Sie sind am deutschen Arbeitsmarkt begehrt: Busfahrerinnen und Bausfahrer.

Sie sind am deutschen Arbeitsmarkt begehrt: Busfahrerinnen und Bausfahrer.

Bild: © Drazen/AdobeStock

Von Pauline Faust

Aktuell rekrutieren nur sechs Prozent der Betriebe aktiv Fachkräfte im Ausland, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Dabei wurden die gesetzlichen Hürden gesenkt und die Wirtschaft beschwert sich weiterhin lautstark über den Fachkräftemangel.

"Wir dachten, uns würde die Bude eingerannt werden", berichtet Marcel Fernandes, Referent bei "Hand in Hand for International Talents" auf dem VKU-Personalforum in Düsseldorf. Das Projekt von DIHK Service, der Projektgesellschaft der Deutschen Industrie- und Handelskammer, vermittelt qualifizierte Fachkräfte: Personen mit anerkennungsfähigen Abschlüssen in Berufen der Industrie- und Handelskammern (IHK) und mindestens zwei Jahren Berufserfahrung, die im Rahmen des Programms noch in ihrer Heimat Deutsch lernen. "Hand in Hand for International Talents" übernimmt die Kosten und den Großteil der Organisation. Trotz dessen war die Nachfrage bei deutschen Unternehmen verhalten.

"Der Bedarf ist nicht gleichzusetzen mit der Bereitschaft, Fachkräfte zu gewinnen", erklärt Fernandes. "Was wir am Ende des Tages beobachten, ist", so der Talentvermittler, "dass viele Unternehmen nach wie vor sehr hohe Erwartungen haben." Sie setzten voraus, dass die Bewerberin oder der Bewerber sehr gutes Deutsch spricht, über Qualifikationen verfügt, die exakt dem deutschen Standard entsprechen und möglichst sofort einsatzbereit ist. All diese Punkte seien verständlich, aber wer im Ausland rekrutieren möchte, müsse einige Abstriche machen. "In der Regel ist eine ausländische Fachkraft nicht nach drei Monaten hier, sondern eher nach vier oder sechs", nennt er als Beispiel.

Ein Unternehmen, das bereits im Ausland aktiv rekrutiert, sind die Stadtwerke München (SWM). Gabriele Jahn, Geschäftsführerin Personal, Immobilien und Bäder, reiste dafür selbst nach Albanien, um in Kooperation mit dem Fahrschulverband Busfahrer zu gewinnen. "Die Albanier haben Lust auf Deutschland und auf München", sagt Jahn. Auch aus Spanien haben die Müncher bereits Busfahrer eingestellt.

"Wir stehen vor einem strukturellen Fachkräftemangel, der lässt sich nicht allein durch interne Lösungen beheben", so Jahn. "Wir finden diese Fachkräfte schlicht nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, und schon gar nicht auf dem Münchner." Deshalb rekrutieren die SWM gezielt im Ausland – sowohl innerhalb der EU als auch in Drittstaaten. Für die Jahre 2024 und 2025 habe man fest eingeplant, rund 150 neue Mitarbeitende aus dem Ausland zu gewinnen.

Sprachbarrieren und neue Offenheit

"Wir sind noch nicht an dem Punkt, dass wir tatsächlich in Drittstaaten rekrutieren", erklärt hingegen Stefanie Hansen-Heidlk, Head of HR and Health, Prokuristin bei den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR). "Wir haben im Moment die Politik zu sagen, dass wir ganz viele Fachkräfte in Deutschland haben, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, auf die wir gar nicht zugreifen." Das betreffe Menschen in Deutschland, die beispielsweise über keine ausreichenden Sprachkenntnisse verfügen. Aktuell bildet die BSR zwölf Berufskraftfahrer aus, die eine Sprachschule besuchen und Praktika absolvieren; in einem Jahr sollen sie einsatzbereit sein. Doch auch Hansen-Heidlk ist überzeugt, dass die BSR künftig im Ausland rekrutieren muss.

Die Rekrutierung von ausländischem Personal sei bei der BSR aus verschiedenen Gründen herausfordernd. "Zu Beginn des Ukraine-Kriegs haben wir versucht, geflüchtete Menschen einzustellen", berichtet Hansen-Heidlk. "Schon das Führen eines Vorstellungsgesprächs auf Englisch stellte uns vor Herausforderungen, da Personalräte häufig selbst kein Englisch sprechen – und gleichzeitig die Unterstützung durch einen Übersetzer ablehnen." Mit dem zunehmenden Druck sehe sie jedoch eine wachsende Bereitschaft, sich auch in der Belegschaft stärker zu öffnen.

Die Bundesagentur für Arbeit wird häufig vor allem mit Themen wie Arbeitslosigkeit oder Berufsberatung verbunden. Dabei unterstützt sie auch bei der Rekrutierung in Drittstaaten. "Unser gesetzlicher Auftrag ist der Ausgleich am Arbeitsmarkt. Das bedeutet: Wir reagieren auf die konkreten Bedarfe der Wirtschaft", sagt Silvia Rager, stellvertretende Fachbereichsleiterin Internationale Beziehungen bei der Bundesagentur für Arbeit.

"Wir sehen deutlich, dass es immer schwieriger wird, Fachkräfte im Inland zu gewinnen", so Rager. Zunächst konzentriere sich die Bundesagentur auf das europäische Ausland, da hier durch die Freizügigkeit ein breiterer Zugang zum Arbeitsmarkt bestehe. Doch auch die Zuwanderung aus EU-Staaten sei in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Daher baue man den Bereich der internationalen Rekrutierung nun weiter aus. Für Deutschland spreche insbesondere seine Familienfreundlichkeit: "Bei uns darf man die Familie mitbringen. Die Kinder kommen in ein gutes Bildungssystem und haben eine Zukunft."

Wohnungsmarkt ist eine Hürde

Woran scheitert das Auslandsrecruiting aktuell? Laut Rager hat sich der Hauptgrund, den Unternehmen nennen, zuletzt verschoben. Statt der früher häufig angeführten bürokratischen Hürden steht nun der angespannte Wohnungsmarkt ganz oben auf der Liste. In München etwa bieten Arbeitgeber ausländischen Fachkräften für die Anfangszeit eine Wohnung zu vergünstigten Konditionen an.

Trotz des Aufwands sei die Rekrutierung im Ausland immer noch günstiger als unbesetzte Stellen, meint Fachkräftevermittler Fernandes. Nach der Begleitung von über 90 Talenten sei er überzeugt, dass sich die Auslandsrekrutierung lohnt – vorausgesetzt, Unternehmen kümmern sich aktiv um ihre neuen Mitarbeitenden. Rund 70 Prozent der vermittelten Fachkräfte seien mindestens ein Jahr nach Arbeitsbeginn noch bei ihrem Projektunternehmen beschäftigt. "Die Rekrutierung von ausländischen Fachkräften ist kein Selbstläufer", sagt Fernandes, "sie ist aber definitiv eine Möglichkeit."

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