Karriere

Generation NEET fehlt dem Arbeitsmarkt

Viele junge Leute starten trotz vieler Angebote nach der Schule nicht gleich in Ausbildung oder Studium.
10.08.2023

Sinnsuche nach der Schule: Viele Jugendliche nehmen sich die Zeit, während Arbeitgeber einen raschen Übergang in den Beruf für wichtig halten.

Elisa hatte das Abitur in der Tasche und machte erstmal: Pause. Die junge Berlinerin jobbte im Café und buchte dann mit einer Freundin ein Ticket nach Chile. Ein paar Monate später schaute sie sich mit einem Interrail-Ticket Europa an. Zwischendurch wieder Jobs.

Damit dürfte Elisa in eine Kategorie fallen, um die es gerade Wirbel gibt: NEETs. Das ist ein Kunstwort von Statistikern für junge Leute, die nicht mehr in der Schule sind, aber auch nicht in Beschäftigung oder Ausbildung – «Not in Education, Employment or Training». 564.000 solcher jungen Leute zwischen 15 und 24 Jahren erfasste die europäische Statistikbehörde Eurostat 2022 für Deutschland. Und das, wo Unternehmen gleichzeitig Zehntausende Lehrstellen und Arbeitsplätze nicht besetzen können. Wie passt das zusammen?

Eine sehr vielfältige Gruppe

«Das Problem bei der Konstruktion NEETs ist, dass sie eine ausgesprochen heterogene Gruppe von Personen umfasst», sagt Bildungsexperte Clemens Wieland von der Bertelsmann Stiftung. Da gibt es junge Leute, die demotiviert durchhängen.

Da sind Schulabgänger ohne Abschluss, mit Sprachschwierigkeiten oder sonstigen Problemen, die den Zugang zu Ausbildung oder Arbeit erschweren. Und da sind junge Leute wie Elisa, die nach einer sehr gedrängten Schulkarriere einen Moment innehalten, um ihren Platz auf der Welt zu finden.

Besonderheit der Pandemiejahre

Die Eurostat-Statistik belegt die Besonderheiten der Pandemie-Jahre. Der Anteil der NEETs in der Altersgruppe von 15 bis 24 in Deutschland stieg von 5,7 Prozent im Jahr 2019 auf 7,4 Prozent 2020 und 7,8 Prozent 2021. Dann ging es 2022 wieder abwärts auf 6,8 Prozent. Oder in absoluten Zahlen: von 648.000 im Jahr 2021 auf 564.000.

Das ist eine halbe Million junger Leute, die Arbeitgeber gerade jetzt dringend brauchen könnten. Im Juli gab es nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit etwa 228.000 freie Ausbildungsplätze. Demgegenüber standen 116.000 registrierte, unversorgte Bewerber.

Unterstützung für den Weg in den Beruf

Gut qualifizierte Schulabgängerinnen wie Elisa machen dabei weniger Sorgen. «Es gibt viele junge Leute, die nach einer Auszeit dann doch eine Ausbildung oder ein Studium anfangen», sagt Christina Ramb, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. «Ihr Potenzial fehlt dem Arbeitsmarkt nur vorübergehend.» Ramb schaut vor allem auf die NEETs, die Unterstützung bei dem Sprung ins Arbeitsleben brauchen. «Da sind ganz viele, um die es sich zu kümmern lohnt.»

Ihr Lösungsansatz: Schulen sollen vor Ende der Schulzeit Daten solcher Jugendlichen an die Bundesagentur für Arbeit übermitteln, damit diese sie gezielt kontaktieren und bei Bedarf mit Behörden von Ländern und Kommunen besser zusammenarbeiten kann. «Das nützt sehr viel», sagt Ramb, die auch Verwaltungsratschefin der Bundesagentur ist. In einigen Bundesländern klappe das gut. «Ich habe wenig Verständnis dafür, dass die rechtlichen und administrativen Voraussetzungen noch nicht in allen Bundesländern geschaffen wurden.»

Zu viel Auswahl

Auch Bertelsmann-Experte Wieland sagt mit Blick auf jene, die Schwierigkeiten haben könnten: «Wichtig ist, die jungen Menschen auf dem Weg zu einem Berufsabschluss zu unterstützen. Dadurch sinkt das Risiko, arbeitslos zu werden, und die Wirtschaft bekommt die dringend benötigten Fachkräfte.» Die Arbeitgeber halten grundsätzlich einen raschen Übergang in den Beruf für das Sinnvollste – schnell eine Ausbildung, schnell eigenes Geld verdienen, in die Sozialkassen einzahlen.

Doch gehen nicht alle jungen Leute bei dieser Logik mit. Die Kehrseite des Fachkräftemangels ist eben das, was Ramb einen «Bewerbermarkt» nennt. Alle wollen diese jungen Leute, die Chancen scheinen fast unendlich. Was die Sache nicht einfacher macht. Der Arbeitsmarkt wirkt auf gut vorgebildete Schulabgänger offenbar manchmal wie ein Kuchenbüffet, wo man sich nicht entscheiden kann, ob eher die Torte das Richtige ist oder der Streuselkuchen.

Keine Vorwürfe, bitte

Es ist auch eine Generation, die sich von der Schule mehrheitlich gestresst und nicht gut auf die Berufswelt vorbereitet fühlt, berichtet es Jörg Habich, Geschäftsführer des Liz Mohn Centers und Mitautor der Studie «Was bewegt die Jugend in Deutschland» von 2022. Die Befragten zeigten sich einerseits meist zufrieden und zuversichtlich für ihr eigenes Leben, andererseits aber pessimistisch für Deutschland in einer Zeit, die aus den Fugen scheint.

Elisa jedenfalls wehrt sich gegen Vorwürfe, dass sie nicht sofort ins Berufsleben gesprungen ist. Angesichts von drei Corona-Jahren dürfe man ihrer Generation nicht vorwerfen, dass sie nicht mit „mit 17 anfangen habe, beruflich tätig zu werden“. Es sei auch gesellschaftlich wichtig, etwas Sinnvolles zu tun. «Und deshalb kann man vielleicht auch mal länger als einen Sommer überlegen: Was will ich mit meinem Leben anfangen?» (dpa/hp)