Christin Herber ist studierte Wirtschaftsingenieurin und leitet bei Ramboll Deutschland seit Januar 2022 die Abteilung District Energy & Master Planning mit Fokus auf ganzheitlichen Wärmeversorgungsstrategien und -umsetzungskonzepten zur Wärmewende.

Christin Herber ist studierte Wirtschaftsingenieurin und leitet bei Ramboll Deutschland seit Januar 2022 die Abteilung District Energy & Master Planning mit Fokus auf ganzheitlichen Wärmeversorgungsstrategien und -umsetzungskonzepten zur Wärmewende.

Bild: © Ramboll

Die Wärmewende wurde erstmals mit dem Klimaschutzgesetz von 2019 gesetzlich verankert. Seit 2024 sind Kommunen und Stadtwerke auch in der kommunalen Wärmeplanung gefordert. Worauf es in der Praxis ankommt, weiß Christin Herber von Ramboll Deutschland. Ein Gespräch über typische Fehler in der Planung, Positivbeispiele und die praktischen Fallstricke bei Kooperationen.

Frau Herber, wo sehen Sie derzeit in der Praxis Verzögerungen bei der Umsetzung der zur Wärmewende erforderlichen Maßnahmen? Sind diese eher auf Regulierung, Finanzierung oder technischen Herausforderungen zurückzuführen?

Die Wärmewende ist ein komplexer Prozess. Die eine Ursache für Verzögerungen gibt es nicht.  Der Aufbau und die Modernisierung von Wärmenetzen sind mit hohen Investitionskosten verbunden. Hinzu kommt oft fehlendes Wissen über Finanzierungsmodelle und Förderprogramme, die eine klimaneutrale Wärmeversorgung wirtschaftlich attraktiver machen könnten. Die Integration neuer Technologien wie etwa Wärmepumpen oder tiefer Geothermie in bestehende Wärmenetze ist zudem komplex und erfordert entsprechende Expertise.

Gibt es typische Missverständnisse oder Fehlannahmen in der Wärmeplanung, die Kommunen vermeiden sollten?

Die Wärmepläne sind in erster Linie strategische Planungen, die nicht bis ins letzte Detail für die Umsetzbarkeit geprüft werden können. Gleichzeitig ergibt sich durch die Erstellung der Wärmepläne eine konkrete Vorgabe für die Bürger:innen über das Gebäudeenergiegesetz (GEG). Die Kommunen sollten daher die Auswirkungen und Möglichkeiten der Wärmeplanung frühzeitig und klar kommunizieren, um dadurch die Erwartungshaltung der Bürger:innen direkt zu managen. Viele Wärmepläne sind wenig konkret. Es fehlt häufig die Überführung in spezifische Projekte mit definierten Terminplänen und Budgets.

Können Sie Beispiele aus Ihrer Praxis nennen, wo Stadtwerke bereits erfolgreich Wärmewende-Projekte umgesetzt haben?

Ein Beispiel ist die Wärmeleitplanung der Stadtwerke Würzburg, die fristgerecht zum Frühjahr 2025 ihren Fahrplan für eine klimaneutrale Wärmeversorgung im Jahr 2040 gemeinsam mit uns erarbeitet hat. Dieses Projekt erfüllt bereits in vielen Bereichen wie der Bestands- und Potenzialanalyse die Mindestkriterien gemäß Wärmeplanungsgesetz und wird ergänzt um Inhalte der Transformationsplanung in Anlehnung an das Förderprogramm BEW. In diesem Projekt haben wir standortspezifische Analysen möglicher Wärmeerzeuger sowie Wärmevollkostenanalysen durchgeführt, um das Stadtgebiet in individuell versorgte oder leitungsgebundene Wärmeversorgungsgebiete einzuteilen. Die Stadtwerke haben nicht nur die Bürger:innen von Anfang an in ihren Prozess einbezogen, sondern auch ein:e Vertreter:innen der Stadt regelmäßig informiert.

