Nicht zuletzt haben hohe Benzinpreise der E-Mobilität Schub verliehen.

Nicht zuletzt haben hohe Benzinpreise der E-Mobilität Schub verliehen.

Bild: © Adobe Stock/Kalyakan

Branchenvertreter sehen die Elektromobilität auf dem Sprung in den Massenmarkt. Fahrzeuge könnten heute deutlich schneller laden, dürften bald günstiger werden und die große Mehrheit der Nutzerinnen sowie Nutzer wolle nicht zurück zum Verbrenner. Noch immer mangele es jedoch an einem passenden politischen Rahmen.

Das betonten Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des BDEW, Martin Roemheld, CEO EnBW Charging und Hubject-CEO Christian Hahn im Rahmen eines Pressegesprächs anlässlich der "Intercharge Network Conference 2026" ("icnc26") in Berlin. Von einer neuen, heiß diskutierten Studie der Technischen Universität München (TUM), die den Klimanutzen von E-Autos kritisch sieht, halten die drei indes wenig.

Hahn etwa erklärte, die E-Mobilität könne "zu einem Rückgrat der europäischen Industrie werden" – vorausgesetzt, es würden die passenden Rahmenbedingungen geschaffen. Dazu gehöre, Maßnahmen wie die Marktintegration von Speichern und Ladepunkten (Mispel) der Bundesnetzagentur und im EEG viel stärker miteinander zu verzahnen.

Konkurrenz um Netzanschlüsse

Die BDEW-Chefin verwies darauf, dass Ladeinfrastruktur in der Praxis mit anderen Verbrauchern und Einspeisern um Kapazitäten konkurriere. "Diese Konkurrenz um Netzanschlüsse müsse politisch adressiert werden", forderte Andreae. Künftig werde der Druck noch zunehmen – etwa durch das zusätzliche Laden elektrischer Lkw.

Ein grundsätzliches Kapazitätsproblem bestehe allerdings nicht. Werde ein neues Umspannwerk benötigt, "wird es gebaut", sagte Roemheld. Ob für Ladeinfrastruktur, Rechenzentren, Fabriken oder andere. Netzausbau orientiere sich am Bedarf.

Zusätzlich Schub gebe dem Hochlauf aktuell der gestiegene Preis für Kraftstoffe, so Andreae weiter. Sie räumte ein, E-Mobilität dürfe "kein hochpreisiges Nischenangebot", wie noch zu Beginn des Hochlaufs, bleiben. Vor diesem Hintergrund erneuerte Andreae die Forderung des BDEW, die Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß zu senken, damit Ladestrom günstiger wird.

94 Prozent würden wieder ein E-Auto kaufen

Nicht zielführend sei, dass E-Mobilität weiter teils mit Skepsis begegnet werde, gerade auch seitens der Politik. Dabei zeige eine neue repräsentative BDEW-Umfrage unter E-Auto-Nutzerinnen und -Nutzern: 94 Prozent von diesen würde wieder eines kaufen, so die Verbandschefin. Ebenfalls 94 Prozent würden den Kauf grundsätzlich Dritten empfehlen.

Nach den vom Verband genannten Kernaussagen verschieben sich Prioritäten mit zunehmender Erfahrung: Reichweite, Betriebskosten und das Laden spielten nach dem Kauf und mit Fahrpraxis "praktisch keine Rolle mehr", heißt es vom BDEW. Stärker in den Fokus rücken demnach Wertverlust und Lieferzeit.

E-Mobilität kein Luxus mehr

Zudem werde Elektromobilität wirtschaftlich attraktiver – durch höhere Öl- und Benzinpreise, geringere Wartungskosten, Steuererleichterungen, eine breitere Modellpalette und eine Annäherung der Preise von E-Pkw und vergleichbaren Verbrennermodellen. Der Anteil der Befragten aus Haushalten mit einem Nettoeinkommen unter 5000 Euro monatlich sei von 55 auf 67 Prozent gestiegen.

Beim Laden selbst setzten viele auf einfache Lösungen: 82 Prozent nutzten laut Verband aus Gründen der Einfachheit eine Lade-App oder Ladekarte, knapp 60 Prozent eine Preisvergleichs-App. Insgesamt sähen 91 Prozent die Erwartungen an das öffentliche Laden erfüllt, 55 Prozent sogar übererfüllt. Gleichzeitig verändere sich die Nutzung: Laden zu Hause und an Fernverkehrsstraßen nehme ab, Ladehubs innerorts gewännen an Bedeutung. Die 15-seitige Umfrage ist hier als PDF verfügbar.

"Ein E-Auto fällt nicht vom Himmel"

Auf Distanz gingen die drei Branchenvertreter zu einem am 1. September vorgestellten Whitepaper der TUM, das die Klimawirkung batterieelektrischer Fahrzeuge und die EU-Regulatorik kritisiert. Andreae beipsielsweise zeigte sich "verblüfft" und sagte: "Ein E-Auto fällt nicht vom Himmel. Hat irgendjemand gedacht, dass die Produktion kein CO2 verursacht?"

Das Studiendesign werfe Fragen auf; auch bei konservativer Betrachtung bleibe ein deutlicher Klimavorteil der Elektromobilität. Selbst wenn der Klimavorteil gegenüber einem vergleichbaren Verbrenner lediglich 41 Prozent betragen würde, dann seien es "immer noch 41 Prozent". Auch Roemheld betonte, jedes Fahrzeug verursache bei der Produktion CO2-Emissionen. EnBW Charging werde die Studie auswerten und anschließend kommentieren.

TUM: "Wissenschaftlich nicht begründbare Haltung"

Das TUM-Whitepaper unterstellt der Europäischen Kommission eine "wissenschaftlich nicht begründbare Haltung" zur Klimawirkung der E-Mobilität. Eine Kernaussage darin lautet, batterieelektrische Fahrzeuge würden die CO2-Emissionen im Vergleich zu Verbrennern im Durchschnitt nur um 41 Prozent reduzieren, die Kommission werte diese aber zu 100 Prozent als klimaneutral.

Das führe wiederum dazu, "dass das Ziel einer Reduktion von CO2-Emissionen im Pkw-Sektor bis 2030 von 188 Millionen Tonnen um über 100 Millionen Tonnen verfehlt werden wird", so die TUM. Das 93-seitige Whitepaper ist online als PDF verfügbar.

Vergleich mit Tankstelle hinkt

Beim Vergleich von elektrischer und konventioneller Mobilität mahnt Roemheld ebenfalls eine differenzierte Perspektive an. Das Laden mit der Tankstelle zu vergleichen, sei nur bedingt sinnvoll, weil Elektrofahrzeuge auch zu Hause oder am Arbeitsplatz geladen werden könnten. Passender sei der Vergleich mit der Telekommunikationsbranche.

Analog dazu erwartet er eine ähnliche, wettbewerbliche Marktentwicklung mit unterschiedlichen Produkten. Entscheidend sei, Wettbewerb zu ermöglichen – und nicht zu früh regulierend einzugreifen oder ein bestimmtes Produkt vorzuschreiben, so Roemheld.

Er rechne zudem damit, dass sich das Nutzungsverhältnis dreht: Künftig könnten etwa 80 Prozent der Menschen öffentlich laden, während rund 20 Prozent zu Hause oder beim Arbeitgeber laden. Zudem verwies er auf die technische Entwicklung: Ladezeiten von rund vier bis fünf Minuten seien technisch möglich. "Ein Case, bei dem Laden schneller ist als Tanken, ist keine Zukunftsvision, sondern technisch möglich", sagte Roemheld.

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