Viele Beschäftigte würden gerne nach Renteneintritt noch weiterarbeiten.

Viele Beschäftigte würden gerne nach Renteneintritt noch weiterarbeiten.

Bild: © fotomek/AdobeStock

Weil dem Arbeitsmarkt Fachkräfte fehlen, möchte die Bundesregierung Rentner dazu bewegen, neben ihrem Ruhestand weiterzuarbeiten. Die Idee: Bis zu 24.000 Euro sollen die Älteren im Jahr mit der sogenannten Aktivrente steuerfrei pro Jahr hinzuverdienen dürfen.

Doch ob diese Aktivrente ein Erfolgsmodell werden kann, ist noch völlig ungewiss. Eine ZfK-Umfrage zeigt, wie Stadtwerke die neue Regelung einschätzen – und wo Risiken liegen.

Neuland für Betriebe

Eine Umfrage bei Stadtwerken ergab, dass die Mehrzahl der regionalen Versorger noch zögerlich mit ihrer Einschätzung ist. Die meisten befragten Unternehmen haben noch keine Entscheidung gefällt, wie die Arbeitsverträge mit Rentnern aussehen sollen. Gegner der Aktivrente betonen, dass besonders in den Branchen mit Arbeitskräftemangel körperliche oder mentale Belastungen so hoch sind, dass nur wenige Menschen länger als bis zum Renteneintritt arbeiten können oder wollen. Zudem ist auch unklar, wie viele Arbeitgeber tatsächlich gezielt Menschen im Rentenalter beschäftigen und damit eventuell mehr Krankheitstage in Kauf nehmen wollen.

Gegner der Aktivrente betonen, dass in Branchen mit Arbeitskräftemangel die Belastungen so hoch sind, dass nur wenige Menschen länger arbeiten können oder wollen.

Ob die Aktivrente tatsächlich das Potenzial älterer Arbeitnehmer stärker hebt, hängt davon ab, wie viele Betriebe entsprechende Arbeitsmodelle anbieten. Die Evaluierung 2028 wird zeigen, ob dieser Schritt ausreicht oder nur der Auftakt einer breiteren Reform war. So wie die Stadtwerke München teilten die meisten befragten Unternehmen mit, dass das Thema noch zu neu sei, als dass man sich dazu schon detailliert äußern könne.

Wann ist Schluss?

Daneben gab es aber auch positive Rückmeldungen, wie zum Beispiel von den Stadtwerken Amberg. Karoline Gajeck-Scheuck, Leiterin der Unternehmenskommunikation, sagte: "Unsere Geschäftsführung steht hinter der neuen Aktivrente und somit auch dazu, ältere Mitarbeitende länger im Unternehmen zu halten."

Demgegenüber haben die Berliner Wasserbetriebe (BWB) entschieden, dass bei dem kommunalen Unternehmen grundsätzlich mit dem Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze Schluss sei. Die BWB bieten keine verlängernden Arbeitsverträge an, sagt Pressesprecherin Astrid Hackenesch-Rump.

Kaum Stellen für Rentner

Die Umfrage bestätigte insgesamt die Entwicklung, dass im Zuge der demografischen Entwicklung viele kommunale Unternehmen großes Interesse daran haben, ältere Mitarbeitende mit ihrem jahrzehntelangen Know-how möglichst lange im Unternehmen zu halten. Dies gilt aber zunächst mehr für die langjährig Beschäftigten. Inwieweit Stellen künftig für Rentner als Quereinsteiger geschaffen werden sollen, ist noch völlig offen.

Dies entspricht dem bundesweiten Trend. Wie laut Bericht in der Wirtschaftswoche eine Auswertung des Datenanbieters Index von November zeigt, sind in Deutschland kaum offene Stellen für Rentner ausgeschrieben. Aus den Daten ergibt sich, dass in den ersten neun Monaten des Jahres weniger als 2000 offene Stellen gezielt für Rentner angeboten wurden.

Index-Geschäftsführer Jürgen Grenz führt dies nicht auf mangelndes Interesse bei Rentnern zurück. Vielmehr könne es rechtliche Hürden geben. Aus arbeitsrechtlicher Sicht könnte es heikel werden, wenn Unternehmen gezielt Stellenanzeigen für Rentner ausschreiben.

Jüngere Arbeitnehmer könnten das Unternehmen aufgrund von Altersdiskriminierung verklagen, sagt Grenz. Stark nachgefragt sind laut Index Senioren im Bereich Handwerk und Bauwesen sowie bei Busfahrern. Kaum gefragt sind Rentner im Bereich Forschung und Entwicklung, im Personalwesen sowie im Rechts- und Steuerwesen.

Lukrativer Steuerfreibetrag

Was ist die Aktivrente genau? Im Kern ist die Aktivrente ein Steuerfreibetrag von 2000 Euro monatlich für alle im Rentenalter sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Dieser Freibetrag von 24.000 Euro im Jahr gilt also für Einkommen aus nichtselbstständiger Arbeit für Menschen, die gleichzeitig Rente bekommen. Wer also beispielsweise monatlich 3000 Euro brutto aus seiner Beschäftigung verdient, müsste davon künftig nur 1000 Euro versteuern.

Trotzdem gilt nicht "brutto gleich netto", denn es fallen weiterhin Abgaben für die Sozialversicherung an. Die Aktivrente soll allerdings vom sogenannten Progressionsvorbehalt ausgenommen werden.

Das Finanzministerium geht von jährlich rund 890 Millionen Euro weniger Steuereinnahmen aufgrund der wegfallenden Progression aus.

Selbstständige benachteiligt

Neben der Kritik, dass gerade in körperlich belastenden Berufen ein besonderer Bedarf bestehe und nur wenige Arbeitnehmer tatsächlich länger arbeiten könnten, wird zudem bemängelt, dass Angestellte gegenüber Selbstständigen bevorzugt würden. So haben etwa solo-selbstständige Handwerker keinen Zugang zur Aktivrente.

Es gibt unterschiedliche Schätzungen dazu, wie viele Anspruchsberechtigte tatsächlich Interesse daran haben, über die Altersgrenze hinaus weiterzuarbeiten. Das arbeitnehmernahe Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ging zuletzt von rund 230.000 Menschen aus. Das Bundesfinanzministerium rechnet hingegen mit etwa 168.000 Personen – rund einem Viertel der Anspruchsberechtigten.

Fiskus entgeht Geld

Das Finanzministerium geht von jährlich rund 890 Millionen Euro weniger Steuereinnahmen aufgrund der wegfallenden Progression aus. Davon entfallen jeweils rund 42,5 Prozent auf den Bund und die Länder und die restlichen 15 Prozent auf die Kommunen.

Die Bundesregierung verbindet damit allerdings die Hoffnung, durch einen positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum auch wieder mehr Steuergelder, zum Beispiel über die Mehrwertsteuer, einnehmen zu können.

Der Beitrag ist zuvor in der Dezember-Ausgabe der ZFK erschienen.

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