Der Fachkräftemangel bremst die Wärmewende schon zu Beginn. Das zeigte unlängst eine Studie des Fraunhofer-Exzellenzclusters "Integrierte Energiesysteme" zur kommunalen Wärmeplanung (KWP). Überraschend sei zudem, wie Studienleiterin Anna Billerbeck vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) erklärt, dass Stadtwerke und Kommunen die Aufgabe unterschiedlich wahrnehmen. Im Interview macht sie Lösungsvorschläge.
Frau Billerbeck, Sie haben eine Umfrage unter Akteuren der KWP durchgeführt. Welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht?
Zunächst hat uns die hohe Beteiligung positiv überrascht: Insgesamt haben 267 Akteure an unserer Umfrage teilgenommen, darunter Kommunen, Stadtwerke und Netzbetreiber. Die Ergebnisse unserer Umfrage beleuchten Erfolgsfaktoren und Herausforderungen in der Wärmeplanung. Besonders überraschend ist die unterschiedliche Wahrnehmung der Akteure: Kommunen halten viele Faktoren für besonders wichtig, während Stadtwerke diese eher als Herausforderungen sehen. So bewerten Kommunen zum Beispiel die Ausgestaltung von Umsetzungsmaßnahmen als wichtiger. Stadtwerke empfinden dagegen den Rückhalt im Gemeinderat und die Entwicklung des Zielbilds als herausfordernder. Diese Unterschiede sind sehr spannend und lassen sich dadurch erklären, dass Kommunen für die Erstellung des Wärmeplans verantwortlich sind, während Stadtwerke sich meist für die Umsetzung zuständig fühlen.
Welche konkreten Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach am wichtigsten, um den größten Herausforderungen der kommunalen Wärmeplanung zu begegnen?
Unsere Analysen zeigen, dass Personal, Daten und Kommunikation die drei Schlüsselelemente für den Erfolg der Wärmeplanung sind. Um den Personalbedarf zu decken, müssen attraktive Stellenangebote und gezielte Aus- und Weiterbildungsprogramme entwickelt werden. Im Bereich Datenverfügbarkeit ist im letzten Jahr bereits viel passiert: Mehrere Bundesländer haben relevante Daten erfasst und es sind mehrere Datenplattformen entstanden, zum Beispiel die "Open Energy Plattform" oder der "KWW-Datenkompass". Für die Kommunikation sind Workshops und Informationsveranstaltungen in den Kommunen entscheidend, um ein gemeinsames Verständnis für die Notwendigkeit und die Ziele der Wärmeplanung zu fördern.
Als größte Herausforderung nannten die Befragten den Mangel an qualifiziertem Personal. Auf welche Weise lässt sich diese Lücke schließen?
Die Umfrage zeigt deutlich, dass qualifiziertes Personal entscheidend für den Erfolg der Wärmeplanung ist. Daher ist es wichtig, neue Mitarbeiter in den Kommunen zu gewinnen und das bestehende Personal aus- und weiterzubilden. Attraktive Stellenausschreibungen, in denen die Aufgaben und Anforderungen klar und transparent beschrieben sind und in denen Flexibilität und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten werden, können dazu beitragen. Gezielte Schulungsprogramme, die die Fachkompetenz der Mitarbeiter stärken, wurden bereits entwickelt, zum Beispiel vom "Öko-Zentrum NRW" und der Fraunhofer-Academy. Auch von politischer Seite kann ein stärkerer Fokus auf das Personal gelegt werden, zum Beispiel durch die finanzielle Unterstützung der Kommunen sowie der Förderung von Weiterbildungsmaßnahmen. So gelingt es hoffentlich, die Lücke zu schließen.
"Eine frühzeitige Einbindung der Stadtwerke kann helfen."
Sie selbst bewerten insbesondere die Kommunikation zwischen den lokalen Akteuren als "besonders kritisch". Warum?
