Das Risiko auf der Straße fair zu verteilen: Das ist Ziel einer Software für autonomes Fahren, die Forschende der Technischen Universität München (TUM) entwickelt haben. Nach TUM-Angaben ist dies wohl der erste Algorithmus, der die 20 Ethik-Empfehlungen der EU-Kommission berücksichtigt.
Das Programm treffe deutlich differenzierter abgewogene Entscheidungen als bisherige Algorithmen. Dabei werde das unterschiedliche Risiko der Verkehrsteilnehmenden berücksichtigt. Das soll den Betrieb von automatisierten Fahrzeugen deutlich sicherer machen. Der Code steht dabei öffentlich zur Verfügung.
Reaktion auf unvorhersehbare Ereignisse
Software muss beim autonomen Fahren mit unvorhersehbaren Situationen umgehen können. Im Falle eines drohenden Unfalls muss sie die notwendigen Entscheidungen treffen. Forschende der TUM haben nach eigenen Angaben einen Algorithmus entwickelt, der nicht nach der Maxime entweder/oder handelt, sondern das Risiko fair aufteilt. Rund 2000 Szenarien mit kritischen Situationen wurden dabei getestet. Sie sind verteilt auf unterschiedliche Straßentypen und Gebiete wie Europa, die USA und China.
Maximilian Geißlinger erklärt den Ansatz so: „Bislang wurden autonome Fahrzeuge im Falle einer ethischen Fragestellung immer vor die Entscheidung entweder/oder gestellt. Allerdings lässt sich der Straßenverkehr nicht in schwarz und weiß einteilen, sondern bedarf auch der Betrachtung der unzähligen Graustufen. Unser Algorithmus wägt verschiedene Risiken ab und trifft aus tausenden möglichen Verhaltensweisen eine ethische Entscheidung – und das in Sekundenbruchteilen.“
Die ethischen Rahmenbedingungen, an denen sich die Risikobewertung der Software orientiert, haben Experten im Auftrag der EU-Kommission 2020 definiert. Es beinhaltet Grundsätze wie den Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmender und die Aufteilung von Risiko im gesamten Straßenverkehr.
Verkehrsteilnehmer haben unterschiedliche Risiken
Damit diese Regeln in mathematische Berechnungen übertragen werden konnten, teilte das Forschungsteam Fahrzeuge und Personen anhand des von ihnen ausgehenden Risikos für andere und anhand ihrer unterschiedlichen Risikobereitschaft ein. Ein Lastwagen kann anderen Verkehrsteilnehmenden großen Schaden zuführen, während er selbst in vielen Szenarien nur in kleinerem Maße beschädigt wird. Bei einem Fahrrad ist es umgekehrt.
Bisherige Ansätze behandelten kritische Situationen auf der Straße nur mit einer geringen Anzahl möglicher Manöver. Im Zweifel blieb das Fahrzeug einfach stehen. Durch die nun in den Code eingebrachte Risikobewertung entstehen mehr Freiheitsgrade bei weniger Risiko für alle. (wa)



