Ein Stadtrat und Polizist, der im Aufsichtsrat der Stadtwerke Lindau sitzt, hat deren ehemaligen Chef Thomas Gläßer wegen des Verdachts der Untreue bei seinen örtlichen Kollegen angezeigt. Die zuständige Staatsanwaltschaft Kempten bestätigte am Dienstag den Eingang der Strafanzeige und damit teilweise einen entsprechenden Bericht der "Schwäbischen Zeitung". Sie befinde sich noch auf dem Postweg nach Kempten, danach werde man prüfen, ob die Tatsachenbehauptungen einen Anfangsverdacht stützen und, wenn ja, ein Ermittlungsverfahren starten.
Stadtrat Matthias Kaiser von der "Bunten Liste", der stärksten Fraktion im Lindauer Gemeinderat, begründete seine Anzeige zweifach:
- Er müsse als Polizist dienstrechtlich Straftaten verfolgen.
- Er könne nur auf diese Weise Schaden von den Stadtwerken fernhalten, wenn er die Beweislage für so stark halte, aber auch von sich als Aufsichtsrat, sonst hafte er womöglich selbst für den Schaden. Er sei aber ein Anhänger der Unschuldsvermutung bis zu einem rechtskräftigen Urteil.
Ein Stadtwerkechef ohne Dienstwagen
Fünf Tage zuvor hatte die Lokalzeitung aus einem Antwortschreiben eines Stadtwerke-Anwalts an Gläßers Anwalt zitiert, das ihr angeblich vorlag. Demnach begründet der Aufsichtsrat Gläßers fristlose Entlassung Ende September mit Vorwürfen, er habe Stadtwerkegelder für private oder unautorisierte Zwecke veruntreut:
- Gläßer, selbst aus dem Ruhrgebiet, habe eine Werkswohnung auf Kosten des Unternehmens für 37.000 Euro umbauen lassen, weil er dort habe einziehen wollen. Dafür fehle das Placet des Aufsichtsrats. Zudem habe er sich eine reduzierte Miete erschlichen.
- Eine Putzfrau der Stadtwerke sei in seiner Wohnung ohne Rechnung tätig gewesen.
- Er habe Pool-Pkw des Kommunalversorgers auch für Privatfahrten genutzt und dies im Fahrtenbuch verschleiert; er habe damit auch verbotswidrig seinen Sohn fahren lassen. Demnach hatte Gläßer keinen Dienstwagen.
- Gläßer war seit Mitte 2016 Alleingeschäftsführer. Über das "Krisenjahr" 2017 und damit das Mandat des Aufsichtsrats hinaus habe er zweieinhalb Jahre lang einen Berater beschäftigt, dessen Abrechnung nie einen Urlaubstag enthalten habe und bei dem zeitweise Gläßers Sohn beschäftigt gewesen sei.
- Er habe seit 2017 auf dem Lindauer Oktoberfest Unbekannte an der Champagner-Bar eingeladen und im Bewirtungsbeleg Namen von Abwesenden eingetragen.
Das Schreiben ist laut "Schwäbischer" eine Replik auf einen Brief der Gegenseite. Die Stadtwerke machen auch Schadensersatzansprüche geltend. Demnach pocht Gläßer auf die Erfüllung des bis Ende 2023 laufenden Anstellungsvertrags. Der Aufsichtsrat bietet ihm offenbar eine gütliche Einigung an. Beim teilweise zuständigen Arbeitsgericht Kempten jedenfalls lag am Mittwoch keine Kündigungsschutzklage in Gläßers Namen vor.
Gläßers Anwalt ließ der ZfK ausrichten, man gebe grundsätzlich keine Presseauskünfte. Gläßer selbst ist für die ZfK nicht erreichbar. Die Stadt Lindau äußerte sich am Mittwoch nicht. Das sei eine diskrete Personalangelegenheit, hieß es weiterhin. (geo)
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