Work-Live-Balance im Stellenmarkt: Große Worte, wenig Taten

Die Arbeitgeber bieten relativ wenig, aber erwarten viel Flexibilität von Bewerbern.
Bild: © Mattilda/AdobeStock
Von Elwine Happ-Frank
Trotz Fachkräftemangels scheinen viele Unternehmen eine wichtige Lektion im Anwerben von Personal noch nicht genug verinnerlicht zu haben. Laut der aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung "So vereinbarkeitstauglich ist der deutsche Stellenmarkt: Zeitsouveränität und Familienfreundlichkeit in Online-Stellenanzeigen" werden viele Betriebe ihren eigenen Vorstellungen nicht gerecht, Berufsangebote familienfreundlich zu gestalten.
Eine repräsentative Analyse von rund 18 Millionen Stellenanzeigen aus den Jahren 2018 bis 2024 ergab, dass letztes Jahr lediglich ein Anteil von 16,4 Prozent tatsächlich familienfreundliche Maßnahmen in den Vordergrund rückte, zumeist in Berufsfeldern mit hohem Frauenanteil. 12 Prozent bekannten sich zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, lediglich 2,7 Prozent boten Unterstützung bei der Kinderbetreuung.
Das Ergebnis steht im starken Kontrast zu einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, bei dem 2023 rund 86 Prozent der Arbeitgeberlandschaft angaben, Wert auf familienfreundliche Maßnahmen zu legen.
Konservierung alter Strukturen
"Dass Arbeitgeber:innen überhaupt mit familienfreundlichen Angeboten werben, ist eine gute Nachricht. Aber: Mit der ungleichen Verteilung der Angebote und Erwartungen an Frauen und Männer verfestigt sich auch die Aufteilung in Frauen- und Männerberufe am deutschen Arbeitsmarkt", fasst Michaela Hermann, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann-Stiftung, zusammen.
"Damit haben Frauen weniger Möglichkeiten, sich auf männerdominierte Berufe zu bewerben. Und die Sorgearbeit liegt weiterhin überwiegend bei Frauen, weil Männer ihrerseits seltener Vereinbarkeitsangebote erhalten. Hier sollten Unternehmen unbedingt nachbessern", so Hermann.
In Sachen Flexibilität stellt die Studie den Unternehmen ein etwas besseres Zeugnis aus. Fast 38 Prozent aller Stellenanzeigen umfassten das Angebot, den Umfang oder die Einteilung der Arbeitszeit selbst zu bestimmen. In der Realität fällt das Fazit aber auch hier ernüchternd aus.
Nur 14 Prozent der Stellenanzeigen ließen die Bewerber:innen den Umfang ihrer Arbeitszeit selbst wählen. Immerhin boten aber 25 Prozent der Unternehmen die Möglichkeit, die Arbeitsstunden in der Woche flexibel und nach eigenen Bedarfen zu verteilen.
Bessere Angebote für geringer qualifizierte Beschäftigte
Interessanterweise gibt es diesbezüglich jedoch bei rund einem Fünftel aller Stellenangebote auch hohe Erwartungen an die Kandidat:innen. Etwa 18 Prozent der analysierten Jobangebote verlangten, dass Bewerber:innen in ihrem Arbeitsalltag ein hohes Maß an "Flexibilität" demonstrieren.
Zwölf Prozent der Anzeigen beinhalteten Schichtdienst als notwendigen Bestandteil der Stellenausschreibung, etwa acht Prozent forderten die Bereitschaft zu Dienstreisen und 3,6 Prozent erwarteten zeitliche Verfügbarkeit, zum Beispiel für Wochenendeinsätze oder Rufbereitschaft. Letzteres traf insbesondere auf männerdominierte Berufe zu.
Berufe, die an höhere Qualifikationen gebunden sind, bieten mit rund 33 Prozent zwar mehr Flexibilität und schneiden mit mehr als 21 Prozent auch bei der Familienfreundlichkeit besser ab. Die meist mit Universitätsabschlüssen verbundenen Stellen kommen aber auch mit mehr Pflichten. Zum Vergleich: Für Arbeitnehmer:innen ohne Ausbildung (14 Prozent) und Fachkräfte mit Ausbildung (20 Prozent) sind die Aussichten deutlich schlechter.
"Beschäftigte mit geringer und mittlerer Qualifikation werden klar benachteiligt", sagt Hermann. "Familienfreundliche Arbeitsbedingungen auch für Helfer:innen und Fachkräfte wären ein wichtiger Hebel, um gute Mitarbeiter:innen zu finden und zu binden."

