Patricia Dau: "Unser Projekt ist das erste komplett regenerative Wärmenetz dieser Größenordnung in Schleswig-Holstein"

Patricia Dau: "Unser Projekt ist das erste komplett regenerative Wärmenetz dieser Größenordnung in Schleswig-Holstein"

Bild: @ Westholstein Wärme GmbH (WHW)

Von Andreas Lorenz-Meyer

Im Juli kam grünes Licht vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA): Die 15 Millionen Euro Fördergelder für das 38-Millionen-Projekt im nördlichen Teil der schleswig-holsteinischen Industrie- und Hafenstadt Brunsbüttel sind bewilligt. Damit steht die Finanzierung, es kann losgehen.

Ab September baut die WHW, eine gemeinsame Gesellschaft der Stadtwerke Brunsbüttel und der Entwicklungsgesellschaft Westholstein, eine komplett neue Energiezentrale direkt am Nord-Ostsee-Kanal. Parallel dazu entsteht ein neues Wärmenetz, in welches Bestandsnetze integriert werden. Die ersten Abschnitte sollen zum Jahreswechsel 2026/27 in Betrieb gehen. Geplant ist, langfristig rund 20 Prozent der Haushalte in Brunsbüttel ans neue Netz anzuschließen.

Drei Quellen, eine Zentrale

Von den 38 Millionen Euro Gesamtinvestitionssumme verschlingt die auf 12 Megawatt (MW) ausgelegte und bei Bedarf auf 20 MW erweiterbare Energiezentrale 14 Millionen. Was die Anlage dann in gut eineinhalb Jahren ins Netz einzuspeisen beginnt, ist ein Mix mehrerer Wärmequellen aus der direkten Nachbarschaft. Eine neue Wasser-Wasser-Großwärmepumpe mit 6 Megawatt Leistung, Hauptbestandteil der Energiezentrale, nutzt das Abwasser des Chemiewerkes von Sasol Germany und erzeugt daraus bis zu 90° C heißes Wasser für das Fernwärmenetz. Hinzu kommt Prozessabwärme von Sasol, die ausgekoppelt und zur Energiezentrale geleitet wird. Die dritte Wärmequelle ist der überschüssige Dampf des Holzhackschnitzel-Heizwerkes am gegenüberliegenden Kanalufer, der bisher nicht genutzt wird. Drei regenerative Quellen liefern also Wärmemengen, die in der Zentrale zusammengeführt und von dort aus ins Wärmenetz eingespeist werden. "Für diesen technisch komplexen Vorgang bedarf es eines großen Gebäudes und einer intelligenten Anlagensteuerung", erläutert WHW-Prokuristin Patricia Dau.

"Für diesen technisch komplexen Vorgang bedarf es eines großen Gebäudes und einer intelligenten Anlagensteuerung." WHW-Prokuristin Patricia Dau.

Schlüsselelement Sozialverträglichkeit

Die prognostizierte Einspeisemenge der Wärmepumpe liegt bei 2,67 Gigawattstunden pro Jahr, die Sasol-Prozesswärme und der Dampf aus dem Biomasseheizkraftwerk steuern jeweils 13 GWh/a bei. In Summe sind es 28 bis 29 GWh/a – genug für das Projektgebiet, dessen Gesamtwärmebedarf bei jährlich 25 GWh liegt. Das neue Wärmenetz, an das rund 280 Gebäude mit voraussichtlich 740 Wohnungen angeschlossen werden sollen, hat eine Länge von sieben Kilometern. Einige Kilometer werden neu gebaut sowie kleinere, bereits bestehende Netze integriert, unter anderem ein Bestandsnetz aus dem Jahr 1980, welches das Schwimmbad bisher mit der Abwärme von Sasol versorgt hat. Die WHW nimmt es im Bauverlauf außer Betrieb, führt die Abwärme über eine neue Netzstrecke in die Energiezentrale und schließt das Schwimmbad ans neue Netz an. Ebenfalls Teil des neuen Netzes wird das bestehende, bisher Gaskessel-basierte "City-Netz", zu dem wichtige Liegenschaften gehören: unter anderem ein Bildungszentrum, die Feuerwache und das Kulturzentrum "Elbeforum".

"Unser Projekt ist das erste komplett regenerative Wärmenetz dieser Größenordnung in Schleswig-Holstein", ordnet Dau ein. "Es kommt ohne jede fossile Erzeugung und ohne Schornstein, über den Emissionen abgeführt werden müssten, aus." Hinzu komme das "systemisch durchdachte Konzept" zur Versorgungssicherheit. Ein zentrales Element dabei sind die zwei Elektrokessel. "Als Redundanztechnologie sichern sie Spitzenlasten ab und schaffen zugleich Flexibilität in der Betriebsführung." Selbst beim vorübergehenden Ausfall einer der drei Wärmequellen sei eine Versorgung rund um die Uhr garantiert. Das Projekt hebe sich deutlich von klassischen hybriden Lösungen ab, die meist aus einer Wärmepumpen-Gaskessel-Kombination bestehen. Es leiste einen "realen Beitrag" zur angestrebten Klimaneutralität Schleswig-Holsteins bis 2040.

Dau schaut aber nicht nur auf den Klimaschutzaspekt. "Als kommunales Unternehmen steht für uns die Daseinsvorsorge im Vordergrund. Es geht uns nicht um kurzfristige Gewinne, sondern um eine sichere, nachhaltige und faire Wärmeversorgung. Deshalb kalkulieren wir wirtschaftlich solide, aber nicht gewinnmaximierend." Die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) helfe, die Investitionskosten abzufedern. So seien auch langfristig bezahlbare Wärmepreise sichergestellt. "Diese Kombination – Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Preisstabilität – macht das Projekt zu etwas Besonderem. Ich sehe darin den Schlüssel für das Gelingen der Wärmewende. Nur wenn sie sozialverträglich abläuft, wird sie gesellschaftlich mitgetragen."

Plan B ohne Gaskessel

Seit ihrer Gründung 2021 ist die WHW mit dem jetzt anlaufenden Projekt beschäftigt. Ursprünglich war geplant gewesen, Industrieabwärme mit einem Gaskessel zu kombinieren. Vor allem wegen der Klimapläne der schwarz-roten Regierung in Kiel, aber auch wegen der Energiekrise hatte WHW dann aber umdisponiert und ganz auf erneuerbare Quellen gesetzt. Ein erster Förderantrag war noch auf Basis des alten Plans gestellt und bewilligt worden.

Dass die Bauarbeiten schon im September starten können, ist keine Selbstverständlichkeit, so Dau. "Die Prüfung des jetzigen zweiten Förderantrags durch das Bafa hatte Zeit in Anspruch genommen, die wir nicht hatten, da in den Ausbaugebieten sowieso Straßensanierungsmaßnahmen der Stadt anstanden. Da wollten wir die Wärmeleitungen direkt mitverlegen." Es gelang, die Behörde von einem früheren Maßnahmenbeginn zu überzeugen, sodass die Straße jetzt nur einmal aufgerissen werden muss. Und die Bürger nur einmal die baustellenbedingten Unannehmlichkeiten haben. Die WHW hat vor, in anderen Gemeinden in Steinburg und Dithmarschen weitere Wärmeprojekte auf den Weg zu bringen.

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