Wie ist die Idee zu dem Programm "CEO der Zukunft" entstanden?
Jens Meier: Das Thema hat zwei Ebenen. Laut einer Stadtwerke Studie aus 2024 von BDEW und Ernst & Young wird der Fachkräftemangel zunehmend auch zum Führungskräftemangel. Diesen Trend bestätigt eine interne Erhebung von uns: In fünf bis sieben Jahren gehen über 50 Prozent der Geschäftsführer:innen in der Kommunalwirtschaft in Rente, aber es gibt keine koordinierte Nachfolgeplanung. Gespräche mit Kolleg:innen bestätigten das branchenweite Problem. Durch den Kontakt zu Professor Friedemann Schulz von Thun entstand die Idee einer gemeinsamen Initiative gegen das drohende Führungsvakuum.
Dazu kommt meine eigene Erfahrung: Als ich mit 33 Jahren erstmals eine Managementfunktion in der Kommunalwirtschaft übernahm, war ich darauf nur bedingt vorbereitet. Mittlerweile wähle ich selbst C-Level-Manager:innen aus, wobei ich häufig den Bedarf für eine bessere Vorbereitung sehe. Mein 30-jähriges Ich hätte sich mit Sicherheit nach so einem Programm gesehnt.
Wieso engagieren Sie sich bei dem Programm?
Friedemann Schulz von Thun: Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Führung in der Kommunalwirtschaft überaus anspruchsvoll ist. Für die dringend anstehenden Transformationen wollen nicht nur wirtschaftliche und technologische, sondern auch politische und menschliche Dimensionen gleichzeitig beachtet werden. Und was die Kommunikation dabei angeht, muss es gelingen, Professionalität und Menschlichkeit kontextgerecht zusammenzuführen. Keine leichte Herausforderung für den CEO der Zukunft, aber überaus lohnend.
Meier: Das Engagement von Friedemann Schulz von Thun und seines Sohnes, Felix Schulz von Thun, ist für uns einer der großen Booster für die Akzeptanz des Programms in der Branche gewesen. Denn die Exzellenz seines Instituts und das Renommee in Person von Professor Schulz von Thun hat viele Mentor:innen von der Qualität des Ansatzes überzeugt und mit für diesen großen Zuspruch aus der Branche gesorgt.

Braucht man wirklich ein eigenes Programm für die Kommunalwirtschaft?
Meier: Ja, weil die Kommunalwirtschaft ein strukturelles Problem hat: C-Level-Positionen werden meist extern rekrutiert, nicht intern entwickelt. Gleichzeitig sind andere Branchen sehr attraktiv – Toptalente wechseln in die private Energiewirtschaft oder in besser bezahlte Sektoren. Unser Programm soll diese Lücke schließen: die besten Köpfe gewinnen, begeistern und halten. "CEO der Zukunft" will gezielt die Sichtbarkeit und Attraktivität kommunaler Unternehmen für künftige Führungspersönlichkeiten – innerhalb und außerhalb der Branche – stärken.
Wandern Führungskräfte vor allem wegen der besseren Bezahlung ab?
Meier: Nicht nur. Die Privatwirtschaft bietet zwar häufig bessere finanzielle Bedingungen und bei Großkonzernen auch mehr Entwicklungspfade. Aber entscheidend sind auch die besonderen Anforderungen in der Kommunalwirtschaft: Führungskräfte müssen mit kommunalen Gremien, Verwaltung und Politik umgehen – das erfordert spezielle Kommunikations- und Kompromissfähigkeiten, die in fachlichen Karrieren meist nicht ausreichend entwickelt wurden. Andererseits fehlt oft das Bewusstsein dafür, welche große Gestaltungsmöglichkeiten beispielsweise gerade bei den Stadtwerken in Hinblick auf die Energie-, Mobilitätswende und der digitalen Transformation gegeben sind.
Was ist der Inhalt des Programms?
Meier: Die erste Säule ist das Mentoring zwischen Mentor und Mentee. Die zweite Säule ist das Führungskräftetraining beim Schulz von Thun Institut. Die dritte Säule sind Executive Seminare, in denen unsere sechs Partner fachliche Inhalte vermitteln.
Was vermitteln Sie in den Führungskräftetrainings?
Schulz von Thun: Wir haben 30 Jahre lang Erfahrung in diesem Bereich, besonders was Kommunikation, Führung und Teamentwicklung angeht. Einer unserer Kerngrundsätze ist, dass wir den angehenden Managern nicht sagen, was richtig ist, sondern sie ermutigen, den eigenen Stil zu finden – passend zur Person und zum Kontext. Das nennen wir "stimmige Führung". Gute Führung findet dann statt, wenn du in Übereinstimmung mit dir selbst bist und in Übereinstimmung mit dem, was die Situation dir abverlangt. Immer geht es um die gleichzeitige Betrachtung des Menschen im System und des Systems im Menschen.
Können Sie uns ein paar konkrete Beispiele zu den Führungstrainings geben?