Viele kleinere Kommunen schließen sich in Verbünden zusammen. Welche Vorteile bietet diese Strategie und wo liegen mögliche Fallstricke?

Die Zusammenarbeit in Verbünden bietet viele Vorteile: Kleine Kommunen können Ressourcen und Know-how bündeln, um größere Projekte zu realisieren. Die Kosten für die Planung und Umsetzung von Projekten können auf mehrere Kommunen verteilt werden. Außerdem haben Verbünde oft eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Lieferanten und anderen Partnern, sodass die Wärmeprojekte gemeinschaftlich wirtschaftlich günstiger umgesetzt werden können. Allerdings erfordert die Zusammenarbeit in einem Verbund einen höheren Koordinationsaufwand zwischen den beteiligten Stakeholdern. Die Entscheidungsprozesse können daher länger dauern.

Gibt es Best-Practice-Beispiele für funktionierende Kooperationen zwischen Stadtwerken, die Sie hervorheben würden?

Die Stadtwerke Geldern arbeiten sehr eng mit der Stadt zusammen. Gerade bei mittelgroßen Städten ist es sehr wahrscheinlich, dass die Stadtwerke von der Stadt gebeten werden, die KWP federführend umzusetzen. Auch die Stadt Wiesbaden hat einen Kooperationsvertrag mit der ESWE, dem städtischen Versorger, geschlossen und darüber die Erstellung der KWP an die ESWE übertragen, die mit Ramboll gemeinsam gerade die ersten Phasen, also die Bestandsanalyse und Potenzialanalyse, abgeschlossen hat.

Es muss nicht immer eine Kooperation sein: Wie stark können Kommunen voneinander lernen, wenn es um die Umsetzung der Wärmepläne geht?

Der Austausch zwischen Städten und Kommunen ist enorm wichtig. Es gibt viele gute Beispiele, bei denen sowohl Städte als auch deren lokale Versorger voneinander gelernt und innovative Lösungen übernommen haben. Hier sind Formate wie Netzwerktreffen, Städtetage, Konferenzen oder auch bilaterale Austausche unserer Erfahrung nach sehr hilfreich.

Was kann die neue Bundesregierung besser machen als die alte, um die Wärmewende auf kommunaler Ebene zu beschleunigen?

In meiner Arbeit merke ich immer wieder, dass die politische Situation, hinsichtlich Verfügungsrahmen der Fördermittel und Regulatorik, bei den Stadtwerken und Kommunen zu Unsicherheiten führt. Obwohl viele Milliarden Euro Sondervermögen in den Klima- und Transformationsfonds (KTF) und an die Bundesländer primär für das Voranbringen der Energiewende fließen sollen, bleibt die Finanzierung beziehungsweise Finanzierbarkeit einer der am häufigsten diskutierten Aspekte der Wärmewende. Ich sehe es daher als notwendig an, dass die Kommunen oder die bei der Erstellung der KWP beteiligten Planungs- und Beratungshäuser die Analyse von alternativen Finanzierungskonzepten als Aspekt aufnehmen.

Sollten die Vorgaben gelockert werden?

An den Rahmenbedingungen für die KWP muss festgehalten werden, um die im Grundgesetz verankerte Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen. Stärkere Detailtiefe etwa bei Trassenverläufen inklusive Rohrleitungsdimensionierung und konkreter Ausarbeitung von (Wärmenetz-) Projekten, wie es in Dänemark gelebt wird, würde die Basis für eine schnellere Umsetzung zusätzlich stärken. Planungssicherheit für die Kommunen und städtischen Versorger, die einen Großteil dieser Investitionen selbst stemmen und das notwendige Personal finden, beziehungsweise ausbilden müssen, ist dabei essenziell. Beratungs- und Schulungsangebote sollten ausgeweitet und die Anerkennung fachlicher Kompetenzen von internationalen Fachkräften vereinfacht werden.

Das Interview führte Ariane Mohl.

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