © Sina Schuldt/dpa

Wie können wir den Wärmemarkt nachhaltig und effizient dekarbonisieren? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Studie der Fraunhofer-Gesellschaft im Auftrag des Nationalen Wasserstoffrats (NWR). Anders als in herkömmlichen Systemstudien mit Top-Down-Ansatz werden in dieser sogenannten Bottom-Up-Studie vier Städte und Gemeinden unterschiedlicher Größenklassen, Siedlungs- und Wirtschaftsstrukturen auf ihre tatsächlichen Optionen für eine effiziente Dekarbonisierung des Wärmemarktes hin untersucht. Diese vier ausgewählten Versorgungsgebiete sind Mainz, Fellbach, Burg bei Magdeburg und Westerstede. 

Obwohl die finalen Ergebnisse der Studie erst im Herbst vorgestellt werden, liegen bereits jetzt erste Zwischenergebnisse auf dem Tisch. Demnach wird es im Wärmemarkt keine One-Size-Fits-All-Lösungen geben. Für die erfolgreiche Transformation der Wärmeversorgung brauche es Vor-Ort-Analysen, die zeitintensiv seien. Das Plädoyer der Autoren: Bis diese Analysen vorliegen, sind hitzige Debatten wie die über den Rückbau der Gasnetze wenig zielführend.  

Nicht nur auf eine Technologie setzen

Das zentrale Ergebnis der Studie: Je nach lokaler Ausgangssituation wird es nach Überzeugung der Forscher zu einem Technologiemix mit Wasserstoff, Wärmepumpen und Wärmenetzen als Hauptkomponenten kommen. Neben erneuerbarem Strom wird Wasserstoff dabei ein wesentlicher Baustein zur Erreichung der mittel- und langfristigen Klimaziele sein. Die Gasverteilnetze sind laut der vorliegenden Analyse alles andere als ein Auslaufmodell. Aufgrund der Bedarfe der Industrie wie auch der Kraftwerke vor Ort sollten diese erhalten werden.

Detailliert äußert sich die Studie zur als sinnvoll erachteten Einführung von verpflichtenden kommunalen Wärmeplänen. Zum jetzigen Zeitpunkt sollten hier keine Technologieoption ausgeschlossen werden, heißt es. Insbesondere die Belange der in der Fläche auf Prozesswärme und teilweise auf Prozessgase angewiesenen Industrie- und Gewerbebetriebe seien zwingend zu beachten. Wasserstoff werde in der Prozesswärme eine wichtige Rolle spielen. Wie groß diese ist bzw. in welcher Form das Gasnetz weitergenutzt werden sollte, müsse im Einzelfall direkt vor Ort geprüft werden. Es komme auf die lokalen Gegebenheiten vor Ort an.

Nicht vorschnell Gasnetze zurückbauen

Unmissverständlich stellen die Autoren der Analyse klar, „dass es zum jetzigen Zeitpunkt keine belastbare Begründung dafür gibt, die Option der Umnutzung von Gasverteilnetzen zur Wasserstoffnutzung für die Beheizung von Einzelgebäuden generell und für alle gegebenen Einzelfälle auszuschließen.“

Letzten Endes komme es darauf an, die benötigten Temperaturniveaus der Wärmenachfrage und die Verfügbarkeit lokaler Wärmequellen zu bestimmen. Eine genaue Kenntnis dieser Gegebenheiten sei unabdingbar und sollte bei einer kommunalen Wärmeplanung mit den entsprechenden Ressourcen (sowohl finanziell als auch personell) versehen werden, mahnen die Fraunhofer-Forscher.

Prozesswärme im Blick

Im Zentrum der Studie steht zudem die aktuelle und zukünftige Nachfrage nach Prozesswärme bzw. Prozessgasen. Auf den Punkt gebracht: Ist diese Nachfrage vor Ort vorhanden, stellt sich die Versorgungsfrage auch für die dort vorhandenen Wohngebäude in anderer Weise, als wenn dem nicht so ist, schreiben die Wissenschaftler. Auch deshalb seien „Pauschalaussagen“ zur Wärmewende nicht zielführend.

Aus Sicht der Studienautoren ist klar, dass alle wesentlichen Technologien - sowohl Wärmepumpen, Fernwärme, Geothermie, Solarthermie, Biomasse und nicht vermeidbare Abwärme, Wasser-/Abwasserwärme, als auch wasserstoffbasierte Strom- und Wärmeerzeuger – als mögliche Lösungsoption in den Blick genommen werden sollten.

Daten sammeln, erst dann entscheiden

Generell empfehlen die Wissenschaftler eine enge Zusammenarbeit der Politik mit den mit Energieversorgungsunternehmen. Es komme im Kern darauf an, die aktuelle Infrastruktur und Verbrauchsprofile - insbesondere von Großkunden - korrekt abzubilden. 

Sinnvoll sei angesichts der großen Unsicherheit in Bezug auf den Istzustand und die mangelnde Datenverfügbarkeit der Aufbau eines digitalen, nationalen Gebäuderegisters. Man brauche detaillierte Informationen zum Bauzustand und zur Versorgungstechnik des deutschen Gebäudebestands. 

Reiche: Wärmewende als Mammutaufgabe

Westenergie-Chefin Katherina Reiche, die zugleich Chefin des Nationalen Wasserstoffrats ist, spricht mit Blick auf die Wärmewende von einer der größten Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Es müsse darum gehen, effiziente und nachhaltige Lösungen zu schaffen, die gleichzeitig auch sozial fair sind. Dabei gelte, dass die Wärmewende lokal stattfindet. „Jede Kommune, jede Gemeinde, jeder Stadtteil ist anders.“

Die Bundesregierung hat am Mittwoch eine Offensive zum Einbau von Wärmepumpen als Alternative zur Öl- und Gasheizung ausgerufen. Wirtschaftsminister Robert Habeck sagte nach einem virtuellen "Wärmepumpengipfel" mit Unternehmen und Verbänden, Ziel seien sechs Millionen Wärmepumpen bis 2030. Im vergangenen Jahr seien 150 000 Wärmepumpen in Deutschland eingebaut worden. 2024 müssten es 500 000 sein. Das sei erreichbar. Zum Flaschenhals könnte jedoch der Fachkräftemangel werden. (amo)

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