Schulz von Thun: Es gibt insgesamt vier Bausteine: 1. Selbstmanagement und Persönlichkeit 2. Professionelle Kontaktgestaltung und Gesprächsführung 3. Souveränität in der Führungsrolle 4. Teamsteuerung und Teamentwicklung. Dabei werden grundlegende und wichtige Führungskompetenzen beleuchtet. Besonders wertvoll im kommunalen Kontext ist wohl dabei unsere Mentees zu stärken, Gruppenprozesse zu verstehen: Dynamiken wie Konflikte, Rollen und Machtstrukturen zu erkennen und konstruktiv zu steuern.
Wer sind die sechs Partner und was bringen sie in das Programm ein?
Meier: Die sechs Partner bieten Executive-Seminare an und decken jeweils spezifische Kompetenzen ab: die DZ Bank das Thema Finanzierung, SchwarzDigits ist für Digitalisierung/IT/Cloud zuständig, Kearney für Strategieberatung, M3 Consulting vermittelt Kenntnisse im Bereich Transformation, Siemens Energy in der Energietechnologie und Becker Büttner Held in Recht und Compliance. Die Top-Partner unterstützen das Programm auch finanziell.
Wie wählen Sie die Kandidaten aus?
Meier: Ab dem 4. August können sich Interessent:innen über unsere Homepage bewerben. Nach der Vorauswahl durchlaufen die Top 100 ein Assessment Center, das die Personalberatung Odgers durchführt. Anschließend erfolgt ein Matchingprozess, so dass den Mentor:innen zwei bis vier Profile vorgelegt werden können, und sie entscheiden, welche Mentees sie betreuen wollen.
Was haben die Mentor:innen von ihrem Engagement?
Meier: Ihre Motivation ist unterschiedlich: Viele erwarten selbst Erkenntnisse aus dem Mentor-/Mentee-Verhältnis. Andere sehen es als Dienst an der Kommunalwirtschaft. Nahezu alle Mentor:innen eint aber die Motivation, dass wir die nächste Führungsebene heranbilden und Topleute für unsere Branche gewinnen wollen, bevor diese in andere Sektoren abwandern.
Welche inhaltlichen Ziele verfolgen Sie mit dem Programm?
Meier: Wir haben fünf übergeordnete Ziele: Nachwuchsförderung auf C-Level für aktiven Generationenwechsel, Leadership-Entwicklung, Diversität fördern, Netzwerke stärken und die Arbeitgebermarke "Kommunal" fördern.
Sprechen Sie auch Führungskräfte aus der Privatwirtschaft an?
Meier: Das Programm ist bewusst offen. Wir wollen mehr Diversität und Vielfalt in der Führung: mehr Frauen begeistern und Quereinsteiger:innen aus verschiedenen Bereichen gewinnen. Unterschiedliche Perspektiven und innovative Ansätze sollen zielgerichtet in die Unternehmensführung integriert werden, um diese zukunftsfähig und adaptiv zu gestalten. Einige unserer Mentor:innen sind selbst aus anderen Branchen in die Kommunalwirtschaft gewechselt und deshalb ideale Begleiter für Wechselwillige.
Wie lange dauert die Forbildung?
Meier: Die Dauer ist auf zwei Jahre angelegt. Bewerbungsstart ist der 4. August, die Auswahl erfolgt bis Ende des Jahres, das eigentliche Ausbildungsprogramm startet dann im Januar 2026. Es gibt drei große Veranstaltungen: einen Kick-off in Aachen bei der Trianel, einen Midterm-Austausch in Berlin beim VKU und ein Abschlusstreffen in München bei der Thüga.
Brauchen CEOs in Zukunft andere Fähigkeiten?
Meier: Ja, absolut. Früher war das Stadtwerke-Geschäft sehr stabil – da reichte gutes Managen und Verwalten. Heute müssen CEOs proaktiv Transformationen und Wandel gestalten, komplett neue Geschäftsfelder aufbauen und Dilemmata managen – zum Beispiel Nachhaltigkeit und Profitabilität in Einklang bringen. Die Anforderungen haben sich fundamental geändert.
Schulz von Thun: Und diese zukünftige Führung bewusst zu gestalten ist sehr entscheidend. Denn unser aller Leben und Wohnen hängt davon ab, wie wir auch künftig Wärme, Wasser, Strom und Internet kostenverträglich und umweltschonend erhalten können und auf eine Weise mobil bleiben, dass es eine Freude ist, hierzulande zu leben.
Hat Sie die große Resonanz auf Ihr Vorhaben überrascht?
Meier: Ja, total. Als anfangs nur Ideen im Raum standen und ich die ersten Telefonate führte, schlug mir eine enorme Euphorie entgegen. Da merkte man ziemlich schnell, das wird etwas richtig Großes! In den letzten Wochen ist dann aus der kleinen Personengruppe eine beispiellose branchenweite Initiative geworden, die von wirklich relevanten Protagonist:innen und sehr renommierten Partner:innen getragen wird. Dieses Projekt zeigt sehr deutlich, welche Kraft in der Kommunalwirtschaft steckt, wenn wir unternehmensübergreifend zusammenarbeiten.
Das Interview führte Elwine Happ-Frank.
Das Interview ist zuvor in der August-Printausgabe erschienen. Zum Abo geht es hier.



