Die Wirtschaft fordert mehr Engagement hinsichtlich des Recyclings.

Die Wirtschaft fordert mehr Engagement hinsichtlich des Recyclings.

Bild: © Stefan Puchner/dpa

„Invisible Waste“ ist das Motto der 11. Europäischen Woche der Abfallvermeidung (EWAV). Während die Aufmerksamkeit momentan vor allem darauf liegt, wie viel Abfall anfällt und wieviel davon recycelt oder entsorgt wird, kommt dem „unsichtbaren“ Teil des Abfalls noch wenig Aufmerksamkeit zu. Aber genau dort könnte der Schlüssel für Fortschritte bei der Verbesserung der Umweltbelastung durch Müll liegen.

Unsichtbare Gefahren ernst nehmen

Das wurde auf der Auftaktveranstaltung zu der EWAV-Kampagne deutlich, die vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU), vom Umweltbundesamt (UBA) und vom Bundesumweltministerium (BMU) organisiert wird und von Holger Thärichen, VKU-Geschäftsführer der Sparte Abfallwirtschaft und Stadtsauberkeit VKS, moderiert wurde.

„Die Pandemie lehrt uns: Wir müssen die unsichtbaren Gefahren besonders ernst nehmen“, sagte Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des VKU. „Unser Empfinden, was Wohlergehen wirklich ist, verändert sich durch die Pandemie. Unser Lebensstil fußt aber auf einem immer größeren Verbrauch von Ressourcen“, so Bundesumweltministerin Svenja Schulze.

Verpackungen, die „Klick“ machen

Ein Beispiel für problematische Abfälle sind die Verpackungen von Zigaretten oder Kosmetika, für die Hersteller gerne kleine Magnete einsetzen, verdeutlichte Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, das Problem. Das „Klick“ beim Schließen der Verpackung soll das Produkt „wertiger“ machen. Für die Herstellung der Magnete wird aber Neodym benötigt. Das Material gehört zu den seltenen Erden, deren Abbau große Umweltschäden verursacht.

Große Umweltbelastungen gehen auch von der Textilbranche aus. Insgesamt hat sich die weltweite Textilproduktion zwischen 2000 und 2014 verdoppelt – Tendenz steigend. Dabei werden für die Herstellung von einer Tonne Baumwolle 3500 bis 27.000 Kubikmeter Wasser verbraucht.

Obwohl nur auf drei Prozent der weltweiten Flächen Baumwolle angebaut wird, werden dort 14 Prozent der weltweit verkauften Insektizide und fünf Prozent der Herbizide eingesetzt, sagt Brigitte Zietlow, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Umweltbundesamt im Textilbereich. Als Verbraucher kann man darauf Einfluss nehmen, indem man Produkte mit Umweltsiegeln erwirbt. Auch der Einkauf in Second-Hand-Läden oder Tauschparties gehören zu den ökologischen Alternativen.

Chemiefasern und Reifenabrieb

Dabei bringt der Umstieg auf Chemiefasern, die 80 Prozent der Textilfasern ausmachen, nicht die Lösung. Sie stehen im Verdacht, durch die Ablösung von Minifasern zu dem Mikroplastik-Problem in der Umwelt beizutragen. Solche Verunreinigungen entstehen auch durch den Abrieb von Reifen. Da der Veränderung der Gummi-Zusammensetzung aus Sicherheitsgründen Grenzen gesetzt sind, kann das Problem nur durch Eigenverantwortung abgemildert werden: zum Beispiel durch langsameres und vorausschauendes Fahren, das abruptes Bremsen verhindert.

Zur Verringerung des Verpackungsmüllberge tragen auch die Unverpackt-Läden bei. 2014 wurde der erste Shop gegründet, mittlerweile sind es 317. „Wir versuchen, die Menge von Verpackungen durch Weglassen zu reduzieren, wir setzen auf Mehrwegsysteme, Großgebinde statt Kleinverpackungen, Papier- statt Kunststoffverpackungen“, erläutert Gregor Witt, Vorsitzender des Berufsverbandes der Unverpackt-Läden.

Mehrweg im Online-Handel

Einen Pilottest für Mehrwegverpackungen im Online-Handel begleiten Till Zimmermann und Lisa Rödig, wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Ökologie und Politik. Mit dabei sind Hersteller wie Tchibo oder Otto.

Dabei kann der Kunde beim Kauf wählen, welche Verpackungsart er möchte. Erste Hürde für das Verfahren sind die Kosten. Im Pilotversuch wird ein Aufpreis von 3,95 Euro verlangt. Nächste Hürde: Der Kunde muss die Verpackung zurückschicken. Derzeit ist noch unklar, wie gut das gelingt. Bevor sie der Versender dann wiederverwenden kann, muss die Verpackung gereinigt werden. Erst ab etwa einem zehnfachen Umlauf ist der Einsatz ökologisch sinnvoll.

Ein Puzzle mit vielen Teilen

„Wir sollten nicht zu stark auf technische Lösungen setzten, denn am Ende entscheidet der Verbraucher, was sich durchsetzt“, sagte Christoph Epping, Abteilungsleiter der Unterabteilung Ressourcenschutz/Kreislaufwirtschaft im Bundesumweltministerium. „Das ist ein Puzzle aus vielen Steinen, bei denen man genau hinschauen muss, welche die entscheidenden Faktoren sind."

„Statt auf Mehrweg-Verpackungen im Online-Handel zu setzen, könnte man eventuell eine größere Umweltwirkung dadurch erzielen, dass man Einkäufe poolt“, sagt Dirk Jepsen, Geschäftsführer des Instituts für Ökologie und Politik. Das heißt, dass man mehrere Waren oder in größerer Anzahl bestellt, so dass nicht mehrere Lieferungen notwendig sind.

Bewusste Kaufentscheidungen

„Der beste Abfall ist der, der gar nicht entsteht“, stellt abschließend Bettina Rechenberg, Leiterin des Fachbereichs III „Nachhaltige Produkte und Produktion, Kreislaufwirtschaft“ beim Umweltbundesamt, fest. "Da müssen wir sowohl Hersteller als auch Anbieter stärker in die Pflicht nehmen.“ Aber auch jeder Einzelne, jede Einzelne könne mit bewussten Kaufentscheidungen sowie dem bewussten Umgang mit nicht mehr benötigten Dingen dazu beitragen. (hp)

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