Eine klare und regelmäßige Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist für die kommunale Wärmeplanung unerlässlich. Es ist wichtig, ein gemeinsames Verständnis für die Notwendigkeit und die Ziele der kommunalen Wärmeplanung zu schaffen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass ein Wärmeplan entwickelt wird, der von den lokalen Akteuren wie Stadtwerken und Bürger/-innen nicht akzeptiert und somit nicht umgesetzt wird.
Die Studie zeigt auch, dass Stadtverwaltungen und Stadtwerke die Herausforderungen teils unterschiedlich wahrnehmen. Wie könnte eine bessere Abstimmung gelingen?
Diese Unterschiede sind wirklich sehr spannend und lassen sich durch die verschiedenen Anforderungen und Verantwortlichkeiten der Verwaltungen und Stadtwerke erklären. Dies sollte bei der kommunalen Wärmeplanung entsprechend berücksichtigt werden. Eine frühzeitige Einbindung der Stadtwerke in die kommunale Wärmeplanung kann beispielsweise helfen, Rahmenbedingungen und Anforderungen der Akteure zu klären. Auch hier ist eine gute Kommunikation mit Moderation der Erwartungen und Möglichkeiten hilfreich. Auf politischer Ebene könnte eine Klärung der Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten für die Umsetzung des Wärmeplans den Prozess verbessern.
Das Fraunhofer-Cluster hat (digitale) Lösungen wie einen KI-basierten Chatbot entwickelt, um die Akteure zu unterstützen. Wie werden diese bislang angenommen?
Meine Kollegin Nermina Abdurahmanovic vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik hat diesen Chatbot entwickelt. Er basiert auf 45 kommunalen Wärmeplänen und kann kommunalen Akteuren viele Fragen rund um das Thema Wärmeplanung beantworten. Wie oft der Chatbot aufgerufen wurde, ist leider nicht abrufbar. Aus einem Workshop im vergangenen Jahr wissen wir jedoch, dass viel Interesse an dem Chatbot besteht und viele ihn nutzen möchten. Dieses positive Feedback gibt uns eine Grundlage für die Weiterentwicklung des Tools. Damit sehen wir eine große Nachfrage und Neugierde für den KI-basierten Chatbot.
"Wir sehen hohen Investitionsbedarf und die Finanzierung als Hemmnis"
Wie lautet Ihre Prognose für die KWP in Deutschland? Werden alle Pläne fristgerecht vorliegen?
Ich persönlich bin optimistisch, dass alle Pläne rechtzeitig vorliegen werden. Basierend auf unseren Analysen kann ich dazu aktuell jedoch keine Aussage treffen. Die Wärmeplanung steht erst am Anfang. Das Wärmeplanungsgesetz sieht eine Fortschreibung und Aktualisierung der Pläne alle fünf Jahre vor. Das heißt, wir sammeln jetzt erste Erfahrungen und können den Prozess langfristig optimieren. Ganz wichtig ist auch, dass der Plan nicht in der Schublade verschwindet, sondern tatsächlich zur Umsetzung von Projekten und Maßnahmen für die Wärmewende vor Ort führt. Bei der Umsetzung sehen wir vor allem den hohen Investitionsbedarf und die Finanzierung der Projekte als zentrales Hemmnis. Daher sind neue und innovative Finanzierungsmodelle wie genossenschaftliche Finanzierung, Fondsmodelle oder auch staatliche Finanzierungskonzepte notwendig. Ein Teil des neuen Sondervermögens kann zur Finanzierung genutzt werden. Inwieweit und in welcher Form das Sondervermögen für die Wärmewende zur Verfügung steht, wird sich zeitnah zeigen.
Das Interview führte Daniel Zugehör
Mehr Ergebnisse der kürzlich veröffentlichten Studie finden Sie auch auf ZfK.de sowie – zusätzlich grafisch aufbereitet –in der E-Paper-/Printausgabe der ZfK des Monats März